Eindrücke vor Ort
Trump-Show, ICE und Wucher? So war die WM für deutsche Fans vor Ort wirklich
Aktualisiert:
von Christopher Schmitt:newstime
Fans fassungslos nach WM-Aus (30. Juni)
Videoclip • 01:29 Min • Ab 12
Teure Preise, tote Hose, Trump-WM? Im Vorfeld der Weltmeisterschaft wurde viel geunkt. Vor Ort fühlte es sich anders an: Ein Fanclub-Vertreter berichtet von geklauten Pokalen, verschwundenen Fahnen und teuren Bierpreisen.
Das Wichtigste in Kürze
Die Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada endet am kommenden Sonntag (19. Juli) – Deutschland schaffte es nicht über das Sechzehntelfinale hinaus.
Doch wie war die Stimmung vor Ort – haben sich die Befürchtungen für die Weltmeisterschaft bestätigt oder zerstreut?
Unser :newstime-Reporter war drei Wochen in Nordamerika unterwegs, zudem schildert ein Fanclub-Vertreter seine Eindrücke.
Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada wurde teils mit großer Skepsis auf das Turnier geblickt: Wird Donald Trump die große Sportbühne für politische Selbstinszenierung nutzen? Müssen sich Anhänger:innen, insbesondere aus Südamerika, vor Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE fürchten? Ist das Turnier für Fans bezahlbar? Und kann in einem Land, in dem "Soccer" nicht zu den beliebtesten Sportarten zählt, echte WM-Stimmung aufkommen?
Mario Herb war für :newstime drei Wochen als Reporter in den USA und Mexiko unterwegs, um die Stimmung rund um die Stadien einzufangen. Der Fan-Club-Betreuer der Region Saarland vom Fanclub Nationalmannschaft, Martin Seyler, hat alle deutschen Partien vor Ort gesehen – und ist sogar zweimal geflogen. Sie beide blicken auf die größte WM der Geschichte zurück: Haben sich die Befürchtungen bestätigt?
Auch in den News:
Trump hält sich zurück – bis zum Infantino-Telefonat
Um Donald Trump war es im Zuge der WM lange auffällig ruhig. "Dieses Polarisierende und Politisierende hat sich für mich letztlich nicht gezeigt. Es war zum großen Teil eben nur eine Fußball-WM. Das Gefühl vor Ort hat sich für mich nicht so bestätigt, wie man es im Vorfeld annehmen konnte", berichtet der :newstime-Reporter.
"Es ist allein deshalb nicht zu einer Showbühne für Trump geworden, weil er ja selbst nie im Stadion war", fasst Herb zusammen. "Wenn er eingeblendet werden würde, würden sehr viele Leute ein Pfeifkonzert anstimmen", ist er sich sicher. Diesen Reputationsschaden – den er etwa bei den NBA-Finals durch Buh-Rufe erlitten hatte – wollte sich der US-Präsident offenbar sparen. "Für mich war er in den drei Wochen nicht präsent, ich hab nichts von ihm mitbekommen."
Dass der US-Präsident später sogar mit einem Anruf bei FIFA-Chef Gianni Infantino in den sportlichen Wettbewerb eingreifen sollte, war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht zu ahnen: Der US-amerikanische Spieler Balogun hatte im Achtelfinale gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte gesehen, nachdem er unbeabsichtigt auf dem Knöchel seines Gegenspielers Tarik Muharemovic gelandet war.
Trump bestätigte die Intervention später im Oval Office: "Ich habe um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war." Dieses Einkassieren der Sperre geriet zum größten Skandal dieser WM. "Das fanden selbst die Amerikaner schlecht", erinnert sich Fanclub-Vertreter Martin Seyler an entsprechende Gespräche in Taxis und Kneipen.
Trump hat sich seinen ersten Stadionbesuch bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land für das Endspiel aufgehoben. Bereits weit im Voraus hatte er sich für das Finale angekündigt und wenn am Sonntag (19. Juli, 21 Uhr) Spanien auf Argentinien trifft, wird sich der Republikaner das nicht entgehen lassen. Möglicherweise betritt er nach der Partie auch den Rasen in East Rutherford bei New York und übergibt den WM-Pokal.
"Ich habe nicht einen ICE-Beamten gesehen"
:newstime-Reporter Herb glaubt, dass die Regierung innenpolitisch sowie gesellschaftlich rund um die WM Ruhe ausstrahlen wollte. "Wenn die ganze Welt zu Gast ist, wenn das Scheinwerferlicht auf den USA liegt, denke ich, dass man bemüht ist, das in keine Richtung eskalieren zu lassen." Sein Eindruck sei, "dass man das bewusst alles erstmal eine Stufe zurückgefahren hat".
Dies gilt wohl auch für den Einsatz von ICE-Beamten: "Vor einem Monat konntest du schon davon ausgehen, dass da im Stadion die ICE-Truppen rumstehen und die Leute eincashen", berichtet Herb. "Ich hab nicht einen ICE-Beamten gesehen." Erst in den vergangenen Wochen rückte die Einwanderungsbehörde dann wieder in den Fokus, erneut haben ICE-Beamte getötet. Mexiko wendet sich deshalb sogar an die UNO. Rund um die WM scheinen die Einheiten jedoch kaum Präsenz gezeigt zu haben – eine politische Entscheidung?
Das Polizeiaufgebot sei zwar groß gewesen, habe sich jedoch keineswegs von dem unterschieden, was man aus Deutschland oder Europa kenne. Für den :newstime-Reporter sei "Angst zu wirklich gar keinem Zeitpunkt präsent" gewesen – ebenso wie für seine Gesprächspartner:innen vor Ort.
Auch Martin Seyler bestätigt diesen Eindruck. Einzig beim WM-Aus gegen Paraguay in Boston sei dem Anhänger der Nationalelf zufolge die Anspannung spürbar gewesen. Wenige Tage zuvor wurden vier Menschen in Massachusetts nach Fan-Feiern angeschossen. "Hubschrauber sind da über das Stadion gekreist", erinnert sich Seyler. Nach seinem Empfinden war die Polizeipräsenz dort höher als bei anderen Spielen.
Keine Probleme am Flughafen – und kein Pokal
Herb habe sich zu keinem Zeitpunkt unwohl oder unerwünscht gefühlt. Das Flughafenprozedere habe der Reporter sogar schneller und unkomplizierter hinter sich gebracht als gewohnt. "Ich hatte vor dem Flug den Gedanken: Machst du dein Handy auf Werkeinstellungen? Aber auch da ist gar nichts passiert."
Laut Seyler hätte man im Vorfeld freiwillig angeben können, welche Social-Media-Kanäle man nutze. Bei der Einreise hätten manche Fans die "üblichen Fangfragen" gestellt bekommen. Einige hätten Rückflug- oder Spieltickets vorzeigen müssen – soweit nicht ungewöhnlich.
Einen schmerzlichen Verlust musste der selbsternannte "WM-Pokal-Sammler" bei einem Flughafenbesuch allerdings hinnehmen: seine WM-Pokal-Replik, die er auch mehrfach mit ins Stadion genommen hatte. "Man kommt da halt einfach in den Kontakt", auch mit Fans anderer Nationen. So diente er auch nach dem Ausscheiden der Deutschen als beliebtes Fotomotiv auf der Fanmeile. Auch Sicherheitskräfte ließen sich damit fotografieren.
Beim zwischenzeitlichen Rückflug aus Toronto nach Hause war Seyler Teil einer kleinen Reisegruppe. "Einer von uns war kurz auf Toilette – und als er zurückgekommen ist, war der Pokal weg." Die Fans standen bereits kurz vorm Boarding, als sie den Diebstahl bemerkten. Gut, dass der Saarländer zuhause noch einen weiteren WM-Pokal hatte, der beim zweiten Teil seiner Tour mit auf Reisen ging.
Beim Foto (Martin Seyler links) mit einem Fan aus Curacao waren sowohl Pokal als auch Fahne noch in Fanclub-Besitz.
Bild: privat
FIFA sackt Fanclubfahne ein
Der Pokal war jedoch nicht das Einzige, was in Nordamerika verloren ging: Auch die Fahne von Seylers Fanclub aus dem Saarland, genauer dem Örtchen Michelbach, kehrte nicht mit zurück nach Deutschland. Diesmal war es jedoch kein klassischer Diebstahl, sondern offenbar eine Maßnahme des Weltverbands.
"Die Fanclub-Fahne wurde sozusagen eingesackt von der FIFA", berichtet der Fan. In den Stadien sei untersagt gewesen, die Fahnen über FIFA-Transparente zu hängen, auch beim Spiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto. Als die Mannschaft in die Kurve gekommen sei, sei ein von zwei mitgebrachten Bannern weggewesen – ebenso wie Fahnen anderer Fanclubs. Auch die Fanbetreuung konnte nicht helfen, die Fahne bleibt bislang verschwunden.
Mit 12.000 Anhänger:innen durch Toronto
In Sachen Stimmung erinnert sich Martin Seyler sehr gerne an Toronto. Er schwärmt von der Natur rund um den Lake Ontario und der Atmosphäre im zweiten Gruppenspiel. "Toronto war da sehr speziell und hatte da einen besonderen Charakter." Auch im Vergleich zu den sonstigen Partien sei die Stimmung besonders gut gewesen. "Da war unser Vorsänger richtig gut drauf an dem Tag, also außergewöhnlich."
Auch Herb denkt an den Fanmarsch mit 12.000 deutschen Fans in Kanadas Metropole zurück. Es sei bemerkenswert gewesen, zu sehen, wie viele die Reise auf sich genommen haben. Generell zeigt sich Seyler als Vertreter des Fanclubs Nationalmannschaft zufrieden mit dem Auftreten der deutschen Fans. Vor allem das Fahnenmeer hat ihm gefallen.
Als stimmungsvollstes Gegenüber habe er die Ecuadorianer:innen wahrgenommen, im Stadion habe man viel Gelb gesehen – und gehört. Auch die Anhänger:innen von Curaçao haben demnach ordentlich Alarm gemacht. Für :newstime-Redakteur Herb steht die Karibikinsel stellvertretend für kleine Nationen – wie etwa auch Usbekistan oder Jordanien – die im Vorfeld als sportlich untauglich bezeichnet wurden, deren Fans jedoch die meiste Stimmung machten.
Und die US-Fans? Herb erklärt, er habe eine andere Art von Sportbegeisterung wahrgenommen. Vorfreude habe kaum geherrscht, die US-Amerikaner:innen wollten erstmal sehen, was passiert. "Wir haben die USA-Spiele immer mit den Locals geguckt, dann haben die gegen Paraguay 4:1 gewonnen. Ab da hast du gemerkt, da geht ein Ruck durchs Land." Plötzlich habe man mehr Trikots auf der Straße gesehen – und mehr Fanartikel in den Läden.
Ein Light Beer "sprengt alle Wiesenpreise"
Bereits im Vorfeld war für diejenigen, die den Weg auf sich nehmen, klar: Günstig wird es nicht. "Man war auf einiges vorbereitet, dass es echt teuer wird", so Herb. "Ein amerikanisches Light-Beer hat 18 Dollar für etwa 600 Milliliter gekostet, das sind ungefähr 16 Euro. Das sprengt alle Wiesn-Preise."
Auch Seyler berichtet: "Also im Stadion war man gerade mal kurz für drei Bier 60 Dollar los." Das sei "schon Wahnsinn und nichtsdestotrotz habe ich sehr viele Leute gesehen, die eine Menge Bierbecher in der Hand hielten". "Es gab nichts umsonst", fasst Herb zusammen. "Das war schon extrem teuer."
Dabei macht die Versorgung vor Ort im Gegensatz zu Reise und Unterkunft nur einen kleinen Teil des WM-Budgets aus. "Ganz viele, mit denen ich gesprochen habe, die haben mindestens eine vierstellige, eher fünfstellige Summe in die Hand genommen, um sich den Trip leisten zu können."
Martin Seyler schätzt, dass Fans für die Vorrundenspiele inklusive Unterkunft und Verpflegung etwa 7.000 bis 10.000 Euro einrechnen mussten – abhängig davon, was man sich vor Ort leisten will. Sparpotenzial erkennt er am ehesten im Vermeiden von Direktflügen. Für manche habe es sich gelohnt, von Toronto nach New York mit dem vollbesetzten Auto zu fahren.
Wie fällt das WM-Fazit aus?
"Über allem steht, dass es besser war und ist, als viele im Vorfeld gedacht haben", fasst Mario Herb sein WM-Erlebnis jenseits des Atlantiks zusammen.
Dass die reine Fansicht durch das sportlich miserable Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft geprägt ist, ist nur logisch. "Viele haben ja wirklich die WM eingeplant, schon Jahre zuvor, weil die WM musstest du wirklich lange vorher planen", berichtet Seyler. Dies gelte auch für die Eventualitäten mit den Flexflügen und so weiter. Das frühe Ausscheiden gegen Paraguay war dementsprechend "wirklich schade". Gereist ist er noch weiter: beeindruckt von der Freundlichkeit der US-Amerikaner:innen, dem um eine Fahne und einen Pokal leichteren Gepäck – aber mit jeder Menge Eindrücken aus einem "Wahnsinnsland".
Verwendete Quellen:
Saarbrücker Zeitung: "Wer hat die Saar-Fahne bei der WM geklaut?"
Nachrichtenagentur dpa
:newstime verpasst? Hier aktuelle Folge ansehen
Mehr entdecken

Nach Drama um Timmy
Buckelwal Hartwin in Deutschland gesichtet? Ministerium äußert sich

Kritik wächst
CDU-Politiker fordert wegen Leihmutterschaft Rücktritt von Jens Spahn

FIFA bricht Regel
Madonna, Bieber und BTS: Diese Stars stürmen das WM-Finale

Finanzplan wirft Fragen auf
Trump unter Verdacht: Macht für Insider-Handel ausgenutzt?

Zweite Erde?
Leben im All? Sensationeller Fund auf Exoplanet LHS 1140b schürt Hoffnung

Neuer Parteichef
Burnham vor Wahl zum Premier: So will er Großbritannien revolutionieren

