Nahostkrise könnte Ukraine schwächen

Langer Krieg im Iran: Warum Selenskyj darin einen gefährlichen Vorteil für Russland sieht

Veröffentlicht:

von Benedikt Rammer

:newstime

Kein Ende des Iran-Kriegs in Sicht

Videoclip • 33 Sek • Ab 12


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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt, ein anhaltender Krieg im Iran würde Russland massiv nützen und die Ukraine zugleich schwächen. Im Interview mit dem US-Portal "Axios" erklärt er, warum steigende Öleinnahmen, gelockerte Sanktionen und knappe Waffenlieferungen für Kiew zum Problem werden könnten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Selenskyj warnt, ein langer Krieg im Iran würde Russland wirtschaftlich und politisch stärken, während die Ukraine unter knapper werdenden Waffenlieferungen leidet.

  • Nach ukrainischen Angaben unterstützt Russland den Iran direkt – unter anderem mit Satellitenbildern von Militärbasen und Know-how aus dem Ukraine-Krieg.

  • Kiew fürchtet, dass eine zukünftige US-Regierung auf territoriale Zugeständnisse drängen könnte, um den Ukraine-Krieg rasch zu beenden.

Wolodymyr Selenskyj hat in einem Gespräch mit dem US-Medium "Axios" eindringlich vor den Folgen eines langen Krieges im Iran gewarnt. "Ich bin sicher, Russland will einen langen Krieg. Sie haben Vorteile: Die USA konzentrieren sich auf den Nahen Osten und könnten die Militärhilfe für die Ukraine verringern. Sanktionen werden teilweise aufgehoben. Ich sehe nur Vorteile für Russland, wenn der Krieg mit Iran andauert", sagte der ukrainische Präsident dem Bericht zufolge per Zoom.

Der Grund: Russland profitiert vom aktuellen Anstieg der Ölpreise und von einer Lockerung der US-Sanktionen, die im Zuge der Energiekrise erfolgt sind. "Wenn sie jetzt mehr Geld aus Energie bekommen, hilft uns das nicht", erklärte Selenskyj. Russland könne seine ölbasierte Wirtschaft so stabilisieren und gleichzeitig weiter Krieg in der Ukraine führen.

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Sorge um Waffenlieferungen für die Ukraine

Selenskyj befürchtet, dass ein langwieriger Konflikt im Iran die Waffenlieferungen an die Ukraine stark beeinträchtigen könnte. Auf die Frage, ob ihn das sorge, antwortete er laut Axios: "Ich bin nicht nur besorgt, ich bin sicher, dass wir solche Herausforderungen haben werden. Absolut." Hintergrund ist, dass Luftabwehrsysteme, Abfangraketen und andere Waffen verstärkt im Nahen Osten gebraucht werden – und damit möglicherweise weniger verfügbar für die Ukraine sind.

Die Ukraine sieht zudem keinen Fortschritt in einem möglichen Friedensprozess, solange die USA politisch und militärisch vor allem mit dem Iran beschäftigt sind. Ukrainische Regierungsvertreter:innen betonen, dass es derzeit kaum Bewegung bei Verhandlungen gibt.

Auch in den News:

Ukrainische Unterstützung für Staaten im Nahen Osten

Das Interview mit "Axios" führte Selenskyj nach seiner Rückkehr aus dem Nahen Osten. Dort hatte er mit den Führungsspitzen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Jordanien gesprochen. Thema war laut Selenskyj auch mögliche Sicherheitsunterstützung durch die Ukraine, etwa beim Abschuss iranischer Drohnen.

Ukrainische Militärexpert:innen seien in den letzten Wochen in mehrere Länder der Region entsandt worden, um beim Schutz vor Drohnenangriffen zu helfen. "Sie sahen unser System, das verschiedene Verteidigungssysteme kombiniert, damit man sein Gebiet schützen kann", erklärte Selenskyj gegenüber Axios. Die Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg sollen damit an Partner im Nahen Osten weitergegeben werden.

Vorwurf: Russland hilft Iran mit Zielkoordinaten

Laut Selenskyj gehen die Einschätzungen der Nahost-Staats- und Regierungschef:innen zur weiteren Entwicklung des Iran-Krieges auseinander. Einige rechnen demnach mit einem längeren Konflikt, andere wünschen sich ein rasches Ende. Die ukrainische Empfehlung sei klar: "Unser Rat, wenn sie uns fragten, war, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden und zu Verhandlungen zu kommen – selbst wenn sie nicht gemeinsam mit Iran am Tisch sitzen können – und einen diplomatischen Weg zu finden, den Krieg zu beenden. Aber es liegt an den Parteien", so Selenskyj.

Hinter den Kulissen sieht die Ukraine Russland als Schlüsselfigur beim militärischen Vorgehen Irans. Selenskyj sagte Axios, Kiew habe Beweisen zufolge mit Regierungschef:innen im Nahen Osten Informationen geteilt, wonach Russland dem Iran Satellitenbilder von US- und europäischen Militärbasen sowie kritischer Infrastruktur in Ländern wie Saudi-Arabien, Katar, Jordanien und den VAE geliefert habe.

Der ukrainische Präsident begründet seine Einschätzung mit eigenen Erfahrungen: Russland habe vor Luftangriffen in der Ukraine ähnliche Aufklärungsbilder genutzt. "Ich denke, Russland unterstützt Iran direkt, zu 100 Prozent. Das gleiche Format, Satellitenbilder zu teilen, wie sie es im Fall der Ukraine getan haben", wird er zitiert. Zusätzlich sollen russische Kräfte dem Iran operative Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg weitergegeben haben – etwa beim Einsatz von FPV-Drohnen für Kurzstrecken-Angriffe.

Kein Kontakt zu Israel

Auffällig: Israel stand nicht auf Selenskyjs Reiseliste. Er sagte Axios, andere Länder hätten nach Beginn des Krieges im Iran um Hilfe aus der Ukraine gebeten, Israel jedoch nicht. Mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu habe er seit zwei Jahren nicht gesprochen. "Es ist Sache Israels zu entscheiden, ob es mit der Ukraine zusammenarbeiten will", betonte Selenskyj.

Auf die Frage, ob Netanjahu Wladimir Putin unterstütze, antwortete Selenskyj, er wisse es nicht. "Mein Gefühl ist, dass Netanjahu immer zwischen Russland und der Ukraine balancieren will, selbst wenn Russland Iran hilft. Er ist der Premierminister seines Landes, er muss entscheiden, was zu tun ist." Zugleich machte Selenskyj deutlich, dass er eine Kooperation grundsätzlich offen sieht: "Wir haben, was er braucht, und er hat, was wir brauchen … wir haben ein großes Defizit bei der Luftverteidigung. Aber wir haben Dinge, die Israel nicht hat, und wir sind bereit für diesen Dialog."

Druck aus Washington? Selenskyj fürchtet Gebietsforderungen

Mit Blick auf die USA äußert Selenskyj Sorge vor politischem Druck nach einem möglichen Ende des Iran-Krieges. Eine ukrainische Delegation hatte sich vor kurzem in Miami mit Trump-Vertrauten Steve Witkoff und Jared Kushner getroffen – ohne Ergebnis. Selenskyj befürchtet, dass eine US-Regierung unter Donald Trump später auf territoriale Zugeständnisse drängen könnte, um den Krieg zu beenden.

"Sie wollen den Krieg beenden. Meine Sorge ist, dass sie nur einen Weg sehen, das zu tun. Ich bin sicher, Präsident Trump und sein Team wollen den Krieg beenden. Aber warum müssen wir dafür bezahlen? Wir sind nicht die Aggressoren", sagte Selenskyj Axios. Er kritisiert, mögliche Pläne, ukrainische Truppen von eigenem Territorium zurückzuziehen, würden die Gefahr für die Sicherheit des Landes unterschätzen: "Sie sehen keinen anderen Weg, Putin zu stoppen, als ukrainische Truppen von unserem Gebiet abzuziehen. Meine Sorge ist, dass niemand wirklich die Gefahr einer solchen Entscheidung für unsere Sicherheit wertschätzt."

Wachsende Nervosität in Europa

In der Ukraine und in Europa wächst laut "Axios" die Sorge, dass eine US-Regierung weniger Druck auf Russland ausüben könnte. Diese Spannungen wurden dem Bericht zufolge bei einem G7-Treffen deutlich, bei dem es zu einem hitzigen Wortwechsel zwischen US-Außenminister Marco Rubio und der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas gekommen sein soll. Beide Seiten ringen darum, wie hart die Linie gegenüber Moskau bleiben soll, während der Fokus der USA derzeit stark auf dem Konflikt mit Iran liegt.


Verwendete Quellen:

Axios: "Exclusive: Zelensky says Russia winning from Iran war"

Nachrichtenagentur dpa

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