Der Grünen-Politiker im Porträt

Cem Özdemir: Seine Wurzeln und seine Visionen

Aktualisiert:

von Rebecca Rudolph

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Wahl-Hammer um Cem Özdemir

Videoclip • 04:35 Min • Ab 12


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Vom Sohn türkischer Gastarbeiter zum Gewinner der Wahl zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg: Cem Özdemirs Weg ist geprägt von Haltung, Brüchen und politischem Gestaltungswillen. Hier erfährst du mehr über seine Wurzeln, seine wichtigsten Stationen und wofür er heute steht.

Cem Özdemir Steckbrief

  • Name: Cem Özdemir

  • Geburtsdatum: 21. Dezember 1965

  • Beruf: Politiker (Bündnis 90/Die Grünen), vrstl. Ministerpräsident Baden-Württemberg

  • Ausbildung: Studium der Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg

  • Geburtsort: Bad Urach, Baden-Württemberg

  • Wohnort: Berlin

  • Familie: verheiratet, zwei Kinder

Cem Özdemir: Seine Anfänge als Erzieher, Sozialpädagoge und freier Journalist

Cem Özdemir wurde am 21. Dezember 1965 im schwäbischen Bad Urach (Kreis Reutlingen) geboren und wuchs als Einzelkind auf. Seine Eltern kamen Anfang der 1960er-Jahre als Gastarbeiter:innen nach Deutschland und haben sich in Deutschland kennen und lieben gelernt.

Nach seinem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Erzieher, die er 1987 in Reutlingen abschloss. Entgegen seiner ursprünglichen Entscheidung, direkt ins Berufsleben einzusteigen, beschloss er, die Fachhochschulreife an der Fachoberschule in Nürtingen nachzuholen.

Anschließend entschied sich Cem Özdemir für einen akademischen Weg und schrieb sich an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen in Reutlingen ein, die heute als Evangelische Hochschule Ludwigsburg bekannt ist. Dort verfolgte er sein Interesse an Sozialarbeit und entschied sich für ein Studium der Sozialpädagogik, das er im Jahr 1994 erfolgreich abschloss.

Während seiner Studienjahre arbeitete er als Erzieher in einem Jugendzentrum in Reutlingen. Parallel dazu sammelte er auch Erfahrungen als freier Journalist beim "Reutlinger General-Anzeiger" sowie beim Lokalradio.

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Bündnis 90/Die Grünen – Özdemirs Weg in die Politik ab 1981

Bereits in seiner Jugend interessierte sich der heutige Politiker für Ökologie und Nachhaltigkeit, er engagierte sich bei der Schülerzeitung an seiner Realschule, beim Verkauf von Dritte-Welt-Waren und beim Einsatz für ein Recyclingkonzept in seiner Geburtsstadt.

1981 trat Cem Özdemir der Partei Die Grünen (heute: Bündnis 90/Die Grünen) bei. Zwischen 1989 und 1994 war Cem Özdemir Mitglied im Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg. Anschließend wurde er als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Deutschen Bundestag gewählt, dem er zwei Legislaturperioden lang bis 2002 angehörte. Nach Kontroversen um dienstlich gesammelte, aber privat genutzte Bonusmeilen und einen Privatkredit folgte ab 2002 eine bundespolitische Auszeit in den USA und Brüssel.

Der Grünen-Politiker war von 2004 bis 2009 Abgeordneter des Europäischen Parlaments (Die Grünen/Freie Europäische Allianz) und fungierte als außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Als Europaabgeordneter übernahm Özdemir 2007 die Schirmherrschaft über den Christopher Street Day Stuttgart und setzte sich unter anderem für den Beitritt der Türkei in die EU ein.

Seit 2013 sitzt er wieder im Bundestag. Von 2008 bis Januar 2018 war Özdemir Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Mit seinem schwäbischen Akzent und seiner lockeren sowie humorvollen Art war der Politiker ein gern gesehener Polit-Talkshow-Gast.

2017 war er gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat seiner Partei bei der Bundestagswahl 2017. Dabei trat er im Wahlkreis Stuttgart I an und landete auf dem 2. Platz der Landesliste der Grünen Baden-Württemberg. Dadurch zog er in den 19. Deutschen Bundestag ein. Nachdem die Verhandlungen zur Bildung einer Jamaika-Koalition gescheitert waren, bei denen Cem Özdemir als potenzieller Außenminister gehandelt wurde, entschied er sich Ende 2017, vorerst aus der vordersten Reihe der Spitzenpolitik zurückzutreten.

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Cem Özdemir über seine Doppelfunktion als Landwirtschafts- und Bildungsminister

Im Herbst 2019 kündigte Özdemir an, gemeinsam mit der Bremer Bundestagsabgeordneten Kirsten Kappert-Gonther für das Amt des Vorsitzenden der Grünen-Bundestagsfraktion zu kandidieren und somit die bisherigen Vorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter ablösen zu wollen.

Bei der Wahl am 24. September 2019 unterlag Özdemir dem bisherigen Fraktionsvorsitzenden Hofreiter, der mit 58,21 Prozent der Stimmen von den Grünen-Abgeordneten in seinem Amt bestätigt wurde. Auch Kappert-Gonther konnte sich nicht gegen die Amtsinhaberin Göring-Eckardt durchsetzen, die 61,2 Prozent der Stimmen gewann.

Von 2018 bis 2021 fungierte er als Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur des Deutschen Bundestages. Bei der Bundestagswahl 2021 gewann Özdemir erstmals ein Direktmandat in seinem Stuttgarter Wahlkreis.

Innerhalb der Ampel-Koalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) übernahm er im Dezember 2021 das Amt des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft, das er bis Mai 2025 innehatte. Nach dem Bruch der Ampel-Koalition übernahm er im November 2024 kommissarisch zusätzlich das bis dahin FDP-geführte Bildungsressort.

Im Mai 2025 wurde Özdemir auf dem Grünen-Parteitag in Heidenheim mit 97 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Baden-Württemberg gekürt. Er tritt damit als Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann an, der nach 15 Jahren nicht mehr kandidiert. Die Landtagswahl fand am 8. März 2026 statt. Die Grünen haben die Landtagswahl in Baden-Württemberg knapp mit 30,2 Prozent gewonnen, Cem Özdemir wurde zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Politische Highlights von Cem Özdemir

  • 1989-1994: Mitglied im Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg

  • 1994: Einzug in den Bundestag

  • 2004-2009: Abgeordneter des Europäischen Parlaments

  • 2008 bis 2018: Bundesvorsitzender der Grünen

  • 2017: Spitzenkandidat der Grünen zur Bundestagswahl

  • 2018-2021: Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur des Deutschen Bundestages

  • 2021-2025: Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft

  • 2024-2025: Bundesbildungsminister

  • 2026: Wahl zum Ministerpräsidenten Baden-Württemberg

Wir sind auf Weltoffenheit angewiesen. Aber Einwanderung muss viel stärker gesteuert werden. Das bedeutet eben auch, die Frage der irregulären Migration und ihrer Begrenzung ernst zu nehmen.

Cem Özdemir zur Landtagswahl 2025

Cem Özdemirs Einstellung und Haltung

Özdemirs Agrarpolitik: mehr Bio und bessere Tierhaltung

Als Minister für Landwirtschaft verfolgte Cem Özdemir die Ziele, den Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln unabhängig von Herkunft und Geldbeutel zu ermöglichen, die Existenz der "systemrelevanten Arbeit" der Landwirtschaft zu sichern und die Lebensgrundlagen zu schützen, um sie "auch übermorgen" noch nutzen zu können.

Özdemir nannte drei Kernziele für seine Agrarpolitik:

  1. Tierwohl und faire Preise: Özdemir setzte sich dafür ein, dass Menschen bereit sein sollten, mehr Geld für Tierwohl zu bezahlen, wenn es bei den Landwirten ankomme. Gleichzeitig sollte Fleisch bezahlbar bleiben.

  2. Abkehr von "Wachse oder weiche": Er kritisierte den Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft, der zu großen Tierfabriken führe, und betonte: "Wachse oder weiche, das will ich ändern."

  3. Zusammenführung verschiedener Ziele: Özdemir wollte eine gesunde und bezahlbare Ernährung, Wertschätzung für die Bauern sowie Klimaschutzziele miteinander verbinden.

Inmitten der Bauernproteste 2024 gegen die Kürzung klimaschädlicher Vergünstigungen bei Agrardiesel und Kfz-Steuer stellte sich Cem Özdemir an die Seite der Landwirt:innen und kritisierte bei einer Großdemonstration in Berlin die geplanten Streichungen mit den Worten: "Ich halte nichts von den Streichungen in diesem Umfang"; kurz darauf nahm die Bundesregierung einen Teil der Kürzungen zurück.

Der Grünen-Politiker wollte seine Agrarpolitik an bestehenden Konzepten zur Weiterentwicklung des Agrar- und Ernährungssektors ausrichten, insbesondere an den Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft und der Borchert-Kommission.

Zugleich sah sich Özdemir im Zuge der Proteste im Januar 2024 Kritik ausgesetzt, nachdem die Ampel-Koalition wegen der angespannten Haushaltslage den Abbau der Steuerbegünstigung beim Agrardiesel geplant hatte, diesen nach Protesten der Landwirtschaftslobby jedoch auf mehrere Schritte streckte.

Özdemir kritisierte die vorherige Regierung, stellte sich erneut auf die Seite der Bäuer:innen und erklärte im "Morgenmagazin" von ARD und ZDF: "Der Karren ist so tief im Dreck, um mal bildlich zu sprechen, dass wir alle miteinander arbeiten sollten und jetzt nicht so sehr Parteipolitik machen sollten, wie es meine Vorgängerin vorher gemacht hat." Zudem betonte er, dass er mit den geplanten Subventionskürzungen für Landwirt:innen nicht einverstanden sei und als Fachminister nicht einbezogen worden sei: "Wäre dies der Fall gewesen, wären die Beschlüsse so nicht gekommen."

Legalisierung von Cannabis

Cem Özdemir befürwortet die Cannabis-Legalisierung ausdrücklich und erklärte: "Niemand soll sich die Birne wegkiffen, aber ich freue mich, dass der Irrsinn des Cannabis-Verbots endlich endet", da eine Legalisierung aus seiner Sicht den Jugend- und Verbraucherschutz stärke und die Polizei entlaste, die sich stärker auf den Schwarzmarkt harter Drogen konzentrieren könne.

2023 legten Karl Lauterbach (SPD) und Özdemir gemeinsame Reformpläne vor. Seit Inkrafttreten des Cannabisgesetzes im April 2024 ist der Besitz von bis zu 25 Gramm Cannabis zum Eigenbedarf straffrei, der private Anbau von maximal drei Pflanzen pro volljähriger Person erlaubt sowie der gemeinschaftliche Anbau in staatlich kontrollierten Anbauvereinen möglich. Zudem soll in Modellregionen die kontrollierte Abgabe über lizenzierte Fachgeschäfte erprobt werden, um Gesundheits- und Jugendschutz zu stärken.

Die Reform stieß auf scharfe Kritik, unter anderem von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der von einem "Irrweg" sprach, sowie von Thorsten Frei (CDU), der das Vorhaben als "gefährlich und naiv" bezeichnete, während die Unionsfraktion den Stopp der Legalisierung forderte und den Gesetzentwurf als unverantwortlich kritisierte. Die CDU macht bis heute Druck für eine Rücknahme der Cannabis-Legalisierung.

Özdemir sieht zugleich wirtschaftliche Chancen für die Landwirtschaft und sagte 2021: "Viele Bäuerinnen und Bauern stehen in den Startlöchern, um Hanf anzubauen", wobei die kontrollierte Abgabe auch die Qualität sichere und Verunreinigungen verhindere.

Bereits 2014 nahm er an der ALS Ice Bucket Challenge teil, wobei im Hintergrund eine Hanfpflanze zu sehen war, was er als "sanftes politisches Statement" bezeichnete. Zudem forderte er, dass jede Person über 18 selbst über ihren Cannabiskonsum entscheiden solle. 2015 wurden Ermittlungen wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen ihn aufgenommen, jedoch wegen Geringfügigkeit eingestellt.


Privatleben und Familie des Politikers

Cem Özdemir stammt aus Bad Urach und ist Sohn türkischer Gastarbeiter. Sein Vater arbeitete in mehreren Fabriken, seine Mutter betrieb eine eigene Änderungsschneiderei. Özdemir hat aus seiner ersten Ehe eine Tochter und einen Sohn. In Interviews erwähnte er seinen Sohn, etwa im Zusammenhang mit Diskussionen über Hausaufgaben oder beim Thema Social Media, wo er sagte: "Auch ich – und ich bilde mir wirklich ein, mobiltelefonaffin zu sein. Aber mein Sohn ist immer eine halbe Nasenlänge vor mir".

Am 14. Februar 2026, kurz nach Mitternacht, heiratete Özdemir seine Partnerin Flavia Zaka im Tübinger Rathaus. Die beiden hatten ihre Beziehung im August 2024 öffentlich gemacht. Özdemir war zuvor 20 Jahre mit der argentinischen Journalistin Pia Castro verheiratet Das Paar gab im November 2023 seine Trennung bekannt.

Schon früh entdeckte Özdemir seine Leidenschaft für das Schreiben und den Journalismus. So wundert es nicht, dass er bereits drei Bücher veröffentlicht hat. 1997 erschien seine frühe Autobiografie "Ich bin ein Inländer", zwei Jahre später veröffentlichte er das Buch "Currywurst und Döner – Integration in Deutschland". 2008 kam sein erstes Jugendbuch unter dem Titel "Die Türkei: Politik, Religion, Kultur" heraus.

Er bezeichnet sich selbst als "anatolischer Schwabe" und lässt bei Terminen in Baden-Württemberg gerne seinen Dialekt durchscheinen. Der Grünen-Politiker ist schon seit seiner Jugend bekennender Vegetarier. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Fan des VfB Stuttgart und Mitglied des 2015 gegründeten VfB-Fanclubs für Mitglieder des Bundestags.

FAQ: Cem Özdemir

Nachdem Cem Özdemir eine Ausbildung zum Erzieher absolvierte, studierte er Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Cem Özdemir bezeichnet sich als "anatolischen Schwaben", er ist nicht nur mit Türkisch und Deutsch aufgewachsen, sondern auch mit dem Schwäbischen.

Die genauen Geburtsdaten und Namen der Kinder hält die Familie aus Gründen der Privatsphäre weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Die Kinder sind im schulpflichtigen Alter, spezifische Altersangaben oder Geburtstage sind nicht öffentlich.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

gruene-bw.de: "Cem Özdemir"

swr.de: "Özdemir heiratet am Samstag zum zweiten Mal"

Deutscher Bundestag: "Özdemir: Landwirte brauchen eine verlässliche Perspektive"

Die Bundesregierung: "Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft"

Tagesschau: "Politisch herzlich wenig passiert"

Der Westen: "Karl Lauterbach: Scharfe Kritik an Cannabis-Legalisierung – „Gefährlich und naiv"

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