Debatte um Leistung

"Der Ton macht die Musik": Kevin Kühnert wird bei "Hart aber fair" plötzlich wieder zum Angreifer

Aktualisiert:

von Claudia Scheele

Ex-Politiker Kevin Kühnert (SPD) in der ARD-Talkshow "Hart aber fair" am 2. Februar 2026.

Bild: Panama Pictures


In der ARD-Talkshow "Hart aber fair" diskutieren Politiker:innen, Unternehmer und Beschäftigte über Arbeitsmoral und Leistungsgerechtigkeit. CDU-Ministerpräsident Sven Schulze verteilt Fleißnoten, Moderator Louis Klamroth hakt oft zu wenig nach – und Kevin Kühnert zeigt, dass sein altes Streitpotenzial noch da ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • In "Hart aber fair" diskutieren Sven Schulze (CDU), Kevin Kühnert und weitere Gäste über Arbeitsmoral, "Lifestyle-Teilzeit" und Leistungsgerechtigkeit.

  • Schulze bezeichnet die Menschen als "sehr fleißig", geht auf Abstand zum Begriff "Lifestyle-Teilzeit", vermeidet aber eine klare Kritik an der eigenen Partei.

  • Ex-SPD-Generalsekretär Kühnert wirkt zunächst moderat, zeigt in der Erbschaftsteuer-Debatte mit Unternehmer David Zülow jedoch seine alte Streitlust und kritisiert Privilegien für Erb:innen als "zutiefst ungerecht".

Spitzenleute der Union fordern die Bürger:innen seit Wochen auf, mehr zu arbeiten. "Kein Aufschwung, Jobs in Gefahr: Wer muss jetzt mehr leisten?", so formuliert Moderator Louis Klamroth das Thema der Sendung "Hart aber fair". Es geht um Krankheitstage, Teilzeit und die Frage, wie gerecht Leistung und Vermögen in Deutschland verteilt sind.

Zu Gast ist unter anderem Sven Schulze, frisch gewählter CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt – ein Bundesland, das sich gern als "Land der Frühaufsteher" präsentiert. Klamroth fragt ihn provokant, ob die Menschen dort "alle schon fleißig genug" seien. Schulze antwortet freundlich, in Sachsen-Anhalt wie in ganz Deutschland seien die Leute "sehr fleißig".


Schulze und die "Lifestyle-Teilzeit"

Genau hier hätte Klamroth nachfassen können: Sollten Spitzenpolitiker überhaupt den Fleiß von Bürger:innen bewerten? Stattdessen kann Schulze sich ausführlich äußern. Mit Blick auf die von seiner Partei geprägte Debatte über "Lifestyle-Teilzeit" sagt er, "so eine Debatte zu führen und pauschal zu urteilen, das ist total falsch". Kurz darauf betont er jedoch, die Diskussion sei wichtig – ein Widerspruch, den der Moderator unkommentiert stehen lässt.

Später in der Runde fragt Klamroth doch noch, ob die CDU mit ihren Äußerungen nicht "ziemlich vielen fleißigen Menschen vor den Kopf gestoßen" habe. Noch bevor Schulze antworten kann, rufen der Unternehmer David Zülow und die Kindheitspädagogin Sophie Brauer energisch "Ja!". Schulze lächelt, geht aber nur vorsichtig auf Distanz. Man müsse sehr aufpassen, "wie man eine Debatte führt", sagt er. Den Begriff "Lifestyle-Teilzeit" hätte er "niemals genutzt", solche "Vokabeln" schadeten der Sache. Zugleich stellt er klar: "Politik hat sich nicht in solche Themen einzumischen."

Kühnert gibt den abgeklärten Beobachter

Auf dem Papier ist Schulze der ranghöchste Gast. Die meiste Aufmerksamkeit zieht aber Kevin Kühnert auf sich. Der frühere Juso-Chef und SPD-Generalsekretär hatte sich 2024 aus der aktiven Politik zurückgezogen und arbeitet inzwischen beim Verein "Finanzwende". Jetzt sitzt er wieder im Talkshow-Studio – als Interessenvertreter und politischer Beobachter.

Kühnert kritisiert die Union deutlich zurückhaltender als früher. Zur Teilzeit-Debatte sagt er nur, "der Ton macht die Musik". Von "allgemeiner Wählerbeschimpfung", wie es die Journalistin Helene Bubrowski nennt, spricht er nicht. Er selbst versuche, "mir den Parteipolitiker wirklich abzutrainieren und einfach nur Beobachtungen dabei zu machen". Dabei klingt er stellenweise fast wie Wirtschaftsminister Robert Habeck: Viele Konflikte drehten sich um die Frage "Wofür sollen wir uns mehr anstrengen?". Politik müsse ein Bild von der Zukunft zeichnen, damit Menschen bereit seien, mehr zu leisten.

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Alte Streitlust in der Erbschaftsteuer-Debatte

Als es in der Runde um die Erbschaftsteuer geht, meldet sich dann doch der altbekannte Kämpfer Kühnert zurück. Er gerät mit dem nordrhein-westfälischen Elektrotechnik-Unternehmer Zülow aneinander. Zülow behauptet, "wenn einer nicht mit Geld umgehen kann, dann ist es der Staat. Das steht so sicher wie das Amen in der Kirche". Egal, wie viele Steuergelder der Staat in den vergangenen Jahren ausgegeben habe, "am Ende des Tages sind weder die Arbeitsbedingungen einer Erzieherin besser geworden noch die Einkommenssituation", das Geld "versackt irgendwo". Daraus leitet er ab, der Staat solle sich bei Erbschaften am besten heraushalten.

Kühnert nennt diese Darstellung "in vielen Bereichen der Ausführung (…) das, was man als Polemik auch begreifen darf" und erklärt ruhig, aber scharf das Prinzip der Erbschaftsteuer. Was Zülow fordere, sei nichts anderes als eine Besserstellung von Erb:innen gegenüber Arbeitnehmer:innen. "Das ist zutiefst ungerecht, es konzentriert Vermögen und sorgt dafür, dass wir Superreiche am langen Ende produzieren", warnt der ehemalige SPD-Generalsekretär.


Verwendete Quellen:

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