Arbeitnehmerrechte

SPD-Vize kritisiert Union: Angebliche Lifestyle-Teilzeit habe "mit den Realitäten nichts zu tun"

Veröffentlicht:

von Jana Wejkum

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CDU will "Lifestyle-Teilzeit" bekämpfen

Videoclip • 01:58 Min • Ab 12


Sind deutsche Arbeitnehmer:innen faul und müssten mehr arbeiten? Diesem Narrativ der Union widerspricht SPD-Vize Alexander Schweitzer vehement.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Alexander Schweitzer kritisiert den Vorschlag des Wirtschaftsflügels der Union, den Anspruch auf Teilzeit einzuschränken. Schon der Titel des Antrags, "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit", gehe an den Realitäten vorbei, sagte Schweitzer im Interview mit dem Deutschlandfunk am Montag (26. Januar).

"Diese Wahrnehmung unseres Arbeitsmarkts hat mit den Zahlen, die wir kennen, nichts zu tun. Wir haben alleine 2023 1,3 Milliarden Überstunden gehabt in Deutschland", argumentierte Schweitzer.

Das seien Menschen in Vollzeit oder Teilzeit, "die Überstunden leisten, weil sie richtig fleißig sind". Die Unterstellung aus der Union, "dass wir ein Volk der faulen Arbeitnehmer sind, hat ebenfalls mit den Realitäten nichts zu tun", sagte Schweitzer.

Schweitzer: Mehr Flexibilität gegen unfreiwillige Teilzeitarbeit

Aus seiner Sicht habe die Union eine Debatte angestoßen, die an den Problemen im Arbeitsmarkt vorbeigeht. "Tatsächlich ist es so: Viele Menschen, insbesondere Frauen und ältere Menschen, sind unfreiwillig in Teilzeit", weil die Rahmenbedingungen nicht stimmten oder das Unternehmen die benötigte Personal- und Arbeitszeitpolitik nicht anbieten könne.

Der Antrag gebe darauf keine Antworten. "Man braucht flexible Modelle und sie müssen zum Leben der Menschen passen, dann hat man auch das Arbeitsvolumen, das man braucht", fordert Schweitzer.

Unionsantrag: Teilzeit nur aus "besonderen Gründen"

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) fordert, Teilzeitarbeit nur noch aus besonderen Gründen zu erlauben. Das geht aus einem Antrag der MIT an den CDU-Bundesparteitag im Februar hervor. Dieser trägt den Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit". Zu den besonderen Gründen zählt die MIT Kindererziehung, Pflege von Angehörigen und Fort- und Weiterbildungen.

Begründet wird das mit einer Rekord-Teilzeitquote in Deutschland, sowie dem Fachkräftemangel.

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Kritik aus den eigenen Reihen

Für den Vorschlag hagelt es Kritik. Man könne nicht "Menschen beschimpfen", sondern müsse die Bedingungen dafür schaffen, dass Menschen und vor allem Frauen mehr arbeiten können, so Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch gegenüber dem Deutschlandfunk.

Ines Schwerdtner, Vorsitzende der Linken, argumentierte in der "Rheinischen Post": "Das Recht auf Teilzeit als 'Lifestyle' zu diffamieren, ist respektlos gegenüber Millionen, die Kinder großziehen, Angehörige pflegen oder schlicht versuchen, Arbeit und Leben unter einen Hut zu bringen."

Auch aus eigenen Reihen werden kritische Stimmen laut: So bemängelt Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Sozialflügels, gegenüber der Funke-Mediengruppe: "Mit einer solchen Einschränkung zäumen wir das Pferd von der falschen Seite auf." Um aus der Teilzeitfalle herauszukommen, müssten Rahmenbedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege verbessert werden. Zudem sollten Familien selbst entscheiden können, wann Teilzeit nötig sei.

Niedriger Anteil von tatsächlicher "Lifestyle-Teilzeit"

Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, bezweifelt im Deutschlandfunk, dass es eine nennenswerte Zahl an Lifestyle-Teilzeitbeschäftigten gibt. "Die Gruppe derjenigen, die es sich leisten können, nur Teilzeit zu arbeiten, die ist sehr, sehr gering, da reden wir vielleicht vom einstelligen Prozentbereich", sagte Sell.

Tatsächlich arbeiteten 2025 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. Wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gegenüber dem WDR erklärt, stieg ihre Zahl aber nicht, weil Vollzeitbeschäftigte Arbeitszeit reduzieren. Es würden stattdessen mehr Arbeitsstunden geleistet. Eine höhere Anzahl von Frauen, die Teilzeit etwa in der Pflege oder Erziehung arbeiten, sorgt laut IAB-Auswertung für den Anstieg der Teilzeitquote.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

Deutschlandfunk: "Schweitzer (SPD) kritisiert Debatte um 'Lifestyle-Freizeit'"

Rheinische Post: "CDU-Wirtschaftsflügel will Teilzeit-Anspruch stutzen"

WDR: "Teilzeitquote auf dem Höchststand – woran liegt’s?"

Funke/Berliner Morgenpost: "Recht auf Teilzeit kippen? Pläne des CDU-Wirtschaftsflügels stoßen auf Kritik"

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