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Zwischen Familie und Macht: War Jens Spahns Rücktritt Naivität oder Kalkül?
Aktualisiert:
von Emre Bölükbasi:newstime
Unionsfraktionschef Spahn tritt zurück (18. Juli)
Videoclip • 03:49 Min • Ab 12
Durch ein einziges Foto stand die Union plötzlich in Flammen. Nach Bekanntwerden der Leihmutterschaft legt Jens Spahn sein wichtigstes Amt nieder. War das politische Blindheit oder ein cleverer Schachzug?
Das Wichtigste in Kürze
Jens Spahn wird über eine Leihmutter in den USA Vater – und tritt nur Tage später als Unions-Fraktionschef zurück.
Kritiker:innen werfen ihm Doppelmoral vor, denn seine eigene Partei lehnt Leihmutterschaft strikt ab.
War es ein Fehler aus Naivität oder ein kühl berechneter Schachzug?
Ein Lächeln, ein Baby, ein perfektes Familienfoto – und binnen 72 Stunden bricht in der Union das Chaos aus. So schnell kann aus privatem Glück ein politisches Erdbeben werden. Genau das ist Jens Spahn (CDU) kurz vor der parlamentarischen Sommerpause passiert – mit der großen Debatte um die Leihmutterschaft.
Die Frage, die im Raum steht: Hat er sich schlicht verkalkuliert – oder steckt hinter seinem Rücktritt ein knallhartes politisches Kalkül?
:DECODED – das Video zum Spahn-Rücktritt:
Leihmutterschaft bringt Stein ins Rollen
Der Hintergrund des großen Unmuts: Jens Spahn und sein Ehemann sind Väter geworden, ausgetragen hat eine Leihmutter in den USA das Kind. Kaum war die Nachricht draußen, folgte auf Instagram das dazu passende Bilderbuch-Familienfoto.
Was wie eine reine Herzensgeschichte wirken sollte, wurde binnen Tagen zur Lawine: Erste Unionspolitiker:innen forderten öffentlich Spahns Rücktritt als Fraktionschef – jenem Posten, der ihn hinter Friedrich Merz zum zweitwichtigsten Mann der Union gemacht hatte. Nur drei Tage später zog Spahn tatsächlich die Reißleine und gab seinen Rücktritt bekannt. Sein Bundestagsmandat wolle er dennoch behalten.
Erste Parteikollegen Spahns werden laut
Der Sprengstoff liegt in einem eklatanten Widerspruch. In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten, CDU und CSU stehen seit jeher fest hinter diesem Verbot – Kinder seien schließlich keine Ware, ein Mutterbauch nicht zu mieten. Ausgerechnet Spahn selbst hat diese Haltung über Jahre mit besonders scharfen Worten vertreten. Schon 2015 sagte er dem Magazin "GQ": "Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden."
Dass er nun selbst über eine Leihmutterschaft im Ausland Vater wurde – ein Weg, der laut gängigen Schätzungen schnell mehr als 200.000 Dollar kostet und damit für die meisten Menschen unerreichbar bleibt –, brachte ihm prompt den Vorwurf der Doppelmoral ein.
Marion Rosin von der CDU-Frauen-Union bringt den Unmut in der Partei im :newstime-Interview auf den Punkt: "Leihmutterschaft ist in Deutschland aus guten ethischen Gründen verboten. Wer dieses Verbot durch eine Auslandslösung umgeht, der handelt zwar möglicherweise legal, setzt sich aber über den Geist des deutschen Gesetzes hinweg."
Alle :DECODED-Folgen:
Nicht die erste große Spahn-Debatte
Für viele ist es nicht der erste Stolperstein in Spahns Karriere – eher der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Skandalserie. Laut "T-Online" kauften und sanierten Spahn und sein Partner mitten in der Pandemie eine Berliner Villa für 5,5 Millionen Euro, finanziert zu rund 80 Prozent über Kredite ausgerechnet jener Sparkasse Westmünsterland, in deren Verwaltungsrat Spahn zuvor selbst gesessen habe. Verkauft habe er die Immobilie später mit Verlust, das Timing sei "der falsche Zeitpunkt" gewesen, wie er selbst eingestand.
Noch schwerer wiegt der Masken-Skandal: Sonderermittlerin Margaretha Sudhof kommt in ihrem Bericht zu dem Schluss, Spahn habe bei milliardenschweren Maskendeals gegen den Rat eigener Expert:innen gehandelt – ihm werden darin "fehlendes ökonomisches Verständnis und politischer Ehrgeiz" vorgeworfen. Seine Verteidigung damals: Es habe sich um einen "gesundheitlichen Kriegsfall" gehandelt.
Auch in den News:
Naiver und instinktloser Spahn?
Genau diese Vorgeschichte nährt im Fall der Leihmutterschaft Theorie eins: die der Naivität. Spahn könnte die Stimmung in der eigenen Partei schlicht falsch gelesen haben. Er habe Kanzler Merz nach eigener Aussage erst wenige Tage vorher informiert – Merz kritisierte das im ZDF-Sommerinterview offen: "Wenn wir Zeit gehabt hätten, hätten wir das in Ruhe besprechen können, aber die Zeit hatten wir nicht." Mit einer derartigen Empörungswelle habe er nicht gerechnet, "zumindest nicht in diesem Umfang", so Merz weiter.
Politikwissenschaftler Oliver Lembcke beschreibt den Ablauf gegenüber :newstime so: "Abzusehen war das, glaube ich, am Anfang noch nicht wirklich." Die Entwicklungen hätten aber den Unionspolitiker "quasi lawinenartig" fortgerissen.
Zwei Fehler seien es gewesen, die Spahn zum Verhängnis wurden, so Lembcke weiter: "Er hat erstens eine gewisse politische Instinktlosigkeit gegenüber seiner eigenen Partei bewiesen. Er hat nicht gedacht, dass diese Frage so wichtig ist, dass er daran scheitern würde." Und: "Zweitens hat er auch die Gelegenheit versäumt, rechtzeitig deutlich zu machen, dass es mit ihm anders steht, dass er eine Lebensplanung hat, die sich nicht mit dem Parteiprogramm gewissermaßen der CDU deckt."
CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach zieht daraus im Gespräch mit :newstime eine klare Linie: "Hier darf es kein Augenzwinkern geben. Die Regeln gelten für alle. Und wer dann wie Jens Spahn einen Umgehungstatbestand nutzt, der nicht verboten ist, aber auch politisch nicht klug, nicht legitim ist, dann sind Konsequenzen unausweichlich."
"Erpresst" Spahn indirekt seine Partei?
Doch es gibt eine zweite, deutlich kühlere Lesart: die des Kalküls. Spahn gilt in Berlin als durchtriebener Machtpolitiker mit großen Ambitionen – manche sehen in ihm sogar den nächsten CDU-Kanzlerkandidaten.
:newstime-Reporterin Merle Giesel zufolge wollte Merz "mit einem positiven Bild in die parlamentarische Sommerpause starten". " Jetzt hat aber dieses positive Bild zwei ganz große Risse bekommen. Einmal durch Kai Wegner hier in Berlin, der nicht mehr für das Amt des Bürgermeisters antritt, weil er sich in Lügengeschichten verstrickt hat, und jetzt von Friedrich Merz auch noch seinen wichtigsten Mann, den Unionsfraktionsvorsitzenden, weil er ein Glaubwürdigkeitsproblem hat."
Oliver Lembcke sieht darin sogar einen strategischen Nebeneffekt – "nämlich dass er jetzt quasi, egal welches Krisenmanagement er betreibt, im Grunde genommen die eigene Partei und den eigenen Kanzler so ein bisschen erpresst."
Auffällig ist jedenfalls das Timing: Die Ankündigung platzierte er kurz vor der Sommerpause und nur wenige Tage, bevor Merz selbst ins ZDF-Sommerinterview musste – eigentlich, um über politische Erfolge zu sprechen.
Für die Kalkül-These würde also sprechen, dass ein so talentierter und trotz seines jungen Alters erfahrener Politiker wie Spahn einen solchen handwerklichen Fehler schlicht nicht machen würde. Ob er mit seinem Rücktritt vom Posten des Fraktionschefs die früheren Skandale in den Hintergrund rücken und das Image eines Politikers etablieren wollte, der seine Familie über alles andere stellt? Das bleibt zunächst Spekulation.
Spahn zwischen Familienglück und politischer Verantwortung
Wie ordnete aber Spahn selbst die Debatte um die Leihmutterschaft ein? Im Ronzheimer-Podcast erklärte Spahn seine Entscheidung derweil sehr persönlich: "Ich habe lange mit mir gerungen, auch was das Thema Leihmutterschaft angeht, bin ja lange zerrissen gewesen, aber eben über dieses Ringen und sich mit dem Thema beschäftigen, haben wir uns für diesen Weg entschieden."
Neuanfang oder weniger Stabilität?
Am Ende bleiben zwei Bilder von Spahn, die sich kaum vereinen lassen – Naivität auf der einen, Kalkül auf der anderen Seite. Nach seinem Rücktritt erklärte er: "Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt."
Merz selbst brachte es auf X später auf eine knappe Formel: "Die Entscheidung ist richtig und war unvermeidlich. Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut."
Für die einen bleibt Spahns Abgang ein Verlust, weil er die Regierung stabilisiert habe. Für die anderen ist er die Chance auf einen Neuanfang, befreit von alten Skandalen. Ob am Ende politische Instinktlosigkeit oder kühles Kalkül den Ausschlag gab, lässt sich nicht abschließend beweisen – die Wahrheit dürfte, wie so oft in der Politik, irgendwo dazwischen liegen.
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