Sorge um Ostsee-Buckelwal

Meeresbiologe über Timmy: "Wir haben diesen Wal zu Tode gerettet" – droht Hartwin das gleiche Schicksal?

Veröffentlicht:

von Marie-Finn Bruker

:newstime

Neuer Buckelwal in der Ostsee gesichtet (23. Juni)

Videoclip • 58 Sek • Ab 12


Droht erneut ein Buckelwal-Drama? Timmys Artgenosse Hartwin schwimmt weiter in die Tiefen der Ostsee. Meeresbiologe Fabian Ritter ordnet die Situation des stark geschwächten Tiers ein – und blickt kritisch auf Deutschlands Entscheidungen rund um Timmy.

Das Wichtigste in Kürze

  • Auch diesem Buckelwal in der Ostsee geht es schlecht: Hartwin scheint stark geschwächt und sein Körper befallen zu sein.

  • Meeresbiologe Fabian Ritter sieht für den Wal keine Überlebenschance – hofft aber im Falle einer Strandung auf ein anderes Schicksal wie das des Buckelwals Timmy.

  • Laut Ritter habe man Timmy vor Poel "zu Tode gerettet" – er vermutet dahinter eine mögliche Wahlkampagne des damals zuständigen MV-Umweltministers Till Backhaus.

Erneut ist ein Buckelwal in die Gewässer zwischen Dänemark und Deutschland gelangt. Der bereits stark geschwächte Meeresbewohner erinnert an Wal Timmy, dessen tragisches Schicksal Menschen über Wochen bewegte. Der Meeresbiologe und Autor Fabian Ritter erklärt im Gespräch mit :newstime, warum die Ostsee für viele Wale zur Gefahr wird – und wie deutsche Behörden Timmy "zu Tode gerettet" haben.

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Kann auch dieser Buckelwal ein Schicksal wie Timmy erleiden?

Der von Medien auf den Namen "Hartwin" getaufte Buckelwal scheint immer tiefer in die Ostsee vorzudringen – womöglich bis vor die Küsten Deutschlands. Nicht nur seine auffällig langsame Fortbewegung deute Ritter zufolge darauf hin, dass der Wal bereits stark geschwächt sei.

So weise der Rücken des Tiers einen weißen Belag auf – möglicherweise ein Zeichen für starken Viren- und Bakterienbefall. Nach Ritters Einschätzung habe der Wal keine Überlebenschance. Eine Strandung sei dennoch möglich. "Wenn der Wal Hartwin in deutsche Gewässer schwimmt, wird er wohl eher erst zunächst in Schleswig-Holstein sein und dann wird es total spannend", so der Experte. Ritter betont: "Ich hoffe sehnlichst, dass die Behörden beim nächsten Mal anders entscheiden werden."

Ritter kritisiert falsches Personal bei Timmy-Rettung

Mit dieser Aussage bezieht sich der Meeresbiologe auf das Drama um Buckelwal Timmy. Dieser war mehrmals vor deutschen Küsten gestrandet, bevor er aufwendig im offenen Meer freigesetzt wurde. Später fand man das Tier tot vor Dänemark. Die menschlichen Eingriffe rund um den Wal sieht Fabian Ritter kritisch. Teilweise sehe er einen "sicherlich gut gemeinten Ansatz, aber leider fehlgeleitet und mit dem komplett falschen Personal durchgeführt".

Der geschwächte Wal habe sich bewusst in diese Strandungssituation gebracht, um im seichten Wasser auch ohne kraftaufwändiges Auftauchen atmen zu können. "Es wäre absolut legitim gewesen, ihn einfach in Ruhe zu lassen und nur palliativ zu versorgen", erklärt der Meeresbiologe. Das sei auch die Meinung vieler internationaler Expert:innen gewesen. Doch es kam anders.


Experte über Wal-Rettung: "sehr populistische Entscheidung"

"Die ganze Situation auf Poel war sehr aufgeheizt", erinnert sich Ritter. Auf den zuständigen Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns, Till Backhaus (SPD), sei "verbal und medial" eingedroschen worden. "Das waren keine Experten für Walrettung, sondern irgendwelche Rechtsextremen, Ex-Rocker und Veterinärmediziner, die nach eigener Auskunft keinerlei Erfahrung mit Walen hatten", so der Meeresbiologe gegenüber :newstime. "Leider hat der Minister an der Stelle auf die lautesten Stimmen und nicht auf die vernünftigsten gehört – damit nahm das Ganze seinen schicksalhaften Lauf."

Backhaus befürwortete letztendlich den privat initiierten Transport des Wals. Die Entscheidung traf der Minister weniger als ein halbes Jahr vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Fabian Ritter hält das für keinen Zufall. "Ich glaube, er hat eine sehr populistische Entscheidung getroffen und in dem Moment ist er auch sozusagen in den Wahlkampfmodus gegangen."

Diese "vermeintliche Rettungsaktion", an der auch einer der Media-Markt-Gründer, Walter Gunz, beteiligt war, habe dem Walexperten zufolge mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Ritter spricht von einer "dubiosen Freilassung", bei der kein Mensch wüsste, "wie das eigentlich vonstatten ging". Bei Timmys Transport auf einer sogenannten Barge sei es außerdem zu Verletzungen des Tiers gekommen: "Anscheinend haben sie ihn ja ziemlich rabiat aus der Barge gezerrt." Statt es zu retten, sei dem Tier zusätzliches Leid zugefügt worden. "Das hätte man ihm ersparen können."

Meeresbiologe wirft Backhaus "Doppelzüngigkeit" vor

Der mecklenburg-vorpommersche Umweltminister ist da offenbar anderer Meinung. Auf einer Pressekonferenz im Juni hatte Backhaus betont, er sehe die Rettungsmission weiterhin als "rechtlich und fachlich vertretbar", weiter sogar als "erfolgreich" an.

"Backhaus hat da vielleicht auch eine Chance gewittert, dass er da wirklich als der Walretter rauskommt aus dieser ganzen Geschichte", vermutet Meeresbiologe Fabian Ritter. In der Öffentlichkeit gebe sich der Minister als Wal- und Ozeanschützer, "während er gleichzeitig eine Politik betreibt, die komplett das Gegenteil vertritt. Also da muss man leider von einer gewissen Doppelzüngigkeit sprechen".

Fabian Ritter bezieht sich hier auf eine Umweltministerkonferenz Anfang Mai, nur wenige Tage nach der Freisetzung von Buckelwal Timmy. "Bei dieser Konferenz lag ein Vorschlag auf dem Tisch, Stellnetze aus Schutzgebieten zu verbannen", erinnert sich Ritter. "Minister Backhaus war dagegen, er hat diesen Antrag als einer der wenigen abgelehnt." Die auch in der Ostsee zahlreich von Fischereibetrieben eingesetzten Netze seien laut Ritter "die Gefahr Nummer eins" für viele Tiere, auch Buckelwal Hartwin – oder Timmy.


Stellnetze im Meer: "eine ökologische Katastrophe"

"Die Fischerei ist ursächlich dafür verantwortlich, dass der Buckelwal Timmy nicht überlebt hat", so der Experte. Das Tier hatte sich mehrmals in Netzresten verfangen. Nur teilweise hatte man Timmy vollständig von diesen Fremdkörpern befreien können – die verbliebenen Reste hatte der Wal mit sich durch die Ostsee geschleppt. Und das Tier ist nicht das Einzige, das dieses Schicksal ereilt.

"Die meisten Buckelwale, die in die Ostsee vordringen, haben früher oder später Kontakt mit einem Stellnetz", schätzt Ritter. 300.000 Wale sterben nach Angaben des Meeresbiologen weltweit jährlich in solchen Netzen. Die Organisation World Wide Fund For Nature (WWF) bestätigt diese Zahl ebenfalls. Mit solchen oder ähnlichen Fangmethoden zerstöre man sämtliches Leben im Meer – laut Ritter eine ökologische Katastrophe. Ihre Folgen beträfen nicht nur Fische, Wale und andere Unterwasserbewohner, sondern auch uns Menschen.

Ritter prangert Gier nach Fisch an

"Wir Menschen betrachten die Natur und die Meere bis heute oft einfach als eine Ressource, um auf Teufel komm raus Geld zu verdienen, ohne Blick auf das Wohlergehen der Meere", betont Fabian Ritter gegenüber :newstime. In seiner Gier nach Fisch trete der Mensch als Nahrungskonkurrent, auch etwa für Wale, auf. Über die Hälfte aller befischten Populationen seien "am Rande des Zusammenbruchs“, so Ritter. Weiter führt der Meeresbiologe aus: "Das Mikroplastik, was aus unserem Müll resultiert, den wir ins Meer schmeißen, ist längst in den Körpern der Fische gelandet, die wir auf dem Teller haben." Hinzu komme der menschengemachte Klimawandel und die folgende Erwärmung der Ozeane.

"Wir brauchen einen Bewusstseinswandel", fordert Fabian Ritter: "Wir müssen uns klar darüber werden, dass alles, was wir den Meeren antun, auf uns selber zurückfällt. Dass alles ein großer Kreislauf ist." Mit etwa tierschützenderen Fangmethoden oder gar dem Verzicht auf Fischkonsum könne man den Meeren etwas Gutes tun und dazu beitragen, dass sich Schicksale wie das von Timmy in Zukunft nicht mehr wiederholen.


Verwendete Quellen:

WWF: "Meeresfischerei und Wale"

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