Familienunternehmen

Die Geschichte von Claas: Vom Bauernhof zum modernen Agrartechnik-Riesen

Veröffentlicht:

von Claudia Frickel

K1 Magazin

Mähen, Häckseln und Dreschen in XXL: Wie funktionieren riesige Landmaschinen?

Videoclip • 13:22 Min • Ab 12


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Auf einem westfälischen Bauernhof nahm die Geschichte des Traktor- und Mähdrescher-Herstellers Claas ihren Anfang. Heute gehört das Unternehmen in vierter Generation der Familie. Alles zur Entstehung und Entwicklung der Firma.

Das Wichtigste in Kürze

  • August Claas gründete den Landmaschinen-Hersteller Claas 1913. Ein Jahr später stießen seine Brüder zum Unternehmen.

  • Claas konzentrierte sich zunächst auf Strohbinder, dann auf Mähdrescher.

  • Heute bietet der Konzern Landmaschinen aller Art an und ist in einigen Sparten Welt- und Europa-Marktführer.

Was macht die Firma Claas?

Im Frühjahr, Sommer und Herbst sind sie oft auf Feldern zu sehen: die grünen Landmaschinen von Claas. Das Familienunternehmen aus dem westfälischen Harsewinkel baut seit über 110 Jahren Geräte, die die Feldarbeit effizienter machen. Dazu gehören unter anderem Mähdrescher und Traktoren. Die Wurzeln des Unternehmens reichen jedoch bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Aus einer kleinen Firma entwickelte sich ein globaler Konzern, dessen Maschinen heute auf Äckern in über 140 Ländern arbeiten. Claas produziert an mehr als einem Dutzend Standorten in Europa, Asien und Amerika und beschäftigt rund 11.900 Mitarbeitende.

Zwei Unternehmenssparten sind besonders erfolgreich: Bei selbstfahrenden Feldhäckslern ist Claas nach eigenen Angaben Weltmarktführer, bei Mähdreschern europäischer Marktführer. Neben klassischen Maschinen entwickelt das Unternehmen zunehmend auch digitale Lösungen für die Landwirtschaft – von vernetzten Steuerungssystemen bis zu autonomen Prototypen. Daneben bietet Claas Miet- und Gebrauchtmaschinen an.

Der Jahresumsatz des Unternehmens betrug 2024 knapp 4,9 Milliarden Euro. Damit zählt Claas zu den größten Landtechnikherstellern Europas und gehört weltweit zu den wichtigsten Anbietern von Erntetechnik.

Ein Claas-Mähdrescher in der typisch grünen Farbe bei der Getreideernte auf einem Feld.

Bild: IMAGO/Herrmann Agenturfotografie


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Was gehört zum Landmaschinen-Sortiment der Firma Claas?

Claas begann mit Strohbindern und erweiterte die Produktion später auf Mähdrescher. Heute stellt das Unternehmen viele weitere Landmaschinen her – und bietet noch mehr:

  • Mähdrescher

  • Feldhäcksler

  • Traktoren

  • Teleskoplader

  • Pressen (Rund- und Quaderballenpressen)

  • Grünland- und Futtererntetechnik (Mähwerke, Wender, Schwader, Ladewagen)

  • Vorsatzgeräte und Schneidwerke

  • Digitale Lösungen für Maschinensteuerung und Betriebsmanagement


Claas: Die Ursprünge des Familienbetriebs im 19. Jahrhundert

Zwar wurde die Firma Claas offiziell 1913 von August Claas gegründet. Doch die Wurzeln des Unternehmens liegen weiter zurück – die Geschichte beginnt mit seinem Vater Franz Claas senior.

Schon als Junge war dieser ein Tüftler und Bastler – und stellte für seine Schulkamerad:innen Spielzeuge her. Auf Wunsch seiner Eltern machte er eine Ausbildung zum Tierheilkundigen. Später übernahm er mit seiner Frau Maria den Hof von Vater und Mutter. Dort erfand er eine Milch-Zentrifuge, für deren Produktion er 1887 eine Firma ins Leben rief.

1907 brachte Franz Claas senior einen Strohbinder auf den Markt, den er aus neu erfundenen englischen Maschinen weiterentwickelt hatte.

In der väterlichen Schmiede wuchsen die vier Söhne mit Schraubenschlüsseln und Maschinenteilen auf. Was als kleiner Handwerksbetrieb begann, legte den Grundstein für eines der größten Landtechnikunternehmen der Welt.

Wie August Claas und seine Brüder ihre Firma gründen

August Claas war 25 Jahre alt, als er im April 1913 auf dem elterlichen Hof in Clarholz ein Unternehmen unter seinem eigenen Namen anmeldete. Mit der Gründung wollte der 1887 geborene zweitälteste Sohn den Familienbesitz retten, der womöglich sonst versteigert worden wäre. Der Vater war in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Den Behörden teilte er mit, dass er mit zwei Schlossern und einem Hilfsarbeiter Strohbinder herstellen werde. Das erledigte er auf einem Firmen-Briefbogen, auf dem er den Vornamen seines Vaters durchgestrichen und seinen eigenen ergänzt hatte.

Bei den drei Mitarbeitern handelte es sich um seine drei Brüder Bernhard, Franz junior und Theo Claas. Im Januar 1914 traten Bernhard und Franz junior dem Unternehmen bei, das seitdem "Gebrüder Claas" hieß. Der jüngste Bruder Theo wurde erst 1940 Teilhaber.

Der Betrieb kam vollständig zum Erliegen, als der Erste Weltkrieg die Brüder an die Front zwang. Alle vier kehrten jedoch unversehrt zurück. Danach kümmerten sie sich umso entschlossener um ihr Unternehmen.

1919 erwarben sie ein leer stehendes Hartsteinwerk in Harsewinkel und verwandelten es in eine Fabrik. Dort befindet sich bis heute der Stammsitz von Claas. Weil das benötigte Material zunächst schwer zu bekommen war, reparierten sie gebrauchte Strohbinder und entwickelten sie weiter.

Zuverlässige Strohbinder und Mähdrescher: Diese Maschinen bringen Claas den Durchbruch

Eine Erfindung von August Claas im Jahr 1921 brachte der Firma den Durchbruch: Ein neuartiger Knoterapparat löste ein hartnäckiges Problem der Strohbinder und machte sie zuverlässiger. Diese Erfindung meldete er zum Patent an.

Die Nachfrage nach den ausgereiften Claas-Strohbindern war so groß, dass ausländische Konkurrenten vom Markt verdrängt wurden. Zudem verkaufte das Unternehmen seine Maschinen auch nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande. 1930 setzte das Unternehmen seinen 10.000sten Strohbinder ab.

1936 gelang den Brüdern Claas, was US‑Hersteller zuvor nicht geschafft hatten: Sie konstruierten den ersten Mähdrescher, der auf die besonderen europäischen Erntebedingungen ausgelegt war. Die Maschine namens Mäh-Dresch-Binder (MDB) mähte, drosch, band das Stroh und reinigte die Körner – alles in einem Arbeitsgang.

Der Weg dorthin war aber weit: Die Firma hatte nach Industriepartnern gesucht, aber niemand wollte so recht daran glauben, dass diese Maschine nützlich sein könnte. Laut Unternehmenschronik ließ sich der Firmengründer nicht beirren:

Wenn die anderen nicht wollen, dann machen wir es allein.

August Claas

Der Erfolg des neuen Mähdreschers gab den Claas-Brüdern recht: Die Nachfrage war groß und die Verkaufszahlen stiegen schnell. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg.

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Die Rolle von Claas im Nationalsozialismus

Claas war in der Zeit des Nationalsozialismus sowohl personell als auch wirtschaftlich in das Regime eingebunden. August Claas trat bereits 1933 der NSDAP bei und war Mitglied weiterer NS‑Organisationen.

Wie viele deutsche Industriebetriebe wurde das Unternehmen während des Krieges in die Rüstungswirtschaft integriert. Die Produktion von Landmaschinen musste zunehmend eingeschränkt werden, stattdessen produzierte die Firma Rüstungsgüter. Dabei beschäftigte Claas auch Zwangsarbeiter:innen.

Nach Kriegsende ernannte die britische Militärregierung August Claas zunächst zum Bürgermeister von Harsewinkel. Im August 1945 wurde er wieder abgesetzt und musste sich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Die Behörden stuften ihn als "Mitläufer" ein.

Die Geschichte von Claas nach 1945: Wie das Unternehmen zum Global Player wurde

Nach dem Zweiten Weltkrieg startete Claas mit knapp 130 Mitarbeiter:innen neu. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Unternehmen zu einem der wichtigsten Landtechnikhersteller Europas.

Die frühen Nachkriegsmodelle legten den Grundstein für das Wachstum. In den folgenden Jahrzehnten erweiterte Claas sein Portfolio – etwa durch den Einstieg in die Grünfuttertechnik und weitere Zukäufe. So wandelte sich das Image vom reinen Mähdrescherspezialisten zu einem breiter aufgestellten Erntespezialisten.

1958 trat die nächste Generation in den Betrieb ein: Der 1926 geborene Helmut Claas war der älteste Sohn von August und Paula Claas. 1962 wurde er Teil der Geschäftsführung und übernahm diese 1978 als geschäftsführender Gesellschafter. Vier Jahre später starb sein Vater August. Helmut Claas prägte das Unternehmen mehrere Jahrzehnte lang. Auch er war ein Tüftler und meldete über 100 Patente an.

An die Börse wollte er sein Unternehmen nie bringen:  "Hier redet uns keiner rein", zitiert ihn die "Süddeutsche Zeitung":

Ich habe ja mein eigenes Geld im Geschäft, das hält mich auf dem Boden der Tatsachen.

Helmut Claas

Unter Helmut Claas' Regie wuchs Claas international und baute Produktions- und Vertriebsstandorte in mehreren Weltregionen auf, unter anderem in Indien, den USA, Russland, China und Südamerika.

1967 führte Claas das heute ikonische Saatengrün ein – ein eigens entwickelter Farbton, der bis heute das Markenbild prägt. Davor waren die Geräte zum Beispiel silberfarben oder hatten andere Grüntöne.

Ein wichtiger strategischer Schritt war die Übernahme der Traktorensparte von Renault Agriculture im Jahr 2003. Damit erhielt Claas erstmals eine eigene Traktorensparte. Das machte den Konzern zum Full‑Liner – also zu einem Hersteller, der nahezu das gesamte Spektrum der Landtechnik aus einer Hand anbietet. Seitdem werden im französischen Le Mans Claas-Traktoren gefertigt.

Heute verbindet das Familienunternehmen klassische Erntetechnik mit modernen digitalen Lösungen: Der Mähdrescher Lexion arbeitet etwa mit dem Assistenzsystem Cemos, das während der Ernte automatisch Einstellungen optimiert, den Kraftstoffverbrauch senkt und die Auslastung steigert.

Claas hat neben dem Stammwerk in Harsewinkel vier weitere Standorte in Deutschland sowie sechs Betriebsstätten in Europa.

Cathrina Claas-Mühlhäuser ist Vorsitzende des Aufsichtsrate der Claas-Gruppe.

Bild: picture alliance/dpa


Wem gehört Claas heute und wie wird das Unternehmen geführt?

Claas befindet sich auch heute noch vollständig im Besitz der Gründerfamilie. Die Anteile sind auf mehrere Nachkommen der Gründer verteilt, sodass verschiedene Familienzweige an dem Unternehmen beteiligt sind.

1996 wurde Claas in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Bis dahin war Helmut Claas geschäftsführender Gesellschafter, anschließend wechselte er an die Spitze des Aufsichtsrats. Schon früh bereitete er seine Nachfolge vor: 2010 übergab er den Vorsitz an seine Tochter Cathrina Claas-Mühlhäuser. Damit übernahm die vierte Generation der Familie Claas Verantwortung.

Seit 2020 steht sie zudem dem Gesellschafterausschuss vor. Dieses Gremium vertritt die Interessen der Eigentümerfamilie und entscheidet über grundlegende strategische Fragen sowie wichtige Personal- und Unternehmensentscheidungen.

Helmut Claas starb 2021 im Alter von 94 Jahren.

An der operativen Führung des Unternehmens ist die Familie dagegen nicht beteiligt. Diese liegt beim Vorstand, dessen Vorsitzender seit 2023 Jan-Hendrik Mohr ist.

Damit folgt Claas einem Modell, das bei großen Familienunternehmen häufig anzutreffen ist: Die Eigentümerfamilie bestimmt die langfristige Ausrichtung des Unternehmens, während das Tagesgeschäft von einem professionellen Management geführt wird.

Laut Wirtschaftsrankings gehört die Familie Claas seit Jahren zu den reichsten Unternehmerfamilien Deutschlands. Die Milliardärs-Liste des US-Magazins "Forbes" schätzt das Vermögen von Cathrina Claas-Mühlhäuser auf 3,9 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 3,38 Milliarden Euro (Stand: 8. Juni 2026).

FAQ: Claas

Ja, Claas wurde 1913 von August Claas in Clarholz gegründet. Das Unternehmen hat seinen Sitz bis heute in Harsewinkel im Münsterland (Nordrhein-Westfalen) und befindet sich in Familienbesitz.

Wie viel Geld die Familie Claas besitzt, ist nicht öffentlich bekannt. In der Milliardärs-Liste von "Forbes" wird Aufsichtsratschefin Cathrina Claas-Mühlhäuser mit einem Vermögen von 3,9 Milliarden Dollar gelistet, das sind knapp 3,38 Milliarden Euro (Stand: 8. Juni 2026).

Claas baut seine Traktoren im Werk im französischen Le Mans. Dort werden jeden Tag knapp 50 Stück pro Tag montiert. Pro Jahr sind es 70.000 Traktoren.


Verwendete Quellen:

Claas-Unternehmenswebseite

SZ: "Grünes Blut"

Deutschlandfunk: "Cathrina Claas-Mühlhäuser"

Forbes "List of Billionaires"

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