Erpressung und Sabotage

Gen-Z-Mafia als Geheimdienst-Agenten? Ex-Ermittler sieht "besorgniserregende" Lage

Veröffentlicht:

von Emre Bölükbasi

:newstime

"Gen-Z-Mafia": Junge Täter im Visier (19. Oktober)

Videoclip • 01:40 Min • Ab 12


Brandanschläge, Millionen-Erpressungen und jetzt eine neue Dimension: Ex-LKA-Ermittler Klaus Nachtigall warnt eindringlich vor der Gen-Z-Mafia. Eine der größten Gefahren: die mögliche Verbindung zu einem ganz bestimmten Geheimdienst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Gen-Z-Mafia wird international immer gefährlicher.

  • Ex-LKA-Ermittler Klaus Nachtigall warnt vor einer möglichen Ausweitung ihrer Aktivitäten auf gezielte Sabotage im Auftrag Dritter.

  • Besonders brisant: Kriminelle Netzwerke könnten laut Nachtigall auch für ausländische Geheimdienste interessant sein.

Brennende Geschäfte, Schüsse auf Gebäude und Erpressungen in Millionenhöhe: Die Gen-Z-Mafia setzt auf brutale Methoden – doch ihre Aktivitäten könnten weit über die organisierte Kriminalität hinausgehen. Der Ex-LKA-Ermittler Klaus Nachtigall findet dafür im :newstime-Interview deutliche Worte: "Die aktuelle Entwicklung ist absolut besorgniserregend."

Nachtigall warnt vor einer Entwicklung, bei der aus Schutzgelderpressung zunehmend ein Geschäft mit Gewalt und möglicherweise gezielter Sabotage werden könnte. Die Gen-Z-Mafia könne ihre Fähigkeiten auch staatlichen Akteur:innen anbieten.

Wer zieht aber im Hintergrund die Fäden – und wie gefährlich könnten diese Netzwerke noch werden?


Wer hinter den kriminellen Netzwerken steckt

Der Begriff Gen-Z-Mafia bezeichnet keine einzelne Organisation, sondern dient als Sammelbegriff für mehrere Gruppierungen aus dem Bereich der organisierten und gewalttätigen Kriminalität. Gemeint sind junge Kriminelle, die grob zwischen 1995 und 2010 geboren sind.

Was die Gruppierungen antreibt, ist nach Nachtigalls Einschätzung vor allem ein lukratives Geschäftsmodell: Sie suchten gezielt Unternehmer:innen aus und verlangten hohe Geldsummen. "Da werden Forderungen ab 100.000 € aufwärts gestellt. Man macht ihnen ganz klar: 'Wenn du nicht zahlst, wird etwas passieren.'"

Doch was passiert, wenn die Betroffenen nicht zahlen? Dann bleibt es laut Nachtigall nicht zwangsläufig bei Drohungen. "Es wird mit schweren Brandstiftungen gearbeitet, es werden Schüsse auf die Objekte abgegeben", sagt er besorgt.


Instagram und verschleierte Strukturen: So arbeiten die Banden

Die sozialen Medien spielten bei dieser Kriminalitätsform eine entscheidende Rolle, erklärt Nachtigall. "Und zwar werden Täter über die sozialen Medien rekrutiert", erklärt er. Das große Problem daran: Die Täter:innen selbst kennen die Auftraggeber:innen in vielen Fällen gar nicht.

"Da sind verschiedene Personen zwischengeschaltet, die die Waffen besorgen und übergeben, die auch Geld übergeben", so der Ex-Ermittler. Ein Umstand, der zu langwierigen Ermittlungen führt.

Man sucht die Öffentlichkeit, man sucht sogar Nähe zu Journalisten.

Klaus Nachtigall, Ex-LKA-Ermittler

Hinzu komme ein weiterer Unterschied zu klassischen Mafiaorganisationen: Die Gruppierungen suchten teilweise gezielt die Öffentlichkeit. "Man sucht die Öffentlichkeit, man sucht sogar Nähe zu Journalisten", beschreibt Nachtigall das Auftreten der Netzwerke. Während traditionelle kriminelle Strukturen häufig möglichst unsichtbar bleiben wollten, könne die öffentliche Präsenz solcher Gruppen eine zusätzliche Herausforderung für die Sicherheitsbehörden darstellen.

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Gen-Z-Mafia als Dienstleister für Geheimdienste?

Die wohl brisanteste Warnung des Ex-Ermittlers betrifft eine mögliche Ausweitung des Geschäftsmodells. Nachtigall zufolge liegen inzwischen Erkenntnisse vor, wonach solche Gruppierungen ihre Fähigkeiten auch staatlichen Akteur:innen anbieten könnten. Dabei verweist er auf ausländische Nachrichtendienste und nennt als Beispiel den russischen Geheimdienst.

Die Überlegung dahinter: Statt eigene Agent:innen in andere Länder zu schicken, könnten staatliche Akteur:innen kriminelle Netzwerke für Anschläge oder Sabotage nutzen. Die Ausführung würde dann nicht zwangsläufig durch eigene Geheimdienstmitarbeiter:innen erfolgen, sondern könnte an die Gen-Z-Mafia ausgelagert werden, die bereits in kriminellen Strukturen aktiv sind.

Nachtigall beschreibt damit ein mögliches Szenario, in dem organisierte Kriminalität und staatlich motivierte Operationen miteinander verknüpft werden könnten. Einen zentralen Begriff dafür nennt er ebenfalls: "Crime as a Service".

Gemeint ist ein kriminelles Dienstleistungsmodell, bei dem Netzwerke ihre Fähigkeiten für Aufträge Dritter zur Verfügung stellen könnten. Aus der Erpressung von Geschäftsleuten würde damit möglicherweise ein Geschäftsmodell, das auch für gezielte Sabotage interessant wäre.


"Man muss an die Hinterleute ran"

Wie lässt sich eine solche Entwicklung stoppen? Für Nachtigall reicht es nicht aus, nur die Personen zu verfolgen, die unmittelbar an einem Brandanschlag oder einer Schussabgabe beteiligt seien. Entscheidend sei, die Auftraggeber:innen und die Strukturen hinter den einzelnen Taten aufzudecken.

"Man muss an die Hinterleute ran, man muss an die Köpfe ran", fordert der ehemalige Ermittler. Genau dort liege eine der größten Herausforderungen: Solange die Drahtzieher:innen im Hintergrund blieben, könnten andere Personen ihre Aufträge ausführen, ohne dass die eigentlichen Verantwortlichen schnell identifiziert würden.

Nachtigall sieht deshalb Grenzen bei den bisherigen Ermittlungsansätzen. "Und das wird uns mit einer normalen polizeilichen Ermittlungsarbeit nicht gelingen", warnt er. Aus seiner Sicht sind nachrichtendienstliche Mittel erforderlich, um die Netzwerke wirksam zu bekämpfen und auch jene Personen zu erreichen, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Eine unmittelbare Gefahr durch Schutzgelderpressung bestehe für die einzelnen Bürger:innen  nicht typischerweise, da sich die Täter:innen vor allem Geschäftsleute aussuchten. Die mögliche Ausweitung auf Sabotageaufträge verändere jedoch die Dimension des Problems.

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