Umfassende Untersuchung
Dunkelfeldstudie: Sexuelle Übergriffe werden kaum angezeigt
Aktualisiert:
von dpaHolger Münch (links), Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister, und Karin Prien (CDU), Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stellen die Dunkelfeldstudie zur Gewaltbetroffenheit in Deutschland vor.
Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa
Die Bundesregierung veröffentlichte eine Studie, die Gewalt in verschiedenen Lebensbereichen beleuchtet – und dabei nicht nur Frauen in den Fokus rückt.
Dieser Artikel enthält Themen rund um häusliche und sexuelle Gewalt, die bei manchen Menschen negative Reaktionen auslösen können. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist. Unterstützung für Betroffene bieten zum Beispiel diese kostenlosen Hotlines:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016
Hilfetelefon Gewalt an Männern: 0800 123 990
Weißer Ring e.V.: 116 006 (Opferhilfe)
Die Bundesregierung hat am Dienstag (10. Februar) erstmalig eine umfassende Studie zu Betroffenen von Gewalt in Familie, Partnerschaft und im öffentlichen Raum vorgestellt. Ziel ist es, das tatsächliche Ausmaß von sexueller Belästigung und verschiedenen Formen von Gewalt besser abschätzen zu können.
Denn die alljährlich veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bildet naturgemäß nur die Straftaten ab, die der Polizei bekanntgeworden sind. Bei einigen Delikten wie etwa Vergewaltigung oder verbaler sexueller Belästigung deuten frühere Studien auf ein großes Dunkelfeld hin.
Demnach werden Frauen zwar deutlich häufiger Opfer sexueller Übergriffe als Männer, bringen diese jedoch deutlich seltener zur Anzeige als männliche Opfer. Den Angaben zufolge wurden 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung.
Die Anzeigequote weiblicher Opfer liegt bei diesen Taten, zu denen Vergewaltigungen und andere nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen zählen, demnach bei drei Prozent. Männliche Opfer zeigen entsprechende Übergriffe laut Studie in 14,5 Prozent der Fälle an. Allerdings weisen die Forscher:innen darauf hin, dass die Anzeigequote der Männer aufgrund der niedrigen Zahl von Fällen mit Messungenauigkeit verbunden sei.
Auch fällt auf, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Sexualdelikte, die Männer betreffen, auch von Männern verübt wird. Während bei gegen Frauen gerichteten sexuellen Übergriffen die Täter zu 98,2 Prozent männlich sind, ist bei 33,7 Prozent der gegen Männer gerichteten sexuellen Übergriffe auch der Täter ein Mann.
Aufwendige Vorbereitungen
Die Dunkelfeldstudie, für die bundesweit mehrere Tausend Menschen befragt wurden, trägt den Titel "Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag" (abgekürzt LeSuBiA) und wurde vom Bundesinnenministerium und dem Familienministerium mit einem Vorlauf von mehreren Jahren gemeinsam konzipiert und umgesetzt.
Die Vorbereitungen hatten noch vor der Zeit der Ampel-Regierung begonnen. Vorgestellt wurden die Ergebnisse nun von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) und BKA-Präsident Holger Münch.
Das Dunkelfeld sei riesig, so Dobrindt. Er glaube nicht, dass der Hauptgrund für die niedrigen Anzeigequoten "eine Art Distanz zur Polizei" sei. Die Anzeigequote sei zweifellos zu gering, sagte Prien. Häufig spiele hier auch ökonomische Abhängigkeit eine Rolle.
Auch in den News:
Gewalttätige Partner und Ex-Partner
Blickt man auf die Gewalt zwischen Partner:innen oder Ex-Partner:innen, so zeigt sich: Etwa 90 Prozent der körperlichen Gewalt hat sich hier innerhalb der Partnerschaft ereignet. 8,4 Prozent der männlichen Betroffenen und 5,6 Prozent der weiblichen Betroffenen berichten von körperlicher Gewalt nach Beendigung der Beziehung.
Dass diese jedoch häufig sehr gravierende Folgen haben kann - vor allem für Frauen, zeigt die Polizeistatistik. 2024 sind in Deutschland 308 Frauen und Mädchen gewaltsam getötet worden, 191 davon durch Partner, Ex-Partner oder andere Familienmitglieder. Bundesweite Zahlen für 2025 liegen bislang nicht vor.
Um Frauen künftig besser vor gewalttätigen Ex-Partnern zu schützen, hat das Bundeskabinett im November beschlossen, dass Familiengerichte die Täter künftig zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichten können sollen. Nähert sich der Täter - wissentlich oder unwissentlich -, wird das Opfer über ein Empfangsgerät gewarnt und kann sich gegebenenfalls rechtzeitig in Sicherheit bringen oder Unterstützung suchen. Auch die Polizei soll automatisch alarmiert werden, wenn sich ein Täter nähert. Demnächst steht die erste Beratung zu dem Vorhaben im Bundestag an.
Gewalt in der Kindheit
Was die Studie auch aufdeckt: Jeder zweite Mensch in Deutschland hat in der Kindheit oder Jugend körperliche Gewalt erfahren. Die Daten zeigen, dass 49,3 Prozent der Frauen als Minderjährige mindestens einmal geschlagen oder körperlich verletzt wurden. Unter den Männern lag der Anteil bei 51,7 Prozent. Von sexuellen Übergriffen in der Kindheit und Jugend waren demnach deutlich mehr Frauen (fünf Prozent) betroffen als Männer (1,9 Prozent).
Schläge in der Kindheit sind in Deutschland ausdrücklich verboten. Im entsprechenden Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es wörtlich: "Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen."
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
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