Wandel einer Partei

Der AfD-Aufstieg: Immer extremer, immer erfolgreicher – bis zum ersten Landesvater?

Aktualisiert:

von Christopher Schmitt

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Siegmund will nur mit absoluter Mehrheit regieren (4. September)

Videoclip • 01:08 Min • Ab 12


Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt uneinholbar, bundesweit vorne: Während die Führung von Lucke über Petry und Meuthen bis zu Weidel und Chrupalla radikaler wurde, ging es für die AfD nach oben. Der Aufstieg einer teils rechtsextremen Partei.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 wuchs die AfD beinahe stetig, in bundesweiten Umfragen liegt sie mittlerweile vorn.

  • Gestartet als Anti-Euro-Partei rückte die Partei Stück für Stück nach rechts, was sich auch in ihrem Führungspersonal widerspiegelt.

  • Nun könnte die AfD in Sachsen-Anhalt, wo der Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, zum ersten Mal einen Ministerpräsidenten stellen.

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist eine vergleichsweise junge Partei. In gerade einmal 13 Jahren hat sie sich aktuellen Umfragen zufolge zur stärksten Kraft der deutschen Politik entwickelt. Dabei machte sie eine regelrechte Metamorphose durch: von der Euroskeptiker-Partei über Rechtspopulismus bis zur Rechtsaußen-Partei, in der teils Völkisch-Nationale den Ton angeben. Mit jedem Wechsel an der Führungsspitze rückte die Partei weiter nach rechts. Vom Verfassungsschutz wird sie teilweise als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag (6. September) könnte die AfD in Person des Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund erstmals einen Ministerpräsidenten stellen. Es wäre der vorläufige Höhepunkt eines nahezu stetigen Aufstiegs, dessen Zwischenstationen immer wieder mit Ungläubigkeit und Entsetzen quittiert wurden.

Auch in den News:

2013: Eurokritiker verpassen knapp das Parlament

Die Geschichte der Partei beginnt im Februar 2013 im hessischen Oberursel – hier erfolgt die offizielle Gründung der Alternative für Deutschland. In ihren Anfangstagen schreibt sie sich Eurokritik auf die Fahne. Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke wird zu ihrem Gesicht und bildet gemeinsam mit Frauke Petry sowie Konrad Adam zunächst eine Dreierspitze. Diverse Landesverbände werden gegründet.

Gemessen am jungen Alter der AfD feiert sie mit 4,7 Prozent bei den Bundestagswahlen 2013 einen Achtungserfolg, verpasst allerdings den Einzug in den Bundestag.

2014: Wahlerfolge im Osten und bei Europawahl

Seit Mai 2014 ist die AfD im EU-Parlament vertreten. Bei der Europawahl führen von Lucke und Petry die Partei auf 7,1 Prozent. Der nächste Schritt beim Aufstieg ist die Landtagswahl in Sachsen: Erstmals ist der blaue Balken in den Diagrammen groß genug, um in ein Landesparlament einzuziehen. Mit 9,7 Prozent kratzt die AfD an der Zehn-Prozent-Hürde, die sie in Brandenburg und Thüringen im gleichen Jahr überspringt.


2015: Umfrage-Absturz – Völkischer Flügel formiert sich

Das Jahr beginnt für die AfD mit einem weiteren Durchbruch. In Hamburg zieht sie im Februar erstmals in ein westdeutsches Landesparlament ein.

Unterdessen findet ein Paradigmenwechsel statt. Verkaufte sich die Partei lange Zeit als wirtschaftsliberal, werden rechtspopulistische sowie islamfeindliche Stimmen zunehmend hörbar. Diese Entwicklung findet mit der sogenannten "Erfurter Resolution" einen vorläufigen Höhepunkt.

Eine Gruppe um den Landesparteichef von Thüringen, Björn Höcke, positioniert sich offen völkisch-nationalistisch. Der sogenannte "Flügel" nimmt Form an und sollte die Partei in den kommenden Jahren mehr und mehr prägen.

An der Spitze kommt es zum Führungswechsel. Neben Frauke Petry hat nun Jörg Meuthen das Sagen, Lucke tritt aus der AfD aus. In den Umfragen befindet sich die Partei anscheinend im freien Fall. Teils geben nur drei Prozent der Befragten an, der AfD ihre Stimme geben zu wollen. Dann kommt die Flüchtlingskrise, laut dem damaligen Vizebundeschef Alexander Gauland ein "Geschenk". Auch islamistische Anschläge in Frankreich prägen die Stimmung im Land.

2016: Zweistellig in Westdeutschland

Der Aufschwung schlägt sich auch in den Landtagswahlen 2016 nieder: Sowohl in Baden-Württemberg als auch in Rheinland-Pfalz gelingen der AfD zweistellige Ergebnisse. Ein neues Grundsatzprogramm wird im April beschlossen: Den Islam hat man als Hauptproblem ausgemacht.

2017: Trotz "Denkmal der Schande" drittstärkste Kraft

Björn Höcke spielt mit der Bezeichnung "Denkmal der Schande" auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin an – und erntet Empörung und Entrüstung. Eine bundesweite Diskussion ist die Folge. Sechs Monate später erreicht die AfD trotz dieser Aussage einen bedeutenden Meilenstein: 12,6 Prozent bei den Bundestagswahlen machen sie zur größten Oppositionspartei.

In Richtung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigt Alexander Gauland an: "Wir werden sie jagen." Frauke Petry hat genug – sie tritt nicht nur aus der Fraktion aus, sondern gleich aus der Partei.

2018: Das letzte Landesparlament

Nun auch im Wiesbadener Landtag: Hessen hat gewählt – und von nun an gibt es kein Landesparlament mehr ohne AfD-Abgeordnete.

Friedrich Merz, damals nur Kandidat auf die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Chef, kündigt in einem "Bild"-Interview an, man könne die AfD halbieren.

2019: Knapp 30 Prozent in Sachsen

Blauer Osten? Der Siegeszug der AfD findet seinen vorläufigen Peak bei der Landtagswahl in Sachsen: 27,5 Prozent bedeuten eine neue Dimension. Alexander Gauland gibt den Parteivorsitz am Ende des Jahres ab. Parteichef neben Meuthen wird Tino Chrupalla, der bis heute an der Spitze der AfD steht.

2020: Aufruhr in Thüringen

In Thüringen fällt ein Tabu, die Aufregung schwappt weit über Erfurt und das Bundesland hinaus. Dass sich der FDP-Politiker Thomas Kemmerich unter anderem von der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lässt, sorgt deutschlandweit für einen Aufschrei. Kemmerich reagiert mit seinem Rücktritt.

Auch in einem anderen Kontext steht Thüringen im Fokus. Im März wird der sogenannte Flügel um Höcke vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, formal wird die Vereinigung aufgelöst. Der Thüringer Landesverfassungsschutz bewertet später die ganze Partei im Bundesland auf gleiche Weise.

2021: Weidel geht ins Rennen

In einer unter anderem von der Corona-Pandemie geprägten Bundestagswahl holt die AfD bundesweit 10,3 Prozent. Allerdings belegt sie sowohl in Sachsen als auch in Thüringen in der Wählergunst den ersten Platz. Alice Weidel bildet gemeinsam mit Chrupalla das Spitzenduo.

2022: Meuthen sieht "totalitäre Anklänge"

Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich AfD immer weiter nach rechts bewegt, ist der parteiinterne Machtkampf im Januar 2022. Während Weidel triumphiert und gemeinsam mit Chrupalla die Partei anführt, ist Jörg Meuthen geschlagen. Er verabschiedet sich aus der Partei, in der er "totalitäre Anklänge" wahrnimmt.

Einen deutlichen Dämpfer erhält die erfolgsverwöhnte AfD dann in Schleswig-Holstein. Im hohen Norden reicht es nicht für den Einzug in den Landtag.

2023: Weitere Landesverbände "gesichert rechtsextremistisch"

Nach Thüringen ziehen im Jahr 2023 Sachsen-Anhalt sowie Sachsen nach: Auch hier werden die Landesverbände als "gesichert rechtsextremistisch eingestuft". Es sollten nicht die letzten sein.

2024: Correctiv-Recherche und Höcke-Sieg

In Potsdam treffen sich bereits im November 2023 Rechtsextreme in der Villa Adlon, unter anderem nehmen auch AfD-Politiker teil. Unter anderem Thema: die Vertreibung von Menschen mit Migrationsgeschichte aus Deutschland. Zu Beginn des Jahres 2024 veröffentlicht "Correctiv" seine zugehörige Recherche. Auf den Straßen demonstrieren landesweit Millionen für Demokratie.

Im September macht dann jede:r dritte Wähler:in in Thüringen sein Kreuz bei der AfD. Unter Landeschef Höcke wird die AfD erstmals stärkste Kraft und holt 32,8 Prozent. Ministerpräsident wird Höcke jedoch nicht, die Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD regiert das Land.


2025: Brandmauer-Debatte – und Tabubruch?

Die Brandmauer bröckelt – oder wurde sie schon eingerissen? Kanzler Friedrich Merz (CDU) wird im Januar 2025 ein Tabubruch vorgeworfen, es hagelt Kritik aus anderen Parteien. Auch mithilfe von eingerechneten AfD-Stimmen will die Union damals Verschärfungen in der Migrationspolitik durchsetzen.

Aber Migration ist eben Kern-AfD-Thema. Dies zeigt sich dann auch in den Ergebnissen der vorgezogenen Bundestagswahl. Mit 20,8 Prozent schneidet die AfD so gut ab wie noch nie und holt die zweitmeisten Stimmen. Das Für und Wider einer Brandmauer bestimmt die politischen Diskussionen im Land.

Die AfD wird in diesem Jahr vom Bundesamt für Verfassungsschutz zur rechtsextremistischen Bestrebung hochgestuft. Allerdings erhält sie vorläufigen Rechtsschutz. Gerichtsbeschlüsse verhindern eine Umsetzung der Hochstufung.

Zudem löst sich die Jugendorganisation der Partei, die Junge Alternative, die als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, selbst auf. Somit kam sie einem möglichen Vereinsverbot zuvor. Im November gründet sich die neue AfD-Jugendorganisation "Generation Deutschland".

2026: Stärkste Kraft in Umfragen – was macht Sachsen-Anhalt?

Erstmals seit Gründung würden Umfragen zufolge die meisten Deutschen im April 2026 AfD wählen – 26 Prozent der Befragten. Die Rechtsaußen-Partei verdrängt die Union aus CDU und CSU auf den zweiten Platz. Seitdem hat sie noch ein paar Prozent dazugewonnen. In den jüngsten Umfragen steht sie zwischen 27 Prozent (Infratest) und 29 Prozent (Insa).

Noch deutlicher fällt der Vorsprung in Sachsen-Anhalt aus. Eine Civey-Umfrage im Auftrag von :newstime zeigt, dass die AfD mit 41 Prozent Zustimmung uneinholbar vorne liegt. Ob Ulrich Siegmund der erste AfD-Ministerpräsident wird, ist hingegen unklar. Seiner eigenen Aussage nach will er nur mit absoluter Mehrheit regieren. Dieses Wahl-Szenario für Sachsen-Anhalt ist recht unwahrscheinlich, aber möglich. Es könnte der nächste Dammbruch werden.


Verwendete Quellen:

Rheinische Post: "Der Aufstieg der AfD im Zeitraffer"

tagesschau.de: "Das Ende der 'Jungen Alternative'"

Bild: "Man kann die AfD halbieren"

BR: "AfD-Politiker Gauland über Merkel: 'Wir werden sie jagen'"

Nachrichtenagentur dpa

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