Buckelwal sorgt für Kritik
Shitstorm um Wal Timmy: Deshalb macht sein Schicksal so viele Menschen wütend
Veröffentlicht:
von Marie-Finn Bruker:newstime
Zustand von gestrandetem Wal schlecht
Videoclip • 28 Sek • Ab 12
Der in der Ostsee gestrandete Buckelwal Timmy sorgt nicht nur aufgrund seiner misslichen Lage für Drama. Öffentlich wird darüber gestritten, wie es mit dem Tier weitergehen soll. Doch woher kommt die Wut um den Wal - und geht es dabei überhaupt noch um Timmy?
Das Wichtigste in Kürze
Streit um Timmy: Was mit dem gestrandeten Wal passieren soll, wird öffentlich hart diskutiert.
Expert:innen scheinen sich einig: Die Rettung ins offene Meer sei keine Lösung. Trotzdem wird ein weiterer Versuch unternommen.
Wissenschaft vs. Verschwörungstheorien: Deshalb ist die Debatte um das Tier so politisch.
"Unterlassene Hilfeleistung" steht auf Pappschildern von Demonstrant:innen, Helfende werden bedroht, in den sozialen Medien regnet es Hasskommentare.
Das alles, weil ein gestrandeter Buckelwal in Ruhe und Würde sterben sollte. Denn Expert:innen, Tierschutzorganisationen und -institute sind sich einig: Dem vor der Insel Poel liegenden Timmy kann nicht mehr sinnvoll geholfen werden. Dass das Tier jetzt doch gerettet werden soll, sorgt für noch mehr Trubel.
Nach vielen Wendungen bleibt dennoch die Frage: Warum eskaliert der Streit um einen Wal?
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Menschliches Mitverschulden spielt eine Rolle
Das aktuelle Weltgeschehen sei sehr vielschichtig, für den Wal hingegen zeichne sich ein vermeintlich klarer Weg ab, erklärt der Medienpsychologe Jan-Philipp Stein. "Diese Art von Komplexitätsreduktion übt auf viele Menschen in unserer heutigen Zeit einen großen Reiz aus", so auch Professor Stein von der TU Chemnitz.
"Menschen sind komplex, der Wal nicht", sagt auch Roman Rusch von der Hochschule Ansbach. Das Mitgefühl für den Wal sei von niemandem infrage stellbar, wichtig sei hier auch die Rolle von menschlichem Mitverschulden. Aus dem Maul des Tieres hängt beispielsweise ein Fischernetz, damit wird der Mensch zum Täter. "Nun tut dieser Täter nichts, das ist schwer zu ertragen", so Rusch.
Die Lösung scheint einfacher, als sie ist
Die intuitive Lösung zur Rettung des Wals scheine nach außen simpel, so Stein: Mit moderner Technik könne der Transport ins offene Meer doch nicht allzu schwer sein.
Doch so einfach ist es nicht, wie das kürzlich veröffentlichte Gutachten zum Zustand des Buckelwals zeigt. Die Rede ist von vier Strandungen bei Niendorf, Wismar und vor Poel, mit einer weiteren müsse gerechnet werden. Diese wiederholten Strandungen wiesen auf ein ernsthaftes Gesundheitsproblem hin.
Unter Expert:innen gebe es einen klaren Konsens: Die Rettung habe sehr geringe Erfolgschancen. Jeder weitere Befreiungsversuch gehe mit mehr Qual für das Tier einher, so Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros in Stralsund. Das Tierschutzgesetz verbiete zusätzliches Leid ohne vernünftige Erfolgsaussichten.
Keine Transportmöglichkeit für geschädigten Wal
Der rund zwölf Meter lange Wal liegt seit Ende März in etwa 1,50 Meter Wassertiefe vor Poel.
Bis zu den Tiefen der Nordsee, in denen Timmy zurück ins offene Meer gelangen könnte, seien es rund 450 Kilometer. "Transportmöglichkeiten für einen Wal dieser Größe existieren nicht", heißt es weiter im Gutachten.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus äußerte sich klar: "Es geht nicht darum, Verantwortung zurückzuweisen", so Backhaus. "Alle, die sich mit dem Schicksal dieses gestrandeten Wals beschäftigen, fühlen sich verantwortlich." Die Verantwortung bestehe darin, dem Tier kein Leid zuzufügen. Der Wal solle in Ruhe sterben, Methoden zur Einschläferung gebe es nicht. Inzwischen gab Backhaus allerdings die Walrettung durch eine Privatinitiative frei.
Moral oder Aufmerksamkeit?
Trotz klarer Aussagen von Expert:innen werden die Stimmen in den sozialen Netzwerken lauter. Es sei wie eine Art Entrüstungsspirale, in der Ansichten und Forderungen immer extremer werden, erklärt Frank Schwab von der Universität Würzburg. "Die Einzelnen überbieten sich und man muss mitgehen, um weiter zur Gruppe gehören zu können." Mit geringem Einsatz könne man im eigenen Netzwerk politisches Engagement zeigen und dafür von Gleichgesinnten Anerkennung bekommen.
Stein spricht hier vom sogenanntem "Virtue Signalling". Gemeint sind öffentlich inszenierte Handlungen, mit denen Personen ihre eigene Haltung kundtun und sich gleichzeitig von anderen moralisch abgrenzen können. Den Menschen soll damit aber keinesfalls der gute Wille abgesprochen werden.
Gutmütigkeit fehlt allerdings bei Betrüger:innen, die sich das Schicksal des Wals für monetäre Zwecke zunutze machen wollen. Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern warnte vor Betrugsmaschen in sozialen Medien, wie beispielsweise vermeintlichen Spendenaktionen.
Ein Wildschwein vor Poel sorge für weniger Verständnis
Warum sorgt aber ausgerechnet ein Wal für so viel Emotion? "Der Wal ist eine mythologische Figur, er ist friedlich, intelligent, er kümmert sich um seine Kinder", erklärt Medienpsychologe Schwab. Menschliche Sympathie für die Natur sei höchst selektiv. Herzhaft ins Fischbrötchen beißen und zugleich vehement eine Walrettung fordern - für manche kein Widerspruch.
Die große Aufruhr um Timmy ist auch neurologisch erklärbar: "Unser Gehirn funktioniert über Emotionen", erklärt Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Es sei leichter, auf ein Einzelschicksal zu reagieren. Das Drama um den Buckelwal sei wie eine Art Serie mit immer neuen Cliffhängern in direkter zeitlicher und räumlicher Nähe.
Der Mensch sei zudem von Natur aus auf Negatives und Absurdes gepolt. Das Verpassen einer negativen Nachricht, etwa das Anrücken eines Säbelzahntigers, konnte einst den Tod bedeuten. Laut Urner fokussiere sich das Gehirn somit seit Urzeiten auf solche Botschaften. Je negativer und absurder eine Social-Media-Nachricht ist, desto besser klicke und verbreite sie sich.
"Der Wal ist hochpolitisch"
Klar ist: Timmy sorgt für Schlagzeilen. Heikel wird es dann, wenn das Thema in populistische Hände gerät. "Das ist besonders gefährlich: Der Staat wird nicht nur als korrupt, sondern auch als moralisch verdorben dargestellt", warnt Professor Roman Rusch. Dass weitere Rettungsversuche ausblieben, lasse sich als moralisches Staatsversagen darstellen. Auch Maren Urner betont: "Der Wal ist hochpolitisch."
Sängerin Sarah Connor äußert sich zum Wal - und erntet Hass
Dennoch muss eingeordnet werden, dass der Schein der aufgebauschten Debatte trügt. "Eine sehr kleine Gruppe macht sehr viel und sehr laut Spektakel", erklärt Schwab. Auch laut Stein seien Menschen mit moderateren oder ausgewogeneren Sichtweisen in öffentlichen Diskursen häufig weniger sichtbar, genauso wenig wie die schweigende Mehrheit.
Ein Beispiel aus den vergangenen Tagen macht das deutlich: "Ich habe schon mehrfach gestrandete und verendete Wale gesehen. Orcas, Grau- und Buckelwale. Das passiert in der Natur nicht selten", schreibt Sarah Connor auf Instagram. "Ich kann ihm nicht helfen. Und wohl auch niemand anders mehr." In der Kommentarspalte hagelt es dafür Vorwürfe, Verachtung und Hass.
Verschwörungstheorien beliebter als Wissenschaft?
Ein großes Problem sei laut Neurowissenschaftlerin Urner auch das fehlende Korrektiv in sozialen Medien. Die große Entrüstung trotz klarer Expert:innen-Einordnung wundert sie nicht. "Gerade weil es diesen Konsens gibt, entstehen Verschwörungsideen", sagt Urner. "Verschwörungsgeschichten werden mit wissenschaftlicher Skepsis verwechselt."
Hinzu kommt laut Schwab, dass Forschungsergebnisse häufig fragil und vielschichtig seien und sich mit neuen Daten verändern. Die Wissenschaft sei komplex, "Menschen mögen das nicht." Auch Stein ergänzt: Verschwörungsideen seien eine willkommene Möglichkeit, sich überlegen zu fühlen.
Das ist jetzt zu tun
"Die Hardcore-Verschwörungsleute wird man nicht erreichen", sagt Schwab. Wer lange eine Extremposition vertreten habe, gebe sie nur selten noch auf. Der Wirbel um den Wal bringe für die Mehrheit aber Positives, wie mehr Hintergrundwissen oder Interesse an Meerestieren.
Auch Urner sieht den Trubel als eine Chance, Menschen Naturschutz näherzubringen. Dies sollte nicht belehrend, sondern mit Angeboten zu weiteren Informationen und der Verbindung zum eigenen Leben erfolgen.
Sarah Connor zieht mit: "Was jeder tun kann, dem der Wal jetzt leidtut: Esst weniger oder am besten gar keinen Fisch, reduziert euren Konsum!", schreibt sie. "Unterschreibt Petitionen, die gegen das Massenfischen mit Grundschleppnetzen sind!"
Im Fall von Timmy sei vor allem der Würdeaspekt hervorzuheben, so Rusch. Walexpert:innen und Tierschutzorganisationen sollten ausführlich und immer wieder darlegen, warum der natürliche Tod für die sinnvollste Lösung gehalten wird.
Der verletzte Wal soll nach vielem Hin und Her nun doch gerettet werden. Eine Privatinitiative bereitet aktuell einen Bergungsversuch per Luftkissen vor.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
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