Ex-Lehrerpräsident
Abitur um jeden Preis? Was hinter dem "Gymnasialwahn" wirklich steckt
Veröffentlicht:
von Claudia Scheele:newstime
"Gymnasien sind die neuen Hauptschulen"
Videoclip • 01:43 Min • Ab 12
Immer mehr Kinder wechseln nach der Grundschule aufs Gymnasium. Ex-Lehrerverbandschef Josef Kraus warnt vor "Akademisierungswahn" und nennt Zeugnisse teils "ungedeckte Schecks".
Das Wichtigste in Kürze
Der Anteil der Kinder, die nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, ist auf rund 45 Prozent gestiegen; Haupt- und Realschulen verlieren an Bedeutung.
Ex-Lehrerverbandschef Josef Kraus warnt vor einem "Gymnasial- und Akademisierungswahn" und kritisiert gesunkene Anforderungen: Zeugnisse seien teils "ungedeckte Schecks".
Kraus fordert mehr Wertschätzung für berufliche Bildung, bessere Information über alternative Bildungswege und warnt Eltern davor, das Gymnasium als einzige Option zu sehen.
In diesen Wochen entscheiden viele Viertklässler:innen in Deutschland, wie es nach der Grundschule weitergeht. Die Übertrittszeugnisse empfehlen immer häufiger den Weg aufs Gymnasium. Für den früheren Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, ist das ein Alarmzeichen.
Er warnt im Gespräch mit dem "Münchner Merkur" vor einem "Gymnasial- und Akademisierungswahn". Viele Eltern glaubten, ihr Kind habe "ohne Abi und Studium keine Chance". Politik und Schulen erleichterten den Zugang zum Gymnasium – mit Folgen für das gesamte System.
Fast jedes zweite Kind geht aufs Gymnasium
Nach dem aktuellen Bildungsbericht wechseln bundesweit inzwischen rund 45 Prozent der Kinder nach der vierten Klasse aufs Gymnasium. Laut Statistischem Bundesamt gingen im Schuljahr 2023/24 nur 11,1 Prozent auf eine Realschule, 17,7 Prozent auf eine Integrierte Gesamtschule und 6,3 Prozent auf eine Hauptschule.
2001 lag die Welt noch anders: Damals empfahlen Grundschullehrkräfte laut Hans-Böckler-Stiftung nur 29,3 Prozent der Viertklässler:innen fürs Gymnasium, 35,7 Prozent für die Realschule und 34,9 Prozent für die Hauptschule. In vielen Bundesländern wurden seitdem Haupt- und Realschulen zusammengelegt – und immer mehr Schüler:innen landen am Gymnasium.
Kraus: "Der Elternwille ist freigegeben"
Kraus sieht die Ursache auch in geänderten Regeln für den Übertritt. "Nur in Bayern gibt es noch einen Notenmindestdurchschnitt", sagt er. Dort dient ein Schnitt von 2,33 in Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht als Richtwert fürs Gymnasium. In anderen Ländern sei "der Elternwille, oft der Elternehrgeiz, völlig freigegeben".
Viele Mütter und Väter sähen das Gymnasium als einzig erstrebenswerte Schulform. "Die Gymnasien sind die neuen Hauptschulen", sagt Kraus zugespitzt. Zu viele Schüler:innen seien "eigentlich nicht fürs Gymnasium geeignet und auf anderen Schulformen besser aufgehoben".
Gute Noten, sinkende Ansprüche?
Auffällig ist, dass die Abiturschnittnoten in vielen Bundesländern stetig besser werden – auch in Bayern. Für Kraus ist das kein Beweis gestiegener Leistung. "Die Ansprüche sind stark gesunken", meint er.
Zeugnisse seien deshalb nur bedingt aussagekräftig: "Mit den guten Noten wird ihnen vorgegaukelt, dass sie mehr drauf hätten, als sie es wirklich haben. Zeugnisse sind damit zum Teil ungedeckte Schecks." Schon früher hatte Kraus kritisiert, das System orientiere sich zu stark an Pisa-Tests und vernachlässige Fächer wie Geschichte, Geografie und politische Bildung – mit der Folge eines "geografischen und historischen Analphabetismus" bei vielen Jugendlichen.
Übertritt mit 9 oder 10 Jahren – zu früh?
Die Entscheidung "Gymnasium oder nicht" könnten Kinder in der 4. Klasse aus Sicht von Kraus kaum überblicken. "Die sind da überfordert", sagt er. Viele wollten einfach auf die Schule, auf die auch ihre Freund:innen gehen.
Forderungen, den Übertritt auf die 6. Klasse zu verschieben oder eine "Schule für alle" einzuführen, sieht er skeptisch. Auch am Ende der 6. Klasse seien die Jugendlichen oft schwer einzuschätzen: "Da sind die jungen Leute in der Vorpubertät, auch da kann man keine eindeutige Prognose abgeben."
Auch in den News:
Mehr Wertschätzung für berufliche Bildung
Für die Zukunft fordert Kraus eine Kurskorrektur. Die berufliche Bildung müsse gestärkt und gesellschaftlich aufgewertet werden. "Wenn ein Kind nicht in der 5. Klasse im Gymnasium anfängt, ist damit ja nicht die ganze Bildungsbiografie verbaut", betont er. Das deutsche Schulsystem sei "horizontal und vertikal unglaublich durchlässig".
Auch ohne klassisches Abitur gebe es Wege zur Fachhochschule oder in anspruchsvolle Ausbildungen – etwa im Handwerk oder als spätere Existenzgründer:innen. Kraus wünscht sich, dass bei Informationsabenden nicht nur Gymnasien und andere weiterführende Schulen auftreten, sondern auch berufliche Schulen und Kammern. "Sie müssen den Eltern vor Augen führen, was es da an tollen Möglichkeiten gibt und dass der Nichtzugang zum Gymnasium keine Katastrophe ist. Im Gegenteil."
Verwendete Quellen:
Münchner Merkur: "Ex-Lehrerpräsident klagt an: "Gymnasien sind die neuen Hauptschulen""
Welt: ""Gymnasien sind die neuen Hauptschulen" – Ex-Präsident des Lehrerverbandes kritisiert Schulsystem"
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