Künstliche Intelligenz

Jugendliche wollen Sportunterricht mit KI gerechter machen

Veröffentlicht:

von dpa

Ein KI-Tool soll die Benotung im Sportunterricht fairer machen. (Symbolbild)

Bild: Bernd Weißbrod/dpa


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Statt Frust und starrer Noten: Schüler:innen aus Niedersachsen wollen den Sportunterricht mit KI gerechter machen. Ihre Idee hat es sogar bis zu den Olympischen Winterspielen geschafft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fünf Jugendliche aus Delmenhorst entwickeln mit "SkillFIT" ein KI-Tool für eine gerechtere Bewertung im Sportunterricht.

  • Statt starrer Notentabellen soll vor allem der individuelle Fortschritt und die persönliche Ausgangslage zählen.

  • Die Idee wurde im Rahmen eines Innovationswettbewerbs vorgestellt und sogar bei den Olympischen Winterspielen präsentiert.

Quietschende Turnschuhe, eine laute Halle, stockender Atem: Während ein paar Kinder Basketball spielen, wird bei anderen die Zeit beim Sprinten gestoppt. Wer dran ist, stellt sich an die Startlinie. Einer hält die Stoppuhr, jemand ruft später die Sekunden durch. Am Ende steht eine Zahl - und oft auch eine Note.

Für manche sind diese Momente im Sportunterricht mit Stress verbunden. Wenn man merkt, dass die eigene Leistung mit den Schnellsten verglichen wird. Wenn man sich anstrengt und trotzdem das Gefühl hat, es reicht nicht. Für fünf Jugendliche aus Delmenhorst ist genau das ein Problem.

"Ich bin mit einer neurologischen Bewegungsstörung zur Welt gekommen", sagt eine der Schülerinnen. Eine frühkindliche Hirnschädigung beeinträchtige ihre Muskelkontrolle und Koordination. "Viele Bewegungen fallen mir einfach schwerer". Im Sportunterricht habe sie sich angestrengt, trainiert, nicht aufgegeben. "Aber das wurde nie in meiner Note gewürdigt, weil ich nach extrem starken Maßstäben im Sportunterricht bewertet wurde, die meine individuellen Voraussetzungen überhaupt nicht berücksichtigte".


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Wenn Anstrengung unsichtbar bleibt

Mit der Zeit habe sich ein Gefühl eingeschlichen. "Ich bekam das Gefühl, dass der Sportunterricht einfach grundlegend nicht für mich gemacht war", erzählt die Jugendliche. Dabei solle das Fach eigentlich Lust auf Bewegung machen. Die Weltgesundheitsorganisation stellte in einer Studie von 2019 fest, dass mehr als 80 Prozent der Schulkinder als körperlich inaktiv gelten. Die Jugendlichen finden: Der Sportunterricht sollte Teil der Lösung sein, aber ist für viele eher ein Teil des Problems. Ein Fach, das motivieren solle, werde so für manche zum Ort von Frust und Demotivation.

Aus dieser Erfahrung heraus gründeten die fünf Schüler:innen des Gymnasiums an der Willmsstraße in Delmenhorst "SkillFIT". Auf die Idee kamen sie während einer Mittagspause. Sie hatten vom Samsung-Innovationswettbewerb "Solve for Tomorrow" erfahren. Der Wettbewerb sucht nach technologischen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Über mehrere Monate hinweg entwickeln Teams ihre Ideen weiter, begleitet von Workshops, Mentoren und Mentorinnen. In dieser Woche präsentierten die Jugendlichen ihr Projekt auch im Deutschen Haus bei den Olympischen Winterspielen in Cortina.

Abkehr von starren Noten

Doch was genau soll "SkillFIT" verändern? Die Idee der Schüler ist ein KI-basiertes Tool, das Lehrkräfte unterstützt, die Leistung des Sportunterrichtes individuell zu bewerten. Statt dabei feste Tabellen zu benutzen, etwa eine bestimmte Zeit für die Note Eins im 100-Meter-Lauf, soll stärker der individuelle Fortschritt zählen. Zeiten, Wiederholungen oder Ausdauerwerte werden erfasst und im Verhältnis zu den persönlichen Voraussetzungen betrachtet.

Jemand mit ganz anderen körperlichen Voraussetzungen solle nicht an denselben Tabellen gemessen werden, finden die Schüler:innen. Entscheidend sei die Entwicklung: "Gibt die Person das, was sie erreichen könnte? Wo befindet sie sich gerade? Ist sie gerade bei den möglichen 80 % von der eigentlichen körperlichen Leistung? Kann sie 100 % erreichen?", erklärt eine der Schülerinnen.

Ihre Idee sieht vor, unterschiedliche Ausgangslagen einzubeziehen. "Bei mir wäre das zum Beispiel die Cerbralparese", also eine neurologische Bewegungsstörung, wie die Schülerin erklärt. Auch vorübergehende Einschränkungen sollen berücksichtigt werden.

Unterstützen statt ersetzen

"Wir wollen die Lehrer nicht ersetzen", betont sie weiter. "Es ist kaum möglich, 30 Schülerinnen und Schüler gleichzeitig im Blick zu behalten und jedem eine faire Note zu geben". Das System solle unterstützen, nicht entscheiden. Zugriff auf die Daten hätten nur die Lehrkraft und die jeweilige Schüler:innen.

Neben der Projektarbeit läuft der Schulalltag weiter. "Wir schreiben nächstes Jahr Abitur", sagt ein Schüler. Viele hätten noch andere Verpflichtungen neben der Schule wie Arbeit oder Training. "Es ist schwer, sich regelmäßig zu treffen". Vor wichtigen Präsentationen hätten sie sich sogar am Wochenende zusammengesetzt. "Es ist anstrengend, aber wir wollen nicht aufgeben. Wir werden nicht aufgeben", erklärt er.

Ob und wie ein solches System einmal im regulären Schulalltag eingesetzt werden wird, ist offen. Für das Team steht zunächst im Vordergrund, das Konzept weiter auszuarbeiten. Der Ausgangspunkt bleibt dabei derselbe: Sportunterricht soll nicht nur vergleichen, sondern Entwicklung sichtbar machen. Oder wie es die Jugendlichen formulieren: Nicht alle sind gleich schnell – aber jeder kann wachsen.

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Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

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