Kaum männliche Thronfolger
Neues Gesetz soll Japans Kaiserhaus retten – und schiebt beliebte Prinzessin beiseite
Veröffentlicht:
von Sven HaubergAbenteuer Leben täglich
So ungewöhnlich übernachtet man in Japan
Videoclip • 08:23 Min • Ab 12
Japans Kaiserhaus droht auszusterben, weil kaum männliche Thronfolger geboren werden. Doch die Regierung des Landes verhindert eine naheliegende Lösung: Frauen auf dem Kaiserthron.
Das Wichtigste in Kürze
Dem japanischen Kaiserhaus gehen die Thronfolger aus, derzeit gibt es nur drei Kandidaten – einer davon ist bereits 90.
Eine Lösung wäre es, Frauen auf dem Thron zu erlauben. Doch ein neues Gesetz schiebt dem nun einen Riegel vor.
Vorangetrieben wurde es ausgerechnet von der ersten Frau an der Spitze einer japanischen Regierung.
Wo immer die japanische Prinzessin Aiko hinkommt, wird sie begeistert empfangen. Am vergangenen Wochenende zum Beispiel. Da reiste die 24-jährige Tochter von Kaiser Naruhito und Kaiserin Masako in die Stadt Tottori, um an einer Konferenz zum Thema Katastrophenschutz teilzunehmen, und Hunderte Menschen säumten die Straßen, als Aiko den Flughafen der Stadt verließ. Japanische Fahnen wurden geschwenkt, und Aiko, in einem hellgrünen Kleid und mit Perlenkette um den Hals, winkte lächelnd aus ihrer schwarzen Limousine.
Aiko ist das einzige Kind ihrer Eltern, Kaiserin wird sie aber wohl nie: Denn Frauen sind nicht vorgesehen in der japanischen Thronfolge. Und das, obwohl es im japanischen Kaiserhaus kaum noch männliche Kandidaten für den Thron gibt. Eine Gesetzesänderung, die an diesem Samstag (24. Oktober) in Kraft tritt, zementiert nun diese aus Sicht vieler Japaner:innen ungerechte Regelung – und will gleichzeitig eine Lösung für die immer drängenderen Nachwuchsprobleme der japanischen Royals anbieten.
Derzeit hat Japan drei potenzielle Thronfolger. Da ist zunächst Kronprinz Fumihito, der jüngere Bruder von Kaiser Naruhito. Fumihito ist allerdings bereits 60 und damit kaum jünger als sein sechs Jahre älterer Bruder. Prinz Hitachi, Naruhitos Onkel und die Nummer drei in der Thronfolge, ist sogar schon 90. Bleibt als Hoffnungsträger Hisahito, der 20-jährige Sohn von Fumihito und Neffe von Kaiser Naruhito.
Auch in den News:
Nur Männer können in Japan Kaiser werden
Der junge Mann, der seit vergangenem Jahr in der Nähe von Tokio Biologie studiert, gilt als beliebt. Er sei sich seiner "Verpflichtungen als erwachsenes Mitglied der kaiserlichen Familie" bewusst, sagte Hisahito im vergangenen Jahr bei einer Zeremonie zur Feier seiner Volljährigkeit.
Viel lieber aber sähen viele Japaner:innen Prinzessin Aiko auf dem Chrysanthementhron. In einer im August veröffentlichten Umfrage des Fernsehsenders FNN sagten 78 Prozent der Befragten, sie würden sich wünschen, dass auch Frauen in der Thronfolge berücksichtigt würden. Nur 18 Prozent sahen das anders.
Das japanische Kaiserhaus gilt als das älteste der Welt, immer wieder saßen auch Frauen auf dem Thron. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Gesetze so geändert, dass nur noch Männer die Thronfolge antreten können. Diskussionen über eine Reform gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder, besonders heftig vor gut 20 Jahren. Damals hieß der Kaiser noch Akihito, und keiner seiner beiden Söhne hatte männlichen Nachwuchs. Vor allem auf Masako, die Frau des damaligen Kronprinzen und heutigen Kaisers Naruhito, übten Öffentlichkeit, Medien und Politik massiv Druck aus, dem Land einen Thronfolger zu gebären. Masako erkrankte daraufhin körperlich und psychisch.
Gesetzesänderung hält Frauen weiterhin vom Thron fern
"Damals schien das Momentum dafür gegeben, eine weibliche Thronfolge möglich zu machen", sagt Gabriele Vogt, Professorin für Japanologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, gegenüber :newstime. Im Jahr 2005 empfahl eine Regierungskommission dann, das Hofgesetz so zu ändern, dass jedes erstgeborene Kind Thronfolger werden soll, unabhängig vom Geschlecht. Die damals dreijährige Aiko wäre also Kaiserin geworden, selbst wenn sie noch einen Bruder bekommen hätte. Die Empfehlung ermögliche "eine stabile Thronfolge", sagte damals Premierminister Junichiro Koizumi. Doch bevor das Parlament eine entsprechende Gesetzesänderung verabschieden konnte, wurde im September 2006 Prinz Hisahito geboren. "Mit seiner Geburt verstummten diese Diskussionen schlagartig", sagt Vogt.
Hisahito dürfte also eines Tages japanischer Kaiser werden. Was aber, wenn auch er keinen männlichen Nachwuchs bekommt? Um das Überleben des Kaiserhauses zu sichern und weiterhin Frauen vom Thron fernzuhalten, hat das japanische Parlament im Sommer jene Gesetzesänderung verabschiedet, die nun in Kraft tritt. Fortan gilt zweierlei: Erstens sollen weibliche Mitglieder der Kaiserfamilie nicht mehr automatisch ihre höfischen Privilegien verlieren, wenn sie einen Bürgerlichen heiraten. Und zweitens sollen Nachkommen des ehemaligen japanischen Hochadels per Adoption ins Kaiserhaus aufgenommen werden können. Deren Söhne würden dann als Thronfolger gelten.
Adoption soll Nachwuchsproblem des japanischen Kaiserhauses lösen
Konkret heißt das: Auf dem japanischen Kaiserthron könnte eines Tages ein entfernter Verwandter des jetzigen Kaiserhauses sitzen, ein Mitglied jenes einstigen Hochadels, der nach dem Zweiten Weltkrieg seine Privilegien verlor. "Erwachsenenadoption ist ein in Japan historisch verwurzelter Mechanismus, um den Fortbestand eines Familienunternehmens zu sichern", sagt Japanologin Vogt. Nun soll Adoption auch das Kaiserhaus fit für eine (männliche) Zukunft machen.
Unklar ist allerdings, ob die Bevölkerung den Sohn eines Adoptivkindes als Kaiser akzeptieren würde. "Die aktuelle Kaiserfamilie und auch die Eltern des jetzigen Kaisers genießen in der Bevölkerung großes Ansehen", sagt Vogt. "Ich denke, dass adoptierte männliche Verwandte als potenzielle Thronfolger alleine deswegen schon einen schweren Stand hätten, weil mit Prinzessin Aiko ein hoch geschätztes und beliebtes Mitglied der Kaiserfamilie so ausgebootet würde."
Fraglich ist auch, ob sich überhaupt geeignete Kandidaten für eine Adoption finden ließen. Schließlich würde ein Wechsel ins Kaiserhaus bedeuten, das bisherige Leben komplett hinter sich zu lassen. Als aussichtsreicher Kandidat für eine Adoption wird in japanischen Medienberichten zum Beispiel ein etwa 20 Jahre alter Mann genannt, bei dem es sich um einen Sprössling aus der einst kaiserlichen Familie Kaya handeln soll. Dessen Vater winkte allerdings bereits ab: "Mein Sohn ist ein ganz normaler Junge, der gerne mit der Spielkonsole spielt", wird der Mann in Berichten zitiert.
Keine Feministin: Japans erste Premierministerin
Vorangetrieben wurde die Gesetzesänderung, die Frauen auch in Zukunft vom Chrysanthementhron fernhalten soll, ausgerechnet von einer Frau: Premierministerin Sanae Takaichi. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde Takaichi die erste Frau an der Spitze von Japans Regierungspartei LDP und wenig später erste Premierministerin des Landes. Takaichi habe damit zwar "zwei für nahezu undurchdringbar gehaltene Glasdecken durchstoßen", sagt Japan-Expertin Vogt. "Doch hat sie sich in ihrer bisher einjährigen Amtszeit nicht als Verfechterin von Gleichstellung oder gar feministischer Politik hervorgetan."
Vogt nennt als Beispiel die Diskussion über die Frage, ob es Mann und Frau nach der Heirat gestattet sein soll, unterschiedliche Nachnamen zu führen. Japan gilt als einziges Land der Welt, in dem es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass bei einer Heirat einer der beiden Ehepartner den Namen des anderen annimmt und seinen eigenen ablegt. Fast immer sind es Frauen, die auf ihren eigenen Familiennamen verzichten. Vorstößen ihres Amtsvorgängers, das Gesetz zu reformieren, habe Takaichi "streng Einhalt geboten", sagt Vogt. "Auch hier zeigt sich, ähnlich wie bei der Thronfolge, die unterschiedliche Wertigkeit von Männern und Frauen bei der Familiengründung."
Verwendete Quellen:
FNN: "愛子さまが鳥取入り 「防災推進国民大会」出席へ ペールブルーの装いでにこやかに手を振られる"
FNN: "「女性天皇を認める」賛成78%反対18% 高市内閣支持率は横ばい62.5% 消費減税に半数が賛成 【FNN世論調査 2026年8月】"
Guardian: "Running out of royals: why calls are growing to let Japan’s princess Aiko take the throne"
Japan Times: "Eternal debate over surname law comes to fore again"
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