Online-Lexikon

Wikipedia wird 25 – und steht unter Druck wie nie

Veröffentlicht:

von Jacqueline Bittl

Wikipedia feiert am 15. Januar sein 25-jähriges Bestehen. (Archivbild)

Bild: Sebastian Gollnow/dpa


Das Online-Lexikon feiert 25. Geburtstag und steht vor großen Herausforderungen. Politische Angriffe, fehlende Spenden, Mangel an Autor:innen und vor allem KI-Plattformen setzen die freie Enzyklopädie unter Druck.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wikipedia feiert 25 Jahre Bestehen und hat sich zu einer der größten und meistgenutzten freien Wissensplattformen der Welt mit Milliarden monatlicher Seitenaufrufe entwickelt.

  • Trotz ihres Erfolgs steht die Enzyklopädie unter Druck, insbesondere durch Angriffe, Nachwuchsmangel in der Community und die wachsende Abhängigkeit von großen Tech- und KI-Konzernen.

  • Künstliche Intelligenz darf Wikipedia zwar technisch unterstützen, das Erstellen und Kuratieren der Inhalte bleibt jedoch ausdrücklich Aufgabe von Menschen.

Wikipedia feiert 25-jähriges Bestehen. Am 15. Januar 2001 ging das Onlinelexikon unter "www.wikipedia.com" online. Die Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger hatten ursprünglich geplant, ihre von professionellen Autor:innen verfasste Online-Enzyklopädie Nupedia lediglich um ein offenes Mitmachprojekt zu ergänzen. Doch während das Projekt kaum vorankam und 2003 eingestellt wurde, entwickelte sich Wikipedia dynamisch und avancierte rasch zu einer der meistgenutzten Webseiten im World Wide Web.

Eine globale Wissensplattform, getragen von Freiwilligen

Ein Vierteljahrhundert nach dem Start ziehen die Wikipedianer eine eindrucksvolle Bilanz. In 25 Jahren entstand die größte frei zugängliche Wissenssammlung der Geschichte mit enormer Reichweite. Aktuell verzeichnet Wikipedia rund 15 Milliarden Seitenaufrufe pro Monat, knapp 250.000 aktive Freiwillige sowie mehr als 65 Millionen Artikel in über 300 Sprachen.

Die deutschsprachige Wikipedia startete am 16. März 2001, rund drei Monate nach dem US-amerikanischen Ursprungsprojekt. Inzwischen umfasst sie über drei Millionen Artikel, die ein großes Publikum erreichen. Allein im vergangenen Dezember kam das deutschsprachige Angebot auf 750 Millionen Seitenaufrufe. Damit zählt Wikipedia zu den fünf meistbesuchten Webseiten in Deutschland.

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Verlässliches Wissen auf Basis überprüfbarer Quellen

"Es ist eine riesengroße Errungenschaft, dass es uns gelungen ist, in ganz vielen Teilen der Welt den Menschen einen Zugang zu Wissen zu ermöglichen, den sie sonst nicht hätten", sagt Franziska Heine, geschäftsführende Vorständin von Wikimedia Deutschland. Nutzer:innen könnten auf sorgfältig recherchierte und mit Quellen belegte Inhalte zugreifen und so zahlreiche Fragen ihres Alltags selbstständig beantworten.

Gleichzeitig dürfen die Erfolge nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wikipedia vor erheblichen Herausforderungen steht und in einigen Regionen sogar bedroht ist. Politische Angriffe nehmen zu, nicht nur in den USA. Zudem wächst der ökonomische Druck durch große Technologiekonzerne. Hinzu kommt, dass es zunehmend schwieriger wird, junge Autor:innen – insbesondere Frauen – für die Mitarbeit zu gewinnen.

Vorwürfe politischer Schlagseite und neue Konkurrenz

Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales sah sich zuletzt veranlasst, das Projekt gegen den Vorwurf einer linken politischen Ausrichtung zu verteidigen, der unter anderem von Elon Musk erhoben wurde. "Wenn die Frage lautet, ob Wikipedia von linksradikalen Aktivisten übernommen wurde, lautet die Antwort: Nein", sagte Wales bei der Vorstellung seines Buches "Trust" in Berlin.

Musk, der für rechtspopulistische Positionen bekannt ist, hatte im vergangenen Jahr mit Grokipedia eine eigene Alternative zu Wikipedia gestartet. Die von seiner KI-Firma xAI entwickelte Website ähnelt Wikipedia im Aufbau und bietet ebenfalls eine Suchfunktion sowie Artikel mit Quellenangaben.

Franziska Heine kritisierte, Grokipedia sei im Gegensatz zu Wikipedia nicht neutral, sondern von Vorurteilen geprägt. Dies zeige sich unter anderem an Beiträgen zum Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021 oder an Darstellungen eines angeblichen Genozids an der weißen Bevölkerung in Südafrika.

Die Frage, ob Wikipedia im Sinne eines überzogenen politischen Engagements "zu woke" geworden sei, verneint die Führungsebene eindeutig. Deutlich komplexer fällt hingegen die Antwort auf die Frage aus, wie der Umgang mit großen Tech-Konzernen wie Google, Microsoft, Apple, Meta, Amazon sowie mit KI-Anbietern wie OpenAI oder Perplexity gestaltet werden soll.

Zwischen Kooperation und Abhängigkeit von Big Tech

Wikipedia fungiert einerseits als Datenlieferant und teilweise auch als Kooperationspartner für große Technologieunternehmen. Nahezu jedes bedeutende KI-Sprachmodell – darunter GPT von OpenAI oder Llama von Metawurde mit Inhalten aus Wikipedia trainiert. Diese sind in mehr als 300 Sprachen verfügbar, frei lizenziert, klar strukturiert und qualitativ hochwertig.

In einem Blogbeitrag zum 25-jährigen Jubiläum betont die Wikimedia-Stiftung mit Stolz, dass Wikipedia eine zentrale Wissensquelle für KI-Chatbots darstellt. Innerhalb der Community stößt dies jedoch auch auf Kritik, da viele Freiwillige es problematisch finden, dass ihre unbezahlte Arbeit kommerziellen KI-Unternehmen beim Training ihrer Modelle zugutekommt.

Fehlende finanzielle Beteiligung der Tech-Konzerne

Erschwerend kommt hinzu, dass sich große Technologieunternehmen bislang kaum als Spender für Wikipedia oder andere Wikimedia-Projekte engagiert haben. Aus diesem Grund wirbt die Stiftung für das kostenpflichtige Angebot Wikimedia Enterprise, das Unternehmen einen sauberen, schnellen und rechtssicheren Zugang zu Wikipedia-Daten bietet. Bisher ist jedoch nur Google als zahlender Kunde dieser Lösung bekannt. Daraus lässt sich schließen, dass andere KI-Anbieter weiterhin kostenlos mit automatisierten Programmen auf die Inhalte zugreifen.

Neben der zurückhaltenden Zahlungsbereitschaft der Silicon-Valley-Konzerne bereiten auch sinkende Zugriffszahlen Sorgen. Die Verbreitung populärer KI-Tools hat dazu beigetragen, dass die täglichen Besuche auf Wikipedia zwischen 2022 und 2025 deutlich zurückgingen. Laut Similarweb sanken die Zugriffe in diesem Zeitraum um knapp 25 Prozent. Dadurch sehen weniger Nutzer:innen die Spendenaufrufe, was sich negativ auf die Einnahmen der Stiftung auswirkt.

An Bedeutung verliert Wikipedia dennoch nicht, da die Inhalte weiterhin intensiv genutzt werden – allerdings zunehmend indirekt über KI-Antworten und Zusammenfassungen auf anderen Plattformen.

Klare Grenzen für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Verfassen oder Überarbeiten von Wikipedia-Artikeln wird von der Community äußerst kritisch gesehen. Ende April 2025 stellte die Stiftung klar, dass KI das von Menschen kuratierte Wissen nicht ersetzen darf. KI-Werkzeuge sollen ausschließlich unterstützend eingesetzt werden, etwa zur Erkennung von Vandalismus in Artikeln.

"Wissen ist menschlich, Wissen wird von Menschen miteinander erarbeitet", betont Franziska Heine. Generative KI liefere lediglich Wahrscheinlichkeiten. Sie greife auf bereits vorhandenes Wissen zurück und vermische dieses im ungünstigsten Fall mit falschen oder unpassenden Informationen.

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt und vor der Veröffentlichung von der Redaktion sorgfältig geprüft.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

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