Gesundheitssystem

Hausarzt statt Facharzt: So soll das neue Primärarztsystem funktionieren

Veröffentlicht:

von Max Strumberger

:newstime

Arzttermin: Bald Ende der langen Wartezeit?

Videoclip • 01:39 Min • Ab 12


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Die Bundesregierung plant einen tiefen Eingriff ins Gesundheitssystem: Künftig sollen Patient:innen in der Regel zuerst in die Hausarztpraxis gehen, bevor sie Fachärzt:innen aufsuchen können. Erfahre hier, wie das Gesundheitssstem künftig funktionieren soll.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das deutsche Gesundheitssystem steht vor drastischen Veränderungen.

  • Statt freier Facharztwahl soll künftig der Hausarzt den Behandlungsweg vorgeben.

  • Ziel der Reform ist es, überfüllte Praxen zu entlasten, Wartezeiten zu verkürzen und Ressourcen gezielter einzusetzen.

Direkt zum Facharzt gehen – diese Freiheit könnte in Deutschland bald deutlich eingeschränkt werden. Nach den Plänen der Bundesregierung soll der Hausarzt künftig zur zentralen Anlaufstelle im Gesundheitssystem werden. Geplant ist ein verbindliches Primärarztsystem: Wer medizinische Probleme hat, soll in der Regel zuerst die Hausarztpraxis aufsuchen. Von dort aus entscheidet der Arzt, ob er selbst behandelt oder an einen Facharzt überweist. Ziel der Reform ist es, Doppeluntersuchungen zu vermeiden, Behandlungen besser zu koordinieren und Kosten im Gesundheitssystem zu senken.

Bislang bewegen sich Patient:innen in Deutschland vergleichsweise frei durch das System. Im europäischen Vergleich gehören die Deutschen zu den Spitzenreitern bei der Zahl der Arztbesuche – mit entsprechenden Folgen: Viele Praxen sind überlaufen, Wartezimmer voll, die Kosten steigen.

Ausnahmen für Augenärzte, Gynäkologen, Zahnärzte und Kinderärzte

Die Vorteile, die die Politik mit dem Primärarztsystem verbindet, sind vielfältig. Hausärzte kennen häufig nicht nur die Krankengeschichte, sondern auch das soziale Umfeld ihrer Patient:innen – ein Plus vor allem bei komplexen, chronischen oder psychischen Erkrankungen. Sie können beurteilen, wann wirklich ein Facharzt benötigt wird und welche Untersuchungen sinnvoll sind. So sollen Fehl- und Überversorgungen reduziert werden. Durch die Entlastung der Facharztpraxen erhofft man sich auch kürzere Wartezeiten für Patient:innen mit dringlichen Anliegen.

Gleichzeitig soll das System nicht als Zugriffsbeschränkung verstanden werden, betont die Bundesregierung. Die freie Wahl des Hausarztes bleibt erhalten, allerdings mit Bindungsfristen, die die Kontinuität der Behandlung sichern sollen. Zusätzliche Ausnahmen sollen verhindern, dass der Zugang zu bestimmten Leistungen erschwert wird: Für Augenärzte, Gynäkologen, Zahnärzte und Kinderärzte soll weiterhin kein Überweisungsschein nötig sein. Chronisch Kranke sollen mit Dauer- oder Jahresüberweisungen ausgestattet werden können, um wiederholte Hausarzttermine nur zur Formalie zu vermeiden.

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Kritik an geplanten Änderungen

Doch genau an diesem Punkt setzen Kritiker an. Sie befürchten, dass die Hausarztpraxen, statt als Lotsen zu wirken, zum Flaschenhals der Versorgung werden. Schon heute müssen Patient:innen in manchen Regionen lange auf einen Termin beim Hausarzt warten. Kommen zusätzliche Steuerungsaufgaben hinzu, könnte sich diese Situation weiter verschärfen. Verbraucherschützer:innen warnen außerdem vor einer Scheinfreiheit bei der Arztwahl: Wer faktisch immer erst über den Hausarzt gehen muss, habe deutlich weniger Kontrolle über den eigenen Behandlungsweg.

Auch aus Facharztpraxen kommen warnende Stimmen. Besonders HNO-Ärzte und Dermatologen fürchten, dass ernste Erkrankungen – etwa Tumoren im Hals-Nasen-Ohren-Bereich oder aggressive Hautkrebsformen – später erkannt werden könnten, wenn der Erstkontakt verzögert wird. Hinzu kommt eine wirtschaftliche Sorge: Wenn der Hausarzt stärker filtert, könnten Facharztpraxen weniger frequentiert werden. Befürworter kontern, dass internationale Erfahrungen und bestehende Modelle wie die Hausarztzentrierte Versorgung zeigen, dass eine gut organisierte Primärversorgung die Gesamtqualität steigern kann. Ob Deutschland diese Balance schafft, wird sich erst nach Einführung des geplanten Systems ab 2028 zeigen.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

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