Unternehmer im Porträt
dm-Gründer Götz Werner: So baute er die größte Drogeriekette Deutschlands auf
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von Claudia Frickel:newstime
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Aus dem Nichts erschuf Götz Werner seine dm-Drogeriekette. Der selbsternannte "Realträumer" wollte auch gesellschaftlich etwas bewegen. Alles über seinen Werdegang, sein Leben und seinen Konzern.
Das Wichtigste in Kürze
Götz Werner gründete den ersten dm-Drogeriemarkt 1973 in Karlsruhe.
Der Unternehmer übertrug seine Anteile nicht an seine Kinder, sondern übergab sie an eine gemeinnützige Familienstiftung.
Werner setzte auf eine ungewöhnliche Unternehmenskultur und kämpfte für ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Drogeriemarkt-Pionier: Wer war Götz Werner?
Er gründete 1973 die Drogeriekette dm und machte sie zu einer der größten in Europa: Götz Werner war ein erfolgreicher deutscher Unternehmer. Als Pionier gilt er auch, weil er eine bewusst nicht-hierarchische und mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur einführte. Seine Märkte erhielten ungewöhnlich viel Handlungsspielraum.
Werner machte sich darüber hinaus als Vordenker für neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Modelle einen Namen. Insbesondere setzte er sich viele Jahre für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Auch seine Nachfolgeregelung wich vom Üblichen ab: 2010 übertrug er seine Anteile an dm nicht an seine sieben Kinder, sondern an eine gemeinnützige Stiftung. Sich selbst bezeichnete er als "Realträumer".
Götz Werner starb am 8. Februar 2022 im Alter von 78 Jahren. Seine Drogeriemarktkette ist heute in insgesamt 14 europäischen Ländern aktiv und betreibt dort rund 4.200 Filialen.
Götz Werner machte dm zur größten Drogeriekette Deutschlands.
Bild: picture alliance / Bernd Settnik/dpa-Zentralbild/dpa
Werdegang von Götz Werner: Vom Rauswurf zum ersten dm‑Markt
Götz Wolfgang Werner kam im Februar 1944 in Heidelberg als fünftes Kind zur Welt. Seine Mutter war Psychologin, der Vater besaß in der Stadt eine Drogerie – wie schon der Urgroßvater und der Großvater.
Die Schule interessierte den jungen Götz Werner weniger, wie er später in seiner Autobiografie "Womit ich nie gerechnet habe" schrieb: "Ich war ein schlechter Schüler." Rudern machte ihm mehr Spaß – er war sogar deutscher Jugendmeister in dem Wassersport.
Nach der Mittleren Reife besuchte er die Handelsschule in Koblenz und machte anschließend eine Drogistenlehre. Später arbeitete er im Betrieb der Eltern und sammelte Erfahrungen in anderen Drogerien. Aber auch dort hatte es Werner nicht leicht. Denn von seinen modernen Ideen wollten die Führungskräfte nichts wissen – etwa zur Selbstbedienung.
Der Vater betrieb damals 20 Filialen, die wirtschaftlich unter Druck standen. Was der Sohn dort sah, machte ihm Sorgen. Er suchte das Gespräch und sagte: "Vati, wenn du so weitermachst, gehst du pleite", heißt es in der Biografie.
Der Vater wollte davon nichts wissen – und feuerte Götz Werner. In seiner Autobiografie erklärte er, er sei ein "verlorener Sohn" gewesen. Dass er seine eigene Drogerie gründete, verdankte der Unternehmer wider Willen also nur seinem Rauswurf. Eigenkapital hatte er zwar nicht, aber er tat sich mit einem Partner aus dem Großhandel zusammen.
Am Anfang war dm ein Traum, genauer gesagt mein Traum.
Wann und wo entstand der erste dm-Markt?
Am 28. August 1973 nahm der erste dm‑Markt in Karlsruhe den Betrieb auf. Das schlichte "dm" ist die Abkürzung für "drogeriemarkt". Er war knapp 180 Quadratmeter groß, zum Sortiment gehörten etwa 800 Artikel. Zum Vergleich: Heutige dm-Läden sind laut Unternehmen im Durchschnitt 640 Quadratmeter groß und bieten um die 12.500 Produkte.
Dort setzte Werner seine Vorstellungen um. Bis dahin boten Drogerien ihre Produkte über die Theke an. Kund:innen mussten also sagen, was sie benötigten. Doch im März 1972 hatte Dirk Roßmann in Hannover mit "Rossmann" eine neue Art von Drogeriemarkt eröffnet: mit Selbstbedienung. Die Waren standen frei im Regal und Käufer:innen konnten sie in die Hand nehmen und vergleichen.
Auch Werner übernahm dieses Prinzip. Zugleich setzte er auf ein Discounter-Konzept: Waren wurden in großen Mengen im Großhandel erworben und konnten so günstiger verkauft werden. Sowohl Rossmann als auch dm profitierten davon, dass 1974 die Preisbindung für Drogerieartikel in Deutschland aufgehoben wurde. Damit konnten Händler:innen selbst die Preise festlegen.
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Wie dm zu Europas größter Drogeriekette wurde
Bereits nach wenigen Wochen erwirtschaftete der erste dm-Markt ausreichend Umsatz für eine zweite Eröffnung, diesmal in Mannheim. Dann stieg Günther Lehmann ein, damals Gesellschafter der Supermarktkette Pfannkuch. Er bekam 50 Prozent der Anteile am Unternehmen. Zusammen trieben sie die Expansion voran: Mitte 1975 betrieben sie bereits 20 dm-Märkte.
Im November 1976 folgte der Schritt über die Grenze: Im österreichischen Linz startete die erste Niederlassung außerhalb von Deutschland. Selbstbedienungsdrogerien gab es in Österreich bis dahin noch nicht. 1993 entstanden erste Filialen in Ungarn und der Tschechischen Republik.
1985 bildete dm erstmals Lehrlinge aus. 1986 kam mit "Alana" die erste Eigenmarke für Bioprodukte auf den Markt. dm legte schon früh einen Schwerpunkt auf Biowaren, später kamen viele weitere Eigenmarken dazu.
Heute sind in den über 2.100 dm-Märkten in Deutschland rund 63.600 Mitarbeitende beschäftigt. Der Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2024/2025 knapp 13,3 Milliarden Euro – 6,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt gibt es in den 4.200 europäischen dm-Märkten in Europa 93.500 Mitarbeiter:innen.
Wie Götz Werner die dm-Unternehmenskultur veränderte
Gründer Götz Werner veränderte die Unternehmenskultur bei dm: Strenge Hierarchien und reine Gewinnorientierung sollten bewusst in den Hintergrund gerückt werden.
Werner war ein Anhänger von Rudolf Steiner und dessen ganzheitlichem, anthroposophischem Menschenbild. Steiner verstand Menschen als geistig-seelische Wesen, die sich frei entfalten sollten. Diese Sichtweise prägte Werners Denken, und er versuchte, auch in seiner Firma Mitarbeiter:innen ins Zentrum zu stellen. Sie sollten nicht als "Ausführende" gesehen werden, sondern als mitdenkende und mitverantwortliche Persönlichkeiten.
Ebenso inspirierte ihn Steiners Vorstellung, dass wirtschaftliche Prozesse nicht allein dem Profit dienen sollten, sondern Menschen und dem gesellschaftlichen Zusammenleben. Werners Führungskonzept galt als "dialogisch" und eines seiner Mottos lautete:
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter.
Ab Anfang der 1990er Jahre änderte Götz nach und nach auch die interne Organisation seines Unternehmens. Die Filialen erhielten mehr Selbstverantwortung, Eigenkontrolle und mehr Entscheidungsspielraum, etwa bei Sortiment und Dienstplänen. Die Führungsebene soll weniger kontrollieren, sondern eher unterstützen.
Mitarbeiter:innen werden zudem ermutigt, eigene Ideen und Gedanken einzubringen sowie Verantwortung zu übernehmen. Zu den Lernangeboten, Trainings und Weiterbildungsmaßnahmen gehören kreative Kurse oder Theater-Workshops. Zum Ausbildungskonzept gehören zwei achttägige Theaterprojekte. Das soll die Team-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit der "Lernlinge", wie Werner sie nannte, fördern.
Götz Werner und das bedingungslose Grundeinkommen
Götz Werner engagierte sich über Jahre hinweg für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Er vertrat die Ansicht, dass Einkommen ein Bürgerrecht sein und nicht allein an Erwerbsarbeit gebunden sein sollte. Ein Grundeinkommen würde seiner Meinung nach die Freiheit der Menschen stärken, eigenverantwortlich zu handeln und sinnvolle Tätigkeiten auszuüben.
Für ihn ging es dabei nicht nur um Geld, sondern um ein neues Verständnis von Gesellschaft: Arbeit sollte nicht aus Zwang entstehen, sondern aus Motivation, Verantwortung und Sinn. Werner schlug eine Grundsicherung von durchschnittlich 1.000 bis 1.200 Euro vor.
Angesichts des Überflusses, in dem wir leben, müssen wir unverzüglich handeln und unseren Sozialstaat so gestalten, dass jeder menschenwürdig leben kann.
Das bedingungslose Grundeinkommen wollte Werner vor allem über eine grundlegende Umstellung des Steuersystems finanzieren: Einkommensteuer sowie viele Sozialabgaben sollten stark reduziert oder abgeschafft werden. Stattdessen sollte die Mehrwertsteuer deutlich erhöht werden.
Für diese Idee setzte er sich über Jahre hinweg aktiv ein: Er hielt zahlreiche Vorträge, gab Interviews und veröffentlichte unter anderem das Buch "Einkommen für alle". Zudem unterstützte er Initiativen, die das Konzept politisch und gesellschaftlich voranbringen wollten.
Wem gehört dm heute?
dm-Gründer Götz Werner zog sich 2008 aus der Geschäftsführung seines Unternehmens zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Sein Nachfolger wurde sein Stellvertreter Erich Harsch, der bereits 27 Jahre für dm gearbeitet hatte.
2019 übergab Harsch das Amt an Christoph Werner, einen Sohn des Gründers. Dieser war ab 2011 Mitglied der Geschäftsführung. Seine Geschwister sind nicht in das Unternehmen eingebunden.
2010 übertrug Götz Werner seine Unternehmensanteile an die 2005 gegründete gemeinnützige "dm-Werner-Stiftung". Welchen Zweck sie hat und wer sie leitet, ist nicht öffentlich bekannt. Die Nachkommen des Gründers bekamen also keine direkten Anteile. Werner sagte damals:
Meine Kinder leiden deswegen nicht, im Gegenteil, die werden gefördert, indem sie sich selbst beweisen müssen.
Werner besaß aber nur 50 Prozent der Anteile an dm. Die andere Hälfte gehörte Günther Lehmann, der früh als Geldgeber in das Unternehmen eingestiegen war. 2016 überschrieb er seinem damals 14-jährigen Sohn Kevin David Lehmann seine Anteile am Drogeriekonzern. Dieser galt damit mehrere Jahre lang als jüngster Milliardär der Welt. Sein Vermögen schätzt das US-Magazin "Forbes" heute auf 4,7 Milliarden US-Dollar, umgerechnet vier Milliarden Euro (Stand: 4. Mai 2026).
Die Drogeriekette ist heute also zur Hälfte im Besitz der Familienstiftung und gehört zur anderen Hälfte Kevin David Lehmann und seiner Familie. Operativ an dm beteiligt sind die Lehmanns nicht.
Philosophie und Familie: Götz Werner privat
Götz Werner äußerte sich immer zurückhaltend, was sein Privatleben betraf. Bekannt ist, dass er zweimal verheiratet war. Mit seiner zweiten Frau Beatrice lebte er in Karlsruhe. Der dm-Gründer hat insgesamt sieben Kinder.
Privat galt Werner als philosophisch interessiert. Er beschäftigte sich nicht nur mit Rudolf Steiner, sondern las auch gerne Johann Wolfgang von Goethe. Das "Faust"-Zitat "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein" diente als Vorlage für den 1976 eingeführten dm-Slogan "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein".
Trotz seines Vermögens trat Werner eher zurückhaltend auf. Er verzichtete auf Statussymbole und legte Wert auf eine eher schlichte Arbeitsumgebung. Das "manager magazin" schätzte sein Vermögen 2013 auf 1,1 Milliarden Euro. Seinen Fokus legte er statt auf seinen Status auf gesellschaftliche Fragen und Ideen.
FAQ: Götz Werner
Der Gründer der dm-Drogeriemärkte ist Götz Werner. 1973 eröffnete er den ersten dm-Markt in Karlsruhe. Anschließend entwickelte er das Unternehmen zu einer der führenden Drogerieketten in Europa.
Götz Werner starb am 8. Februar 2022 im Alter von 78 Jahren. Die Todesursache wurde öffentlich nicht genannt. Seine Familie teilte aber mit, dass seine Kräfte in den Monaten zuvor "kontinuierlich nachgelassen" hätten.
Der dm-Gründer Götz Werner war zweimal verheiratet und hatte sieben Kinder sowie mehrere Enkelkinder. Sein Privatleben hielt der Unternehmer weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Darum ist auch nicht viel mehr über die Nachkommen bekannt. Das zweitälteste Kind bildet eine Ausnahme: Der 1972 geborene Christoph Werner ist seit 2019 Vorsitzender der dm-Geschäftsführung. Seine Geschwister sind nicht in der Firma aktiv.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
manager magazin "Der Waldorf-Discounter"
Wirtschaftswoche: "Mit 'spinnerten Ideen' zum Drogeriemarkt-König"
manager magazin: "Die 500 reichsten Deutschen"
Stern: "18-jähriger dm-Erbe aus Baden-Württemberg ist der jüngste Milliardär der Welt"
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