Ex-Freund wollte sie töten

Versuchter Femizid mit Armbrust: Überlebende berichtet von den "schlimmsten Stunden"

Veröffentlicht:

von Celina Sekelj

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Versuchter Mord mit Armbrust: Ihr Ex-Freund versuchte, sie zu töten

Videoclip • 10:32 Min • Ab 12


Sie wollte die Trennung – ihr Ex-Freund sie umbringen: Eine Überlebende berichtet vom brutalen Mordversuch des Täters. Warum Männer Frauen töten wollen: Eine Expertin beleuchtet das Thema Femizide.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nicole Dills Ex-Partner wollte sie töten – einfach, weil die Frau sich von ihm trennen wollte.

  • Sie überlebte einen brutalen Mordversuch mit einer Armbrust, die Folgen der Tat spürt sie noch heute.

  • Mit Femiziden werden Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts bezeichnet – eine Expertin ordnet ein.

Fast jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Jeden dritten Tag wird eine Frau dabei getötet. Das zeigen Zahlen des Bundeskriminalamts zur Partnerschaftsgewalt. Hinter diesen Statistiken stehen Schicksale wie das von Nicole Dill. Die Schweizerin überlebte 2007 einen brutalen Mordversuch durch ihren Ex-Partner.

Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt sowie einen versuchten Femizid. Die folgenden Schilderungen können belastend sein.

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Sie wollte sich trennen, dann begann ihr Überlebenskampf

Nicole Dill ist heute 57 Jahre alt. Als sie den späteren Täter kennenlernt, deutet zunächst nichts auf die Gewalt hin, die sie ein Jahr später erleben wird. Die beiden lernen sich in einem Café kennen, er bezahlt ihren Kaffee. Dill ist sofort fasziniert von seinem Charme. Doch im Laufe der Beziehung zeigen sich zunehmend starke Eifersucht und Besitzansprüche.

Nach rund einem Jahr entscheidet sich Nicole Dill dazu, die Beziehung zu beenden. Weil sie bereits ahnt, dass ihr Partner die Trennung nicht akzeptieren wird, wählt sie bewusst eine E-Mail, um Schluss zu machen. "Mit dem Versenden von dieser E-Mail [habe ich] die schlimmsten Stunden meines damaligen Lebens ausgelöst", sagt Dill im Interview. Am 19. September 2007 wird diese Trennung zum Beginn eines stundenlangen Kampfes ums Überleben.

Ihr damaliger Partner sucht sie an ihrer Wohnung auf und verschleppt sie. In einer Garage versucht er zunächst, sie mit Autogas zu töten. Als das misslingt, vergewaltigt er sie. Nicole Dill versucht zu fliehen, doch ihr Ex-Partner steht plötzlich mit einer Handarmbrust vor ihr. Er schießt mehrfach auf sie.

"Ich habe dann so an mir runtergeschaut und habe diesen Pfeil in mir stecken gesehen", erinnert sich Dill. Sie verliert das Bewusstsein. Der Täter zieht den Pfeil aus ihrem Körper und schießt erneut, insgesamt dreimal.

Ich habe dann so an mir runtergeschaut und habe diesen Pfeil in mir stecken gesehen.

Überlebende Nicole Dill

Schwer verletzt wird sie gefesselt und im Kofferraum seines Autos eingeschlossen. Stundenlang fährt der Mann mit ihr durch Luzern. Immer wieder verliert Dill das Bewusstsein. Schließlich bringt er sie in seine Wohnung und legt sie auf ein Bett. Dill ist schwer verletzt und spürt, wie ihre Kräfte schwinden.

Trotzdem gibt sie nicht auf. Sie versucht, den Täter dazu zu bringen, Hilfe zu holen. Dafür erinnert sie ihn an seinen Psychiater und gibt ihm das Gefühl, sie stünden noch auf einer Seite. Die Strategie funktioniert: Er ruft seinen Psychiater an.

Schließlich bekommt Nicole Dill selbst die Möglichkeit, mit ihm kurz zu telefonieren. Der Psychiater fragt sie, ob ein Rettungswagen notwendig sei. Ihre Antwort: Ja. Hilfe und Polizei kommen. Nicole Dill überlebt.

"Patriarchales Besitzdenken": Trennung als Gefahr

2024 waren in Deutschland 859 Frauen und Mädchen von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten betroffen. 308 Frauen und Mädchen wurden getötet. 132 von ihnen starben im Zusammenhang mit Partnerschaftsgewalt. Damit entfielen rund 43 Prozent der getöteten Frauen und Mädchen auf Tötungen durch den aktuellen oder ehemaligen Partner. Gerade die Trennung kann dabei eine besonders gefährliche Phase sein.

Claudia Igney vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt warnt davor, solche Dynamiken lediglich als Eifersucht abzutun. "Eifersucht ist ja grundsätzlich erst mal ein relativ normales Gefühl", sagt sie. Doch wenn daraus patriarchale Besitzansprüche würden, könne die Situation lebensgefährlich werden.

Die Haltung dahinter sei: "Wenn ich dich nicht mehr haben kann, dann soll dich auch niemand anders haben." Für Igney ist klar: "Eifersucht ist das dann nicht mehr, sondern patriarchales Besitzdenken." Und genau dieses Besitzdenken könne bis zur Tötung führen. Die Trennung sei deshalb eine besonders gefährliche Situation für Frauen.

Wenn ich dich nicht mehr haben kann, dann soll dich auch niemand anders haben.

Claudia Igney (Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt) über das Denken der Täter

Femizide werden nicht einheitlich definiert und erfasst

Solche Tötungen werden häufig als Femizide bezeichnet. Gemeint sind Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. In Deutschland gibt es bislang keine bundesweit einheitliche Definition von Femizid. Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst nicht systematisch, ob ein Tötungsdelikt geschlechtsspezifisch motiviert war.

Deshalb lässt sich anhand der offiziellen Zahlen nicht exakt bestimmen, wie viele Tötungen von Frauen tatsächlich Femizide sind.

Nicole Dill kämpft bis heute mit den Folgen

Für Nicole Dill endet der Mordversuch nicht mit ihrer Rettung. Erst auf der Polizeiwache erfährt sie, dass ihr ehemaliger Partner bereits wegen der Tötung einer Frau verurteilt worden war. 1993 hatte er seine Nachbarin vergewaltigt und anschließend getötet. Dafür wurde er zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Tatsächlich saß er aber nur acht Jahre im Gefängnis. Als Dill ihn kennenlernte, hatte er die Strafe bereits verbüßt.  

Ein Jahr vor dem Angriff auf sie war er jedoch erneut gegenüber seiner damaligen Partnerin straffällig geworden. Ein Gutachten stufte ihn als gefährlich ein, insbesondere für Frauen, mit denen er eine intime Beziehung führte. Nicole Dill wusste davon nichts.

Besonders belastend ist für sie bis heute, dass Behörden vor dem Angriff bereits mit ihrem Fall befasst waren. Sie hatte den Hausarzt ihres Partners kontaktiert, weil sie wusste, dass die Trennung schwierig werden könnte. Der Arzt informierte daraufhin die Polizei. Ein Polizist rief Nicole Dill anschließend an. Doch das Gespräch vermittelte ihr nicht den Eindruck, dass akute Gefahr bestand.

"Es war so ein 08/15-Telefonat", erinnert sie sich. Am Ende habe der Beamte lediglich gesagt: "Frau Dill, wenn etwas ist, rufen Sie den Notruf an." Nicole Dill fühlt sich von den Schweizer Behörden im Stich gelassen. Zwei Tage nach dem Angriff nimmt sich ihr Ex-Partner in Untersuchungshaft das Leben.

Körperlich und psychisch bleiben Narben

Nicole Dill überlebt, doch körperlich und psychisch bleiben schwere Folgen zurück. Beide Lungen wurden durch die Armbrustpfeile verletzt. Noch heute ist ein großer Teil ihres Lungengewebes vernarbt.

Drei Jahre nach der Tat veröffentlicht sie ihre Geschichte in dem Buch "Leben! Wie ich ermordet wurde". Später gründet sie die Organisation "Sprungtuch" und setzt sich für Menschen ein, die Gewalt erlebt haben.

Auch juristisch kämpft Nicole Dill weiter. 2025 gibt ihr der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Recht. Das Gericht stellt eine Verletzung ihres Rechts auf Leben fest.


Hilfe bei Gewalt gegen Frauen

Wenn Du selbst von Gewalt betroffen bist oder Dich in einer Gewaltbeziehung befindest, kannst Du Dich rund um die Uhr, kostenlos und anonym an das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter 116 016 wenden. Die Beratung ist in 18 Sprachen möglich.

Fachberatungsstellen in ganz Deutschland finden Betroffene über den Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt.

Eine Übersicht über Frauenhäuser bietet die Frauenhaus-Suche.

Beratungsstellen für tatausübende Personen finden sich bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt.

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt und vor der Veröffentlichung von der Redaktion sorgfältig geprüft.


Verwendete Quellen:

Bundeskriminalamt: "Straftaten gegen Frauen und Mädchen nehmen weiter zu - Häusliche Gewalt auf Höchststand"

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