Kontakt per Chatbot

"Ich will leben" – Russen können sich der Ukraine mit App ergeben

Veröffentlicht:

von Christopher Schmitt

:newstime

Vier Jahre Krieg in der Ukraine (24. Februar)

Videoclip • 51 Sek • Ab 12


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Russlands Verluste in der Ukraine sind enorm. Putins Soldaten, die sich ergeben wollen, können dies mit einer ukrainischen App tun – und sich in die Kriegsgefangenschaft retten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mit dem "Ich will leben"-Programm haben russische Soldaten die Möglichkeit, sich per App ukrainischen Streitkräften zu ergeben.

  • Nach dem Erstkontakt per Chatbot und umfangreicher Prüfung wird dann versucht, den jeweiligen Soldaten aus dem feindlichen Hinterland zu holen.

  • Im Falle der Kapitulation gibt das Programm der Ukraine Garantien zu menschenwürdiger Behandlung in Kriegsgefangenschaft ab.

"Sie sind nicht allein – mehrere Tausend Soldaten haben bereits ihr Leben gerettet, indem sie sich freiwillig ergeben haben", heißt es auf der Website des ukrainischen Programms "Ich will leben". Gerichtet ist dieser tröstliche Appell an den Feind auf dem Schlachtfeld – an russische Armeeangehörige, die sich ergeben möchten.

Russlands Vorstöße in der Ukraine erfolgen vielfach ohne Rücksicht auf das Leben der eigenen Soldaten. Doch für Angehörige der russischen Armee gibt es durch das Programm eine potenzielle Chance, in ausweglosen Situationen dem nahezu sicheren Tod zu entkommen. Wie der britische "Telegraph" berichtet, haben sich seit Kriegsbeginn etwa 460 Soldaten des Kremls mithilfe eines Chatbots auf der Social-Media-App Telegram gefangennehmen und retten lassen.

So funktioniert das "Ich will leben"-Programm

Nachdem der russische Soldat via Telegram Kontakt aufgenommen hat, erhält er eine Antwort von einem Mitglied des ukrainischen Teams. Daraufhin werden Einheiten, die im entsprechenden Gebiet operieren, informiert. Dann müssen die Ukrainer:innen die Identität des Soldaten sorgfältig überprüfen und verifizieren. Schließlich wird ein Plan erstellt, wie die Person aus feindlichem Gebiet extrahiert werden kann.

Für die ukrainischen Kräfte gilt es, vorab folgende Fragen zu klären: Welche Rolle erfüllt der Russe innerhalb seiner Einheit? Wie oft wurde er in Kampfpositionen eingesetzt? Wie sieht die kommunikative Situation aus und wie sind die Bedingungen für einen Transport? Außerdem wird geklärt, wer sich in der Umgebung des kapitulierenden Soldaten aufhält, ob das Verlassen seines Postens Aufsehen erregen würde und wie gut seine Kenntnis des umliegenden Geländes ist.

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Garantien für russische Soldaten

Laut der Homepage des Programms verspricht die Ukraine den sich ergebenden Russen fünf Garantien für deren Behandlung in Kriegsgefangenschaft.

  1. Einhaltung der Genfer Konventionen über die Behandlung von Kriegsgefangenen, unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Nationalität.

  2. Haft unter menschenwürdigen Bedingungen unter Aufsicht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und anderer internationaler Menschenrechtsorganisationen.

  3. Drei Mahlzeiten pro Tag, medizinische Versorgung und die Möglichkeit, regelmäßigen Kontakt zu ihrer Familie zu halten.

  4. Freiwilliger Austausch gegen Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, die in der Russischen Föderation in Gefangenschaft gehalten werden.

  5. Möglichkeit, in der Ukraine und anderen europäischen Ländern Zuflucht zu suchen.

Gefahr eines Hinterhalts ist präsent

Einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" in Zusammenarbeit mit dem "Telegraph" zufolge kam es kürzlich in Kupjansk zu einem "Ich will leben"-Rettungseinsatz. Demnach begaben sich Personen dreier russischer Dienstgrade freiwillig in Gefangenschaft. Fünf Monate lang sollen sie zuvor in einem mehrstöckigen Gebäude eingeschlossen gewesen sein. In der umkämpften Stadt seien nach ukrainischen Rückeroberungen viele russische Soldaten von ihrem Kommando abgeschnitten.

Allerdings bergen diese Hilfsaktionen auch Gefahren für die Evakuierungsteams – inklusive eines Hinterhalts. "Das Risiko, dass es eine Falle sein könnte, war definitiv vorhanden und ziemlich hoch", berichtet ein ukrainischer Hauptmann gegenüber dem "Telegraph". Minimiert werden soll dieses Risiko mit unmissverständlichen Anweisungen und Notfallplänen, welche die eingesetzten Soldaten an die Hand bekommen. Vervollständigt werden die Sicherheitsmaßnahmen durch eine Überwachung aus mehreren Positionen, bereitstehende Reservetrupps sowie im Vorfeld vereinbarte Signale zum Rückzug.

50 Millionen Menschen haben Website besucht

Das Interesse an der digitalen Rettung scheint groß zu sein. Tamara Kuruschkina, die Vertreterin des Koordinierungsstabs für Kriegsgefangene, die die App betreibt, berichtet gegenüber dem "Telegraph", dass 50 Millionen Menschen seit dem Start 2022 die Projekt-Homepage besucht hätten. Laut Kuruschkina werden russische Soldaten unter anderem durch Flugblätter informiert, die Drohnen entlang der Front abwerfen. Doch auch Online-Werbung werde eingesetzt und einige würden auch über nahe Kontakte von dem Dienst erfahren.

Ergeben geht auch ohne Telegram

Auch für Soldaten, die nicht mit Telegram Kontakt aufnehmen können, legt die "Ich will leben"-Website Verhaltensregeln zur Kapitulation vor: Man solle sich zur nächsten ukrainischen Stellung begeben und diese Schritte befolgen:

  1. Legen Sie Ihre Waffe nieder.

  2. Heben Sie Ihre Hände. Halten Sie nach Möglichkeit ein weißes Tuch hoch.

  3. Rufen Sie laut: "Ya sdayus" ("Ich ergebe mich" auf Ukrainisch).

  4. Wenn Sie dazu aufgefordert werden, nähern Sie sich den ukrainischen Soldaten und befolgen Sie deren Anweisungen.

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Ukrainische "Todesstreifen"

Die Website macht deutlich: Aufgeben ist eine Option. Zumal Wladimir Putins Armee weiterhin große Verluste zu beklagen hat. Schenkt man Angaben aus Kiew Glauben, werden monatlich 30.000 bis 35.000 russische Soldaten in der Ukraine getötet oder schwer verwundet. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig prüfen und werden von unabhängigen Organisationen hinterfragt.

Wie die ukrainische Armee mitteilte, verliert Moskau alleine 1.000 Soldaten sowie "bis zu 30 Prozent seiner Ausrüstung" durch technische Sperren an der Front – dieser "Todesstreifen" stellt ein potenziell tödliches Hindernis für die Angreifer dar. Einem NTV-Bericht zufolge spricht der ukrainische Generalstab von einer "effektiven Bekämpfung des Feindes" durch die aus Gräben, Minen, Stacheldraht sowie Betonpollern errichteten Konstruktionen. Der Stacheldraht soll Infanteristen aufhalten, die Betonpoller – sogenannte Drachenzähne – die Weiterfahrt gepanzerter Fahrzeuge verhindern.


Verwendete Quellen

Hochuzhit.com: "About the project 'I Want to live'"

The Telegraph: "The Ukrainian chatbot talking Russian soldiers into defecting"

Frankfurter Rundschau: "Ich will leben"-Programm: Ukraine rettet Putin-Soldaten vor sicherem Tod – mysteriöse Gasleitung-Flucht"

NTV: Ukrainische Todesstreifen werden Russen zum Verhängnis

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