40 Jahre nach der Atomkatastrophe

Zeitzeuge erinnert sich: "Ab da wussten wir: In Tschernobyl ist etwas Gewaltiges passiert"

Veröffentlicht:

von Marie-Finn Bruker

:newstime

IAEA warnt: Tschernobyl-Hülle schwer beschädigt (6. Dezember 2025)

Videoclip • 01:20 Min • Ab 12


- Anzeige -
- Anzeige -

40 Jahre Super-GAU: Am 26. April 1986 kam es zur nuklearen Kettenreaktion im AKW von Tschernobyl. Massenhaft radioaktive Strahlung verseuchte Teile der Sowjetunion, über Europa bis nach Deutschland. Der 1966 geborene Landwirt Peter Köninger erinnert sich.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1986 kam es im AKW von Tschernobyl zum Super-GAU, eine Katastrophe, die schlimmer war, als je für möglich gehalten.

  • Der Landwirt Peter Köninger ist damals 20 Jahre alt und erinnert sich an die Auswirkungen der Atomkatastrophe in der BRD.

  • Bis heute reichen die Folgen der Reaktorkatastrophe, in Deutschland wird nach wie vor teilweise erhöhte Radioaktivität gemessen.

"Guten Abend, meine Damen und Herren. In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen." Mit diesen Worten beginnt Sprecherin Daniela Witte die Ausgabe der "Tagesschau" am 29. April 1986.

Ziemlich weit weg, dachte sich der 20-jährige Peter Köninger damals. Wie jeden Abend saß er um 20 Uhr mit seiner Familie in einem Landwirtschaftsbetrieb in Bayern vor dem Fernseher. "Das war über tausende Kilometer weit weg. Mir war die Auswirkung dieser atomaren Katastrophe gar nicht bewusst, überhaupt, dass in Tschernobyl irgendwas passieren kann."

Dann kam der Regen nach Deutschland. Und mit ihm: Massen an radioaktiver Strahlung, aus tausend Kilometern Entfernung, aus Tschernobyl.

Auch in den News:

- Anzeige -
- Anzeige -

"In den ersten Wochen haben wir einfach weitergemacht"

Der ganze Westen sei tagelang in Unsicherheit gewesen, erzählt Köninger im Interview mit :newstime. "Wie lange halten jetzt die Vorräte noch? Wie lange bleibt das, dass man von den landwirtschaftlichen Flächen nichts mehr einbringen kann?", fragte sich der damals im elterlichen Betrieb aufstrebende Landwirt. Erst nach und nach erreichte die deutsche Bevölkerung Bilder vom Unfallort. "Ab da wussten wir: In Tschernobyl ist etwas Gewaltiges passiert."

Heute ist Peter Köninger Bundesbauernverband-Bezirkspräsident in Mittelfranken. Wie fast jeder seiner Mitmenschen besitzt er ein Handy, auf dem ihn täglich Hunderte Nachrichten brandheiß erreichen. Damals war das anders. Aus der Sowjetunion seien nur sehr vereinzelte Meldungen gekommen, man habe sich die vereinzelten Informationen zusammenklauben müssen, so Köninger. In den ersten Wochen habe man also einfach weitergemacht.

Kurz nach dem Unglück trugen Ostwinde die radioaktiven Wolken aus Tschernobyl auch nach Deutschland. Mit dem Regen kam die Erkenntnis für Köninger: Die Katastrophe in der Sowjetunion betrifft auch ihn.

Da war der ganze Westen tagelang in Unsicherheit

Peter Köninger, Bezirkspräsident für Mittelfranken des Bundesbauernverbands

Das Resultat aus Ungewissheit und Panik

"Wir warteten gerade auf das erste Grün für die Milchkühe und dann hieß es plötzlich: Halt Stopp!" Der radioaktive Niederschlag hätte Teile des Landes verseucht, das Gras für die Kühe, das Gemüse im Beet, das Futter der Hühner.

Genauere Informationen hätte es nicht gegeben. Die Köningers entschieden sich, abzuwarten. Anders als ihre Nachbarn. Diese hätten all ihr Land umgeschlagen. All das bereits Erwirtschaftete wurde nicht mehr verkauft oder an die Tiere verfüttert.

"Da kam dann zu uns ein Mitarbeiter vom Landwirtschaftsamt, der ist mit seinem historisch alten Geigerzähler raus und hat versucht, die Radioaktivität in unserer Fläche zu messen", erzählt Peter Köninger.

Und dann die große Erleichterung: Das Amt gab die Fläche im bayerischen Franken frei. Die Köningers durften ihre Ernte wie gewohnt einholen. Mit Schutzmasken pflügten sie das Gras, um sich vor der Strahlenlast zu schützen.

Mittlerweile kann Köninger über die Geschehnisse in dieser Zeit schmunzeln. Über ein Jahr seien die Nachbarn sauer auf ihn gewesen, weil sie ihr Land plattgemacht und der Ertrag damit hin gewesen sei. Ein Resultat aus Ungewissheit und Panik, vielerorts 1986 die Realität.

Sie hätten Glück gehabt, betont der Landwirt. Viele Betriebe waren dazu gezwungen, ihre Produkte nicht mehr zu verwenden. In anderen Teilen Deutschlands hatte es mehr radioaktiven Regen gegeben. Er verseuchte Sandkästen, Lebensmittel, die Luft.

Noch heute wird in Deutschland erhöhte Radioaktivität gemessen

Im Laufe des nuklearen Katastrophenjahres sei weiterhin alles engmaschig überwacht worden, erzählt Peter Köninger. Noch lange habe man beispielsweise nicht mehr in den Wald zum Pilze sammeln gehen dürfen.

Auch heute, 40 Jahre nach Tschernobyl, werden in Deutschland immer wieder Messungen auf Strahlenbelastung infolge des Super-GAUs in Tschernobyl durchgeführt. Vor allem die im Wald lebenden Pflanzen und Tiere werden kontrolliert. Wildschweine und ihre Nahrung, für Menschen ungenießbare Pilze, sind nach wie vor von über dem Grenzwert liegender Radioaktivität betroffen.

Wir dachten (...), wir haben unerschöpfliche Energiequellen. Mit Tschernobyl sind wir eines Besseren belehrt worden.

Peter Köninger, Bezirkspräsident für Mittelfranken des Bundesbauernverbands

Technisierung mit Folgen

Mit den Jahren ist die Gefahrenlage in Deutschland abgeflacht. Doch Tschernobyl hatte die Gesellschaft verändert.

"Tschernobyl war der Knackpunkt. Ab diesem Zeitpunkt war man ganz anders sensibilisiert", erzählt Köninger im Interview. Vorher hatte die Kernenergie wirtschaftliche Sicherheit dargestellt, Macht. "Wir dachten: Die Menschen sind toll, wir haben unerschöpfliche Energiequellen. Mit Tschernobyl sind wir eines Besseren belehrt worden, auch nach Fukushima." Die Technikgläubigkeit allgemein habe sich nach Köninger verändert, man habe das mehr hinterfragt.

"Die Folgen sind bei jeder Technisierung trotzdem fürs Leben da." Heute verliere man das oft aus den Augen: "Keiner überlegt, was das mit dem Menschen macht, was das mit der Natur macht."

Peter Köninger nimmt vor allem Zuversicht aus der Zeit um Tschernobyl mit: "Es muss ja weitergehen. Hilft ja nichts. Es gibt nach heute immer einen Morgen, egal wie das Heute endet."

Auch seine Arbeit als Landwirt habe sich verändert. "Aber sicherlich nicht durch Tschernobyl, sondern durch den Klimawandel."



Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

Tagesschau: "Die Tagesschau vom 29. April 1986 berichtet ausführlich über das Unglück"

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr entdecken