"Apokalyptische Situation"
Naturphänomen: Massen von Maikäfern im Anflug auf Hessen
Aktualisiert:
von Marie-Finn BrukerMaikäfer: Bald könnte man sie in Hessen öfter sehen. (Symbolbild)
Bild: picture alliance / imageBROKER
Die Maikäfer im badischen Iffezheim stehen in den Startlöchern für ein besonderes Spektakel. Warum der Massenflug der Käfer nur eine Vorankündigung ist.
Das Wichtigste in Kürze
Im hessischen Süden schwärmen derzeit eine halbe Milliarde Maikäfer aus, während in Baden bei Iffezheim etwa 3,2 Millionen Exemplare in den kommenden drei Wochen erwartet werden.
Die Waldmaikäfer sind in regionalen Stämmen organisiert, die in unterschiedlichen Jahren schlüpfen, wobei der Südstamm zwischen Rastatt und Bruchsal besonders umfangreich ist und ein noch größerer Massenflug im nächsten Jahr erwartet wird.
Vor allem in der Dämmerung können Autofahrer auf Autobahnen wie der A67 mit massenhaften Maikäfern im Tiefflug rechnen, was 2022 zu apokalyptischen Verkehrssituationen mit Fahren im Schritttempo führte.
"Ein ganz besonderes Naturschauspiel", so beschreibt Bernd Petri vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen den wohl auch dieses Jahr kommenden Maikäfer-Anflug. Ein Spektakel, "das es nur an wenigen Orten in Deutschland gibt", so Petri. Im hessischen Süden schwärmt in diesen Tagen eine halbe Milliarde Maikäfer aus. Ein ähnliches, wenngleich deutlich kleineres Schauspiel wird auch in diesen Tagen in der Nähe des badischen Iffezheim erwartet. Expert:innen rechnen dort mit etwas mehr als drei Millionen Exemplaren in den kommenden etwa drei Wochen.
Waldmaikäfer schlüpfen in unterschiedlichen Jahren
Es ist nur eine Art Vortrupp: Denn erst im nächsten Jahr graben sich die ausgewachsenen Larven des deutlich größeren sogenannten Südstamms in Baden aus dem Erdboden, in dem sie zuvor als Engerlinge gelebt und sich entwickelt haben. Und dann gehen Expert:innen von einem Massensturm aus, der den diesjährigen Umfang des Niederwalds bei Iffezheim in den Schatten stellen dürfte.
Innerhalb der regionalen Vorkommen, der sogenannten Stämme, leben die meisten Tiere nach dem gleichen Takt. So finden sie beim Schlüpfen in großer Zahl Partner vor. Überregional gibt es die Taktung aber nicht. Waldmaikäfer in Süd-, Mittel- und Nordbaden, in Südhessen, Bayern oder Sachsen-Anhalt schlüpfen oft in unterschiedlichen Jahren.
"Der Südstamm zwischen Rastatt und Bruchsal ist deutlich umfangreicher, da wird dann ordentlich was los sein", sagt Horst Delb von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) zu den Erwartungen für das kommende Jahr. Die Region des Nordstamms, der ein weiteres Jahr später schlüpft, erstreckt sich dagegen zwischen Bruchsal und Schwetzingen.
Auch in den News:
Erste geschlüpfte Maikäfer sind unterwegs
Im Niederwald bei Iffezheim sind die ersten geschlüpften Maikäfer schon seit einigen Tagen unterwegs auf Nahrungssuche und zur Paarung. In den kommenden zwei bis drei Wochen wird sich ihre Zahl nach Schätzungen Delbs auf rund 3,2 Millionen summieren. "Wir haben das von einzelnen Quadratmetern hochgerechnet auf das rund 200 Hektar große Gebiet", erklärt der FVA-Experte.
Vor allem in der Dämmerung – etwa ab 20:30 Uhr und für eine Dreiviertelstunde – sieht und hört man die Tiere teils zu Zehntausenden durch Wälder und über Waldlichtungen schwirren. "Das zu sehen ist ein Erlebnis und ein Naturschauspiel", sagt Delb.
"Apokalyptische Situation" in Hessen
Auch im Landkreis Groß-Gerau und Darmstadt im Hessischen Ried wird schon ab dem Wochenende mit einem Ansturm der fliegenden Brummkäfer gerechnet.
Besonders in der Dämmerung sollten sich Autofahrer:innen rund um das Mönchhof-Dreieck (A67/A3) der Autobahn 67 auf massenhaft Maikäfer im Tiefflug einstellen. "Die etwa zweieinhalb Zentimeter großen Käfer klatschten an die Scheibe. Es war eine apokalyptische Situation", erinnert sich Petri an das zurückliegende Massenflugjahr 2022. Zeitweise sei auf den betroffenen Strecken das Fahren nur im Schritttempo möglich gewesen.
Pünktlich zur Fußball-WM
Alle vier Jahre kommt es zu so einem Maikäfer-Ansturm – immer dann, wenn eine Fußballweltmeisterschaft ansteht, sagt der Nabu-Experte zu der Population im Hessischen Ried. Andere Stämme wie in Hanau oder nahe Karlsruhe sind in anderen Jahren dran.
Ein menschengemachtes Desaster
Die jahrhundertelangen Entwässerungen ursprünglicher Flusslandschaften seien ideale Bedingungen für die Maikäfer. Im Hessischen Ried profitiere diese Art "von einem menschengemachten, ökologischen Desaster", so Petri. Trockene, warme Böden seien ein günstiger Untergrund für die Eier der Weibchen. Die darin liegenden Larven entwickeln sich zu Käfern. Bei geeigneten Wetterbedingungen kämen die jungen Tiere dann alle gemeinsam aus der Erde.
Auch der Klimawandel spielt eine Rolle: Durch die Folgen ist der Wald im hessischen Süden stark geschwächt. Die Trockenheit führte dort zu einem breiten Baumsterben, die vielen Maikäfer sind eine zusätzliche Belastung für den Wald: Die Tiere fressen frische Laubblätter an Bäumen, diese könnten meist mit neuen Blättern ausgeglichen werden. Kritisch wird es für den Baum dann, wenn Erdlinge der Käfer am Boden die Baumwurzeln fressen, so Biologe Petri.
Er mahnt: "Wir müssen sorgsam mit Wasser umgehen." Im betroffenen Raum in Hessen drohe eine zunehmende Austrocknung der Landschaft, mit dem Wind werde fruchtbarer Ackerboden davongetragen.
Bisher scheitern Bekämpfungsversuche
In den vergangenen Jahren wurde versucht, die Maikäfer-Population mit natürlichen Methoden sowie chemischen Mitteln einzudämmen. Bisher blieb das erfolglos, so Bernd Petri. Für einen wirksamen Rückgang bräuchte es vor allem wieder mehr Wasser in der Region.
Nabu-Experte Petri rechnet bereits in wenigen Tagen mit zwei bis drei Massenflügen.
Die Käferjahre seien jedoch laut Petri nicht für alle ein Nachteil: Füchse, Dachse und viele Vogelarten fänden in den Maikäfern eine reiche Nahrungsquelle. Auch Fledermäuse kämen in den Massenjahren extra von weit her geflogen.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
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