Lage vor Ort

Fünf Jahre Taliban: "Afghanistan ist das gefährlichste Land für Mädchen und Frauen geworden"

Veröffentlicht:

von Marie-Finn Bruker

:newstime

Fünf Jahre Taliban-Regime in Afghanistan (15. August)

Videoclip • 01:57 Min • Ab 12


Vor fast genau fünf Jahren eroberten die Taliban Afghanistans Hauptstadt Kabul. Während die islamistische Gruppierung ihr Machtimperium ausweitet, verschlechtert sich die Lage für Frauen und Mädchen dramatisch.

Das Wichtigste in Kürze

  • 2021 eroberten die militant-islamistischen Taliban Afghanistan.

  • Seit der Machtübernahme werden Mädchen und Frauen zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängt.

  • Eine Sprecherin der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" beschreibt die prekäre Lage von Millionen Menschen in Afghanistan.

Es ist der 15. August 2026 – Feierstimmung in Afghanistans Hauptstadt Kabul. Auf den Straßen hupen Autokorsos, Militärhubschrauber werfen Blumen über die dicht besiedelte Stadt am Fuße des Hindukusch-Gebirges. Die regierenden Taliban zelebrieren ein Jubiläum. Für die Frauen und Mädchen in Afghanistan markiert der Tag jedoch einen bereits fünf Jahre anhaltenden Albtraum.

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Die verlorenen goldenen Jahre

"Die goldenen Jahre für die Frauen Afghanistans" – so beschreibt Benafscha Efaf von der Frauenrechtsorganisation "Women for Afghan Women" (WAW) die Zeit nach dem Sturz der militant-islamistischen Taliban im Jahr 2001. Frauen und Mädchen erlangten den Zugang zu Bildung und Arbeit, insgesamt verbessert sich die Rechtslage. 25 Jahre später sieht das anders aus. Dieser radikale Umbruch beginnt ausgerechnet mit einem Friedensvertrag.

Das Abkommen zwischen den USA und den Taliban vom Februar 2020 sollte vieles zum Guten ändern. Während die USA unter Präsident Donald Trump den Abzug der NATO- und US-Streitkräfte aus Afghanistan ankündigten, verpflichteten sich die Taliban zu Friedensverhandlungen mit der afghanischen Regierung.

Hunderte Frauen äußerten schon im Vorhinein in einem offenen Brief ihre Sorgen bezüglich der Verhandlungen. Die junge Aktivistin Nargis Asarjun sagte 2020: "Ich glaube nicht, dass sich die Taliban verändert haben. Ich glaube, es gibt eine neue Generation, die noch brutaler ist als die Vorgänger." Asarjun sollte Recht behalten. Denn die islamistische Gruppierung hielt sich nicht an die später unterzeichnete Abmachung – im Gegenteil.


Mit enormer Geschwindigkeit eroberten die Taliban binnen weniger Tage hunderte Bezirke. Am 15. August 2021 nahmen die Truppen dann praktisch ohne Gegenwehr die Hauptstadt Kabul ein und besetzten den Präsidentenpalast. Die afghanische Regierung wurde gestürzt - ebenso die Rechte und Freiheiten von Mädchen und Frauen.

Kinderehen statt Bildung

Gesa Birkmann von der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" spricht gegenüber :newstime von einer breiteren Strategie der Taliban, Frauen aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen und ihre Autonomie zu zerschlagen. Und das schon im Kindesalter.

"Die Pubertät beginnt für die Taliban ab dem neunten Lebensjahr", so Birkmann. Infolgedessen sollen Taliban-Mitglieder Mädchen und Frauen direkt zur Heirat zwingen – oft mit deutlich älteren Männern. Seit einem Dekret aus dem Mai 2026 seien diese Kinderehen sogar rechtlich verankert. Ein Ausweg aus einer solchen Zwangsehe sei quasi unmöglich.

Neben dem Entzug partnerschaftlicher und körperlicher Selbstbestimmung bleibt Mädchen ab der siebten Klasse der Zugang zu Bildung verwährt. Nach den :newstime vorliegenden Angaben wurde 2026 bereits über 2,2 Millionen Mädchen ein weiterführender Schulbesuch verweigert. Bis 2030 könne sich diese Zahl sogar noch verdoppeln. Auch die Türen zu Universitäten bleiben Frauen verschlossen.

"Die Gewalt hat unter den Taliban stark zugenommen"

Neben fehlender Bildung gebe es für Frauen mittlerweile kaum mehr die Möglichkeit eines eigenen Erwerbseinkommens. Unter der Herrschaft der Taliban dürfen sie Birkmann zufolge in fast allen Berufen nicht mehr arbeiten. 52 Prozent der Frauen verlassen einer Befragung zufolge nicht einmal mehr das Haus. Wenn doch, müssen sie sich voll verschleiern und von Männern begleitet werden. Doch selbst der eigene Partner bietet oft keinen Schutz.

"Geschlechtsspezifische Gewalt hat unter den Taliban stark zugenommen", betont Birkmann. Damit gemeint sind Ehrenmorde (ein Tötungsdelikt zur angeblichen "Wiederherstellung" der Familienehre), Zwangsheirat, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt und Folter. Im Fall einer Misshandlung dürfen Frauen diese nur unter Anwesenheit eines männlichen Begleiters beweisen - inklusive vollständiger Verschleierung, heißt es weiter. Damit ist eine strafrechtliche Verfolgung der Ehemänner extrem erschwert, die den Angaben zufolge nur dann gilt, wenn es sich um schwere und sichtbare Verletzungen handelt.

Existenzielle Unsicherheit, Angst und Isolation

Generell sei die gesundheitliche Versorgung von Mädchen und Frauen durch den Ausschluss von Bildung und von der Gesundheitsversorgung massiv beeinträchtigt. Auch die psychische Belastung der Frauen sei seit der Machtübernahme der Taliban enorm, etwa in Form von posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und chronischen Angstzuständen. "Viele Frauen leiden unter dem Verlust von Zukunftsperspektiven, sozialer Isolation und existenzieller Unsicherheit", so die Sprecherin gegenüber :newstime.

Doch viele der afghanischen Frauen wollen sich nicht einfach im Käfig der Taliban einsperren lassen. Gesa Birkmann berichtet hier etwa von geheimen Untergrundschulen und Bildungsnetzwerken. Afghanische Aktivistinnen im Ausland hätten zudem frauenspezifische Medien gegründet, um auch international Aufmerksamkeit zu generieren. Viele dieser Aktivitäten finden laut Birkmann im Exil oder unter Lebensgefahr statt. Auch Hilfsangebote externer Organisationen vor Ort werden durch restriktive Taliban-Dekrete und Sicherheitsrisiken massiv erschwert.


Die Bilanz nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft ist ebenso grausam wie entfernt von den "goldenen Jahren", die den Frauen und Mädchen in Afghanistan einst eine Zukunft versprochen hatten.

"Bis 2026 hat sich das Land unter Taliban-Herrschaft zu einem der schwersten Menschenrechtskrisenherde weltweit entwickelt", erklärt Birkmann gegenüber :newstime. Für Frauen und Mädchen sei Afghanistan damit zum gefährlichsten Land der Welt geworden.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

WDR: "Ehrenmord oder Femizid?"

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