"Gehe auf dem Zahnfleisch"
"Hart aber fair": Frau schildert dramatischen Pflegealltag
Aktualisiert:
von Sven Hauberg:newstime
SPD will Pflegereform nachbessern (22. Oktober)
Videoclip • 01:05 Min • Ab 12
Zehn Millionen Menschen pflegen in Deutschland einen Angehörigen. Was macht das mit ihnen? Eine "Hart aber fair"-Diskussion liefert am Montagabend teils bedrückende Einblicke in ein System, das "auf tönernen Füßen" steht.
Schon die nackten Zahlen sind bedrückend: Rund 6,4 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, die allermeisten von ihnen - etwa 5,5 Millionen - werden zu Hause betreut. Die Folge: Etwa zehn Millionen Menschen hierzulande sind Schätzungen zufolge mit der Pflege von Angehörigen betraut.
Welche Einzelschicksale hinter den Zahlen stecken, zeigte am Montagabend (26. Oktober) im Ersten ein Schwerpunkt zum Thema. Zunächst stand eine Dokumentation von Journalistin Caren Miosga auf dem Programm, die eindringlich aufzeigte, wie pflegende Angehörige oftmals an ihrer Aufgabe und am deutschen Pflegesystem verzweifeln. Im Anschluss, in einer "Hart aber fair"-Diskussionsrunde, ging es um die geplante Reform der Pflege - und darüber, welche Folgen diese für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen hat.
Zum Beispiel für Menschen wie Yvonne Lissel. Lissel gab in der Sendung von Moderator Louis Klamroth einen schonungslosen Einblick in ihren Alltag als pflegende Angehörige. Ihr Mann habe Demenz und Pflegegrad 5, erzählte Lissel, er sei rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Weil ein Heimplatz zu teuer sei, kümmere sie sich selbst um ihn, seit mittlerweile sieben Jahren.
Ihren Job habe sie aufgeben müssen, mit drastischen Auswirkungen auf ihr Privatleben: "Ich bin gesellschaftlich und sozial isoliert", sagte Lissel, sie habe erlebt, wie Freunde sich zurückgezogen hätten. Quasi unentgeltlich kümmere sie sich nun Tag und Nacht um ihren Mann. "Wir sind diejenigen, die das wenigste Gehalt in der Bundesrepublik kriegen", beschrieb Lissel sich und andere pflegende Angehörige.
Yvonne Lissel pflegt ihren demenzkranken Mann und fühlt sich von der Politik nicht gesehen.
Bild: WDR / Molina
Deutsches Pflegesystem steht "auf tönernen Füßen"
Um überhaupt an der live ausgestrahlten "Hart aber fair"-Sendung teilnehmen zu können, habe sie ihre beiden Töchter gebeten, sich um ihren Mann zu kümmern (mit Kurzzeitpflege, so erzählte sie es, habe sie nur schlechte Erfahrungen gemacht - einmal sei ihr Mann abgemagert und in "desolatem Zustand" aus einer solchen Einrichtung zurückgekommen). Dann aber hatte ihr Mann am Morgen vor der Sendung einen epileptischen Anfall und musste ins Krankenhaus, wo er sich, so Lissel, am Abend noch befand.
Ein krasses Schicksal - aber bei Weitem kein Einzelfall. Das bestätigte auch die Journalistin Katarina Schickling, die ihre Mutter gepflegt hatte und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben hat. Pflegende Angehörige hätten in Deutschland "keine Lobby", beklagte Schickling bei "Hart aber fair". Hilfsangebote zu finden, sei schwierig, erzählte sie aus eigener Erfahrung. "Wir haben keine Struktur, die dafür geeignet ist, Angehörige dabei zu unterstützen, das gut hinzubekommen", sagte die Journalistin.
Für sie steht das ganze Pflegesystem "auf tönernen Füßen", nicht zuletzt, weil es auf ausländische Fachkräfte angewiesen sei, zumeist aus Osteuropa. Ein System mit Ablaufdatum, so Schickling: Denn in Ländern wie beispielsweise Polen, deren Lebensstandard sich an das Niveau Westeuropas angleiche, würden sich schon bald keine Menschen mehr finden lassen, die im Ausland fremde Menschen pflegen wollten.
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Das Thema Pflege "kommt näher, auch bei mir"
Auch Miosga selbst ist neben der Arbeit an ihrer Dokumentation persönlich von der Thematik betroffen, wie sie bei "Hart aber fair" erzählte. Ihre Eltern seien beide 85 Jahre alt, ihre Mutter habe einen Herzinfarkt und einen Bandscheibenvorfall gehabt und seither Probleme beim Laufen. Zwar handele es sich nicht um einen "drastischen Pflegefall", so Miosga. Aber: Das Thema Pflege "kommt näher, auch bei mir". Zusammen mit ihren Schwestern mache sie sich derzeit viele Gedanken, wie es eines Tages weitergehe mit ihren Eltern.
Andere - wie Yvonne Lissel - stehen vor diesem Problem schon jetzt. Sie tragen die Hauptlast der Pflege in Deutschland, ohne dafür die entsprechende Anerkennung zu erfahren. Konkret kritisierte sie bei "Hart aber fair" unter anderem, dass pflegende Angehörige nicht Teil der sogenannten Pflegekommission sind, die im Oktober eingesetzt wurde und bis Januar Vorschläge für eine Reform der Pflege erarbeiten soll. "Wir existieren eigentlich gar nicht", so Lissel.
Ohne Menschen wie Lissel, gestand bei "Hart aber fair" die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) ein, würde das System der Pflege in Deutschland aber zusammenbrechen. Besonders betroffen sei Ostdeutschland, wo der demografische Wandel doppelt so schnell zuschlage wie im Westen der Republik.
"Sie züchten im Endeffekt den nächsten Pflegefall"
Um die Probleme in der Pflege anzugehen, arbeitet die Bundesregierung derzeit an einer umfassenden Reform der Pflegeversicherung. Bevor diese kommt, soll jedoch zunächst das sogenannte Pflegeneuordnungsgesetz verabschiedet werden. Hauptziel des Gesetzes ist es, die explodierenden Kosten in der Pflegeversicherung in den Griff zu bekommen - im vergangenen Jahr waren diese auf mehr als 70 Milliarden Euro gestiegen. Für viele pflegende Angehörige steht das Gesetz indes vor allem für massive Einsparungen. "Da sind nur Kürzungen für uns drin", kritisierte etwa Yvonne Lissel.
Dass das Gesetz Kürzungen vorsieht, gestand auch Hendrik Streeck ein, CDU-Gesundheitspolitiker und Drogenbeauftragter der Bundesregierung. "Das Pflegeneuordnungsgesetz ist übrigens im größten Teil ein Spargesetz, weil die richtige Reform soll ja noch kommen danach", sagte Streeck, der sich auf die für das kommende Jahr geplante Pflegereform bezog. Jetzt gehe es zunächst darum, die Pflegeversicherung finanziell zukunftsfähig zu machen. Das Problem, so Streeck: Diese sei "über Jahre" ausgebaut worden, ohne für eine entsprechende Gegenfinanzierung zu sorgen. Ohnehin sei diese stets als Teilkostenversicherung geplant gewesen, Aufgabe sei es nie gewesen, die Gesamtkosten der Pflege eines Menschen zu übernehmen.
Ein weiteres Ziel der Reform sei es, so Streeck, durch Prävention dafür zu sorgen, dass Menschen gar nicht erst pflegebedürftig werden beziehungsweise nicht in höhere Pflegegrade fallen. Als Beispiel nannte der Gesundheitspolitiker den sogenannten "Check-up ab 60". Für Yvonne Lissel, die pflegende Ehefrau ihres demenzkranken Mannes, ein schwacher Trost: "Wo bleibt meine Prävention?", fragte sie den CDU-Politiker. "Ich gehe auf dem Zahnfleisch". Ihr trauriges Fazit nach sieben Jahren Pflege: "Sie züchten im Endeffekt den nächsten Pflegefall."
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