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Merz-Kritik bei "Sarah Tacke": Sind die Deutschen wirklich zu faul?

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von Sven Hauberg

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Wenn die Rente nicht reicht

Videoclip • 01:56 Min • Ab 12


Ob CDU, Linke oder Mittelstand: Bei Sarah Tacke teilt kaum jemand die Kritik des Kanzlers an deutschen Arbeitnehmer:innen. Stattdessen rücken Steuern, Bürokratie und Produktivität in den Mittelpunkt.

Ein bisschen faul und leider auch ständig krank: So stellt sich Friedrich Merz offenbar den Durchschnittsdeutschen vor. Seit Beginn seiner Kanzlerschaft klagt der CDU-Politiker lautstark über die angeblich schwindende Arbeitsmoral vieler Bundesbürger:innen, zu viele Krankschreibungen und nicht genügend am Arbeitsplatz verbrachte Lebenszeit.

Aber was ist dran an der Kritik? Über dieses Dauerbrennerthema diskutierte Sarah Tacke, Sommerpausenvertretung von ZDF-Talkerin Maybrit Illner, am Donnerstagabend (6. August) mit ihren Gästen unter der Überschrift "Mehr arbeiten, weniger krank sein - rettet das Deutschland?"

Um es vorwegzunehmen: Keiner von Sarah Tackes Gästen wollte Merz zur Seite springen, nicht einmal sein Parteikollege aus Schleswig-Holstein. Der Konsens der Runde: Die Deutschen arbeiten viel, sind nicht zu oft krank - nur lohne sich ihr Einsatz oftmals schlichtweg nicht. Und die überbordende Bürokratie mache Arbeitgeber:innen das Leben zusätzlich schwer.

Der Linken-Politiker und Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow, Ex-Ministerpräsident in Thüringen, hatte eine Zahl mit ins Studio gebracht, um die Erzählung vom faulen Deutschen zu widerlegen. Einer Erhebung zufolge, so Ramelow, hätten die Deutschen im Jahr 2024 rund 1,2 Milliarden Überstunden abgeleistet, "davon die Hälfte ohne Bezahlung". Sieht so mangelnde Arbeitsmoral aus?, fragte Ramelow.

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"Wenn man bereit ist, ein bisschen mehr zu leisten, dann muss es auch ankommen"

Auch CDU-Politiker Claus Ruhe Madsen, Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, wollte sich Merz' Kritik nicht anschließen. "Natürlich ist das nicht der Fall", sagte Madsen zu den Anschuldigungen des Bundeskanzlers in Richtung Arbeitnehmerschaft. "Wir sind bei weitem nicht faul."

Das Problem sei vielmehr: Wer mehr arbeite, habe am Ende oftmals nicht automatisch auch mehr Geld in der Tasche. "Wenn man bereit ist, ein bisschen mehr zu leisten, dann muss es auch spürbar netto bei mir ankommen", so der gebürtige Däne. "Wenn wir schon sagen, du machst ein paar Stunden mehr, dafür kriegst du weniger Geld, was ist denn das bitteschön für ein System?", fragte der CDU-Politiker.

Christina Böhm, Geschäftsführerin eines familiengeführten Malerbetriebs, konnte das mit einem konkreten Beispiel belegen: Wolle einer ihrer Mitarbeiter:innen seine Arbeitszeit von 190 auf 210 Stunden erhöhen, bekomme er am Monatsende netto nicht mehr, sondern weniger Geld, rechnete sie vor. "Da finden Sie niemand, der Bock hat zu sagen: Da mach ich ein paar Stunden mehr."

Was Unternehmerin Böhm ebenfalls gern ändern würde: die überbordende Bürokratie. In den Achtzigern habe ihr Unternehmen 100 Mitarbeiter:innen gehabt, davon seien sieben als Büroangestellte unter anderem mit der täglichen Bürokratie beschäftigt gewesen. Heute habe ihr Malerbetrieb noch 30 Mitarbeiter:innen - davon aber sechs im Büro. "Weil wir uns zu Tode verwalten", so Böhm. Grund seien unter anderem deutlich gestiegene Berichts- und Dokumentationspflichten. "Wenn ich denen nicht nachkomme, stehe ich mit einem Bein im Knast", klagte die Firmenchefin.

Runde bei Tacke fordert mehr Flexibilität am Arbeitsplatz

Worauf sich alle in dieser ohnehin recht harmonischen Talkrunde ebenfalls einigen konnten: Das deutsche Arbeitsrecht muss flexibler gestaltet werden. Lediglich im Detail gab's unterschiedliche Sichtweisen. Stichwort Kündigungsschutz: Der sei in Deutschland zu streng, beklagte Unternehmerin Böhm. Sie hatte auch hierzu ein Beispiel aus der Praxis mitgebracht: So sei es schwierig, Mitarbeiter zu kündigen, die langsam oder lustlos arbeiteten. Da müsste mehr Flexibilität her.

Minister Madsen verwies in dem Zusammenhang auf Dänemark, wo es so gut wie keinen Kündigungsschutz gebe. Das Ergebnis sei ein sehr flexibler Arbeitsmarkt: Arbeitgeber könnten bei schlechter Auftragslage leicht Mitarbeiter:innen loswerden; umgekehrt sei es für Arbeitnehmer einfach, sich einen neuen Job zu suchen - zumal das dänische Pendant zur Arbeitsagentur gut darin sei, Menschen in Arbeit zu bringen. In Deutschland hingegen sei es eher so, dass ein Unternehmen lieber zwei Mitarbeiter weniger einstelle, als es eigentlich bräuchte - aus Angst, sie nicht mehr loszubekommen, so Madsen.

Auch beim Thema Arbeitszeit kann sich der Schleswig-Holsteiner mehr Flexibilität vorstellen. So müsse es möglich sein, mehr als die üblichen acht Stunden am Tag zu arbeiten. Wichtig sei dabei aber, dass die in der EU geltende wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden sowie beispielsweise Ruhezeiten eingehalten würden.


Krankschreibung ab Tag eins: "Schuss ins Knie"

Sogar Linken-Politiker Ramelow plädierte für flexiblere Arbeitszeiten, aber auch dafür, solche Modelle im Rahmen von Tarifverträgen auszuhandeln. Noch wichtiger jedoch als der Blick auf die reine Arbeitszeit sei etwas anderes: Effizienz. Der ehemalige Ministerpräsident erzählte von einem Thüringer Hersteller von Elektroklemmen für den Bau, der die Produktion von China zurück nach Deutschland geholt habe - weil in Thüringen effizienter gearbeitet werde.

Kurz vor Schluss der Sendung wurde dann ein weiteres Lieblingsthema von Friedrich Merz diskutiert: die Frage, ob die Deutschen zu oft krank zu Hause bleiben. Merz' Parteifreund, CDU-Mann Madsen, wollte dem Kanzler in diesem Punkt nicht folgen. "Als Unternehmer war mir eins immer wichtig: Wenn jemand krank ist, soll er zu Hause bleiben", sagte Madsen. Wer sich krank in die Arbeit schleppe, riskiere einen Arbeitsunfall oder könne seine Kollegen anstecken. Auch von der Idee einer Krankschreibung am ersten Arbeitstag hielt Madsen wenig.

Zustimmung erhielt der Minister von Unternehmerin Böhm: Ein Attest ab dem ersten Krankheitstag sei ein "Schuss ins Knie" und Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Arbeitnehmern. In ihrem Unternehmen gelte: Ein Attest braucht es erst nach drei Krankheitstagen.

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