"Kräfteverhältnis verschoben"
Treffen mit Nordkorea-Diktator: Warum Kim Jong-un Donald Trump abblitzen lässt
Veröffentlicht:
von Sven Hauberg:newstime
Nordkorea kritisiert US-Manöver – trotz Trumps Kürzung
Videoclip • 01:11 Min • Ab 12
Donald Trump will den nordkoreanischen Machthaber wieder an den Verhandlungstisch holen. Doch Kim Jong-un kann sich Zeit lassen: Er sitzt am längeren Hebel.
Das Wichtigste in Kürze
Dreimal hat US-Präsident Trump den nordkoreanischen Diktator Kim bereits getroffen.
Nun drängt er auf eine weitere Begegnung. Doch Kim zögert.
"Das Kräfteverhältnis hat sich zugunsten Kim Jong-uns verschoben", sagt ein Experte.
Mit seiner prächtigen Kolonialarchitektur zählt das Hotel Métropole in Hanoi zu den ersten Adressen in der vietnamesischen Hauptstadt. Hier haben schon Charlie Chaplin und Ho Chi Minh Station gemacht, heute lassen es sich Touristen am Pool im Innenhof des Fünfsternehauses gutgehen.
Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un dürfte an das Hotel indes keine guten Erinnerungen haben, für ihn ist es mit seiner wohl größten Schmach verbunden. Im Februar 2019 traf er hier auf Donald Trump, es war die zweite Begegnung der beiden Staatschefs. Zwei Tage war Kim mit dem Zug unterwegs gewesen, von Pjöngjang durch China bis nach Vietnam. Doch schon nach einem ersten Abendessen ließ Trump den Gipfel platzen. Und Kim musste, ohne Ergebnis in der Tasche, die lange Heimreise antreten.
Trump wollte offenbar, dass Nordkorea sein Atomprogramm beendet, Kim verlangte die Aufhebung internationaler Sanktionen gegen sein Land. Forderungen, denen keine der beiden Seiten zustimmen konnte. Einige Monate später traf man sich dann zwar erneut, jetzt an der innerkoreanischen Grenze. Aber auch diesmal ohne Ergebnis. Dann kam die Corona-Pandemie, Nordkorea schloss seine Grenzen, und zwischen Pjöngjang und Washington kehrte Funkstille ein.
Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus versucht Donald Trump, das zu ändern. Mehrmals verkündete er, sich mit Kim erneut treffen zu wollen, besonders lautstark bei seinem Asien-Besuch im vergangenen Oktober. Er habe eine "großartige Beziehung" zu Kim, tönte Trump damals an Bord der Air Force One, und weil Südkorea, der letzte Stopp auf seiner Asien-Reise, direkt neben Nordkorea liege, könne er Kim auch gleich treffen. Doch der Diktator ging nicht auf Trumps Angebot ein.
Auch in den News:
Kim Jong-un hat "gute Erinnerungen" an Donald Trump
Zuletzt versuchte es Trump auf die brachiale Tour. Ende August beendeten die USA und Südkorea auf seine Anweisung hin ein gemeinsames Militärmanöver vorzeitig, der US-Präsident wollte mit dem Schritt offenbar gut Wetter machen beim nordkoreanischen Diktator. Pjöngjang hatte zuvor die jährlich stattfindenden Übungen scharf kritisiert.
Schon während seiner ersten Amtszeit ließ Trump Militärmanöver mit Südkorea reduzieren, als Zeichen in Richtung Nordkorea. Doch diesmal scheint die Charmeoffensive nicht zu zünden. "Sollten die USA davon ausgehen, dass sie ihre jüngste Maßnahme als einen Akt des sogenannten guten Willens darstellen können, werden sie nicht die gewünschte Antwort erhalten", erklärte Kim Yo-jong, die mächtige Schwester des nordkoreanischen Diktators.
Die USA würden eine "feindliche Politik" gegenüber Nordkorea betreiben, so Kim in einer Stellungnahme. Die Beziehungen zwischen Trump und ihrem Bruder seien allerdings "noch immer exzellent", Kim Jong-un habe "gute Erinnerungen" an den US-Präsidenten. Der Diktator selbst hat sich bislang nicht zu Trumps Gesprächsangeboten geäußert.
Kim Jong-un, so scheint es, hat keine Eile. Das liegt vor allem daran, dass er heute in einer ganz anderen Position ist als noch vor ein paar Jahren. "Das Kräfteverhältnis hat sich zugunsten Kim Jong-uns verschoben", sagte Philipp Havlicek von der Konrad-Adenauer-Stiftung zu :newstime.
"Durch die Zusammenarbeit mit Russland hat Nordkorea neue wirtschaftliche, militärische und diplomatische Handlungsspielräume gewonnen." Kim hat sich mit Beginn des Ukraine-Kriegs an die Seite von Wladimir Putin gestellt, er unterstützt den russischen Angriffskrieg mit Waffen, Munition und Tausenden Soldaten. Im Gegenzug erhält er wohl Geld, Lebensmittel, Öl sowie technologisches Know-how für die Modernisierung seines Militärs. Durch das Bündnis mit Russland steht Nordkorea heute so gut da wie seit Jahren nicht mehr, die Wirtschaft des verarmten Landes erlebt derzeit sogar einen kleinen Boom.
Schreibt Donald Trump ein zweites Mal Geschichte?
Vor allem aber konnte Kim seine diplomatische Isolation durchbrechen. Das zeigt sich auch daran, wie China, der wichtigste Partner Nordkoreas, vermehrt um Kim wirbt. Anfang Juni war der chinesische Staatspräsident Xi Jinping extra nach Pjöngjang geflogen, um seinen Einfluss auf das Nachbarland wieder zu festigen, es war Xis erste Auslandsreise in diesem Jahr. Im September letzten Jahres hatte Xi Kim nach Peking eingeladen, zusammen mit Putin nahm er eine riesige Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs ab.
Was genau sich Trump von einem Treffen mit Kim erhofft, ist nicht ganz klar. Möglicherweise geht es Trump vor allem um schöne Bilder. Mit seiner ersten Begegnung mit Kim, im Juni 2018 in Singapur, hatte er Geschichte geschrieben, als erster amtierender US-Präsident, der einen nordkoreanischen Machthaber traf. Kurz vor den US-Zwischenwahlen im November könnte Trump auf einen ähnlichen Coup hoffen, zumal seine Beliebtheitswerte wegen des desaströsen Iran-Kriegs derzeit im Keller sind.
Ein zweites Mal Geschichte schreiben könnte Trump etwa, indem er einen Friedensschluss zwischen Nord- und Südkorea vermittelt. Die beiden Länder befinden sich nach einem Waffenstillstand von 1953 weiterhin im Kriegszustand. Zuletzt hatte der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung Mitte August zu Gesprächen über ein offizielles Kriegsende aufgerufen. Nordkorea scheint daran allerdings wenig Interesse zu haben. Den südlichen Nachbarn stufte das Kim-Regime vor zwei Jahren mit einer Verfassungsänderung als "feindlichen Staat" ein, einer Wiedervereinigung mit Südkorea erteilte Pjöngjang zuletzt mehrfach eine Absage.
"Nordkorea ist weniger abhängig von amerikanischen Zugeständnissen"
Auch dürfte Trump Kim kaum dazu bewegen können, sein Nuklearprogramm aufzugeben oder zu reduzieren. Nordkorea besitzt Schätzungen zufolge mehrere Dutzend Atomsprengköpfe, im Juni rief Kim beim Besuch einer neuen Produktionsstätte für Nuklearmaterial dazu auf, "die Nuklearstreitkräfte unseres Staates exponentiell auszubauen". Die Tötung des iranischen Ayatollah Ali Khamenei und die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA dürften Kim eine Warnung sein, seine Atomwaffen nie aus den Händen zu geben.
Gleichzeitig hat Trump dem nordkoreanischen Diktator wenig zu bieten. Zwar sind noch immer weitreichende US-Sanktionen gegen Nordkorea in Kraft, deren Aufhebung Trump im Gegenzug für Zugeständnisse Kims in Aussicht stellen könnte. Allerdings hat es Kim in den vergangenen Jahren zu einer gewissen Meisterschaft dabei gebracht, die Sanktionen zu umgehen – vor allem mithilfe Russlands und Chinas.
"Für Donald Trump bedeutet das, dass Nordkorea weniger abhängig von amerikanischen Zugeständnissen ist als noch während seiner ersten Amtszeit", sagt Havlicek. "Kim dürfte deshalb versuchen, aus einem möglichen direkten Austausch mit Trump möglichst viel herauszuholen und dabei auf seine gestärkte Position zu setzen."
Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" wird Trump derweil langsam ungeduldig. Die Zeitung will aus Regierungskreisen erfahren haben, dass der US-Präsident seine Berater dazu drängt, ein Treffen mit Kim zu ermöglichen. Als möglicher Zeitpunkt gilt der kommende November, wenn Trump zum Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) ins chinesische Shenzhen reist. Auch Südkorea scheint ein baldiges Treffen für wahrscheinlich zu halten. Vor wenigen Tagen erklärte der Parlamentsabgeordnete Youn Kun-young, der südkoreanische Geheimdienst gehe davon aus, ein Treffen zwischen Kim und Trump sei "jederzeit möglich".
Verwendete Quellen:
KCNA: "Kim Yo Jong, Department Director of C.C., WPK, Clarifies Her Stand on Major International Affairs"
KCNA: "Respected Comrade Kim Jong Un Gives Field Guidance at Newly-Inaugurated Nuclear Materials Production Factory"
Wall Street Journal: "Trump Pushes for Kim Jong Un Meeting This Year"
Reuters: "North Korea and US show signs of resuming dialogue, South Korean lawmaker says"
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