Milliardär mahnt
Wächst Würth gegen den Trend – oder warnt der "Schraubenkönig" zu Recht vor dem Absturz?
Veröffentlicht:
von Claudia Scheele:newstime
Lichtblick: Deutsche Industrie überrascht
Videoclip • 01:13 Min • Ab 12
Würth steigert Umsatz und Ergebnis zu Jahresbeginn. Der Konzern setzt auf Digitalisierung, während Firmengründer Reinhold Würth vor der Deindustrialisierung Deutschlands warnt.
Das Wichtigste in Kürze
Würth steigert den Umsatz in den ersten vier Monaten 2026 um 3,2 Prozent, das Betriebsergebnis wächst um rund acht Prozent.
Der Konzern setzt stark auf Digitalisierung und KI, um Außendienst und Kund:innen zu entlasten und Prozesse effizienter zu machen.
Firmengründer Reinhold Würth erklärt die "goldenen Jahre" Deutschlands für beendet, warnt vor Deindustrialisierung und fordert mehr Leistungsbereitschaft, um international konkurrenzfähig zu bleiben.
Der Handelskonzern Würth ist mit einem leichten Plus ins Jahr gestartet. In den ersten vier Monaten 2026 stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,2 Prozent, wie das Unternehmen aus Künzelsau mitteilte.
Noch stärker legte das Betriebsergebnis zu: Es wuchs um rund acht Prozent. Finanzchef Ralf Schaich sprach von einem Fortschritt bei der Produktivität. Für das Gesamtjahr rechnet die Konzernführung mit einem mittleren einstelligen Umsatzwachstum und hofft, beim Betriebsergebnis die Marke von einer Milliarde Euro zu übertreffen.
Leichtes Wachstum, höherer Gewinn
Schon für 2025 hatte Würth ein moderates Plus gemeldet. Der Umsatz kletterte um 2,3 Prozent auf rund 20,7 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis lag mit 970 Millionen Euro leicht über dem Vorjahr, der Jahresüberschuss stagnierte mit 676 Millionen Euro dagegen nahezu.
Angesichts der schwachen Baukonjunktur und der Belastungen durch hohe Energie- und Lohnkosten wertet das Management die Zahlen dennoch als solide. Würth-Chef Robert Friedmann verweist darauf, dass Handwerk und Industrie vor immer komplexeren Aufgaben stünden – und dass der Konzern mit Service und Technik dagegenhalten wolle.
Digitalisierung und KI als Hebel
Einen zentralen Hebel sieht die Firma Würth in digitaler Technik. Der Konzern setzt verstärkt auf moderne IT, Automatisierung und Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz, um Prozesse effizienter zu machen und Kund:innen zu entlasten. Laut Unternehmensangaben soll der Außendienst dabei weiterhin das "entscheidende Bindeglied" bleiben, KI‑Lösungen sollen die Arbeit eher unterstützen als ersetzen.
Praktisch bedeutet das: Touren werden optimiert, Bedarfe im Lager besser vorhergesagt, Bestellungen vereinfacht. Für viele Kund:innen – von der kleinen Handwerksfirma bis zum Industriebetrieb – soll es damit leichter werden, genau die benötigten Schrauben, Dübel und Werkzeuge rechtzeitig zu bekommen. Die Ausrichtung gilt intern als wichtiger Baustein, um die Zukunftsfähigkeit des Familienunternehmens zu sichern.
"Schraubenkönig" sieht goldene Jahre vorbei
Firmengründer Reinhold Würth blickt unterdessen mit gemischten Gefühlen auf Deutschland. Der 91‑Jährige beschreibt die Zeit von 1945 bis 2026 als "goldene 80 Jahre" ohne Krieg, mit wachsendem Wohlstand und funktionierender Demokratie. Seine eigene Karriere, vom Lehrling im Zwei-Mann-Betrieb zum Chef einer Gruppe mit 86.000 Beschäftigten in 80 Ländern, sieht er eng mit diesem Aufschwung verknüpft.
Heute aber, so Würth, sei diese Phase vorbei. In einem Meinungsbeitrag beklagt er einen Mentalitätswandel seit der Jahrtausendwende: Viele Menschen hätten weniger Interesse an weiterer Karriere, der Fokus liege stärker auf Komfort, Familie und einer möglichst stressfreien Zukunft der Kinder. Der "Freitagnachmittag als Wochenende" ist für ihn zum Symbol geschrumpfter Leistungsbereitschaft geworden.
Auch in den News:
Warnung vor Deindustrialisierung – und Appell an die Zukunft
Scharf kritisiert Würth auch die Kostenentwicklung. Er spricht von "unmäßigen Lohnforderungen" und Produktionskosten, die in anderen EU‑Ländern "bis zu 50 Prozent günstiger" seien. Seine Diagnose: In Deutschland produzierende Betriebe geraten auf dem Weltmarkt ins Hintertreffen, Arbeitsplätze wandern ab – die Deindustrialisierung gleiche einer "Spirale Richtung Keller".
Gleichzeitig sieht der Unternehmer Chancen, vor allem in Elektronik, Informatik und Künstlicher Intelligenz. Deutschland müsse beim Aufbau eigener Cloud‑Lösungen und bei KI‑Innovationen den Wettbewerb mit US‑Konzernen wie Google und Apple suchen. Voraussetzung aus seiner Sicht: mehr Einigkeit und "Wir‑Gefühl" im Land. Die Begeisterung der Wiedervereinigung nennt er als Vorbild und warnt vor Dauerkonflikten um Besitzstände, etwa bei Betriebsrenten.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
Euronews: "Schraubenmilliardär Würth: Deutschlands goldene Jahre sind vorbei"
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