Start-up aus Hamburg

Ankerkraut: Vom Gewürz-Garagenprojekt zur umstrittenen Nestlé-Übernahme

Veröffentlicht:

von Claudia Frickel

Ankerkraut ist auf Gewürze spezialisiert.

Bild: Imago / Pond5 Images


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Gewürze und Gewürzmischungen ohne künstliche Zusatzstoffe: Darauf spezialisiert sich die Hamburger Firma Ankerkraut. Das Ehepaar Anne und Stefan Lemcke verkaufte das Start-up zehn Jahre nach seiner Gründung an Nestlé – und überraschte kürzlich mit einem Rückkauf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ankerkraut ist eine deutsche Gewürzfirma, die 2013 gegründet wurde.

  • Das Ehepaar Anne und Stefan Lemcke feiert den Durchbruch 2016 nach einem TV-Auftritt bei "Die Höhle der Löwen".

  • Die Übernahme durch den Großkonzern Nestlé 2022 sorgt für scharfe Kritik von Kund:innen, weil sie dem Markenimage widerspricht.

Wofür steht die Firma Ankerkraut?

Ankerkraut ist ein deutsches Unternehmen, das Gewürze und Gewürzmischungen herstellt und vertreibt. Das Unternehmen wirbt damit, ausschließlich natürliche Zutaten zu verwenden und auf künstliche Aromen sowie Geschmacksverstärker zu verzichten.

Das Sortiment umfasst rund 500 Produkte – darunter einzelne Gewürze wie Pfeffer oder Paprika, aber auch fertige Mischungen etwa für Grillgerichte, Pasta oder Kartoffeln. Der Schwerpunkt liegt auf "All-in-one"-Gewürzmischungen, die das Kochen erleichtern sollen. Ergänzt wird das Angebot unter anderem durch Soßen, Tees und Geschenksets.

Ankerkraut ist nicht nur für die Qualität seiner Lebensmittel bekannt, auch Image und Auftritt spielen eine große Rolle. Die Gewürze sind in auffällige Design-Gläser mit Korkdeckel abgefüllt. Die Firma wird als Lifestyle-Marke wahrgenommen, deren Produkte im Vergleich zur Konkurrenz oft als teurer gelten.

Auch die Entstehungsgeschichte prägt die Marke: Das Ehepaar Anne und Stefan Lemcke startete das Unternehmen in einer Garage bei Hamburg – als Underdog auf dem Markt.

Ankerkraut entwickelte sich nach eigener Aussage vom "Vorzeige-Start-up" zum "Rockstar der Food-Szene". Allerdings litt das Image nach der Übernahme durch Nestlé, die der Firma scharfe Kritik einbrachte (siehe unten).

Wie groß ist Ankerkraut heute?

Heute erzielt Ankerkraut einen Umsatz im mittleren zweistelligen Millionenbereich und beschäftigt rund 200 Mitarbeiter:innen. Damit hat sich das Unternehmen von einem kleinen Start-up zu einem etablierten Mittelstandsunternehmen im Gewürzmarkt entwickelt.

Der Vertrieb erfolgt über mehrere Kanäle: Neben dem eigenen Online-Shop sind die Produkte auch im stationären Handel bei Supermarktketten sowie in eigenen Ankerkraut-Stores erhältlich. Diese Läden finden sich in mehreren deutschen Großstädten, darunter Hamburg und Berlin.

Die Marke ist vor allem in Deutschland stark vertreten, wird aber auch in Ländern wie Österreich, der Schweiz und Dänemark über den Online-Handel verkauft.

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Ein Ankerkraut-Store in Hamburg.

Bild: Imago / Hanno Bode


Die Geschichte von Ankerkraut: Wie ist das Start-up entstanden?

Anne und Stefan Lemcke gründeten die Ankerkraut GmbH 2013 in Hamburg. Die Firma war zu Beginn ausschließlich als Online-Shop konzipiert. Die Gewürze mischte das Ehepaar in einer Garage im Stadtteil Wilhelmsburg – ohne Zusatz von Rieselhilfen und anderen Zusatzstoffen.

Die Gründung war riskant, denn die kleine Firma trat gegen den Marktführer Fuchs an. Der dominiert den deutschen Gewürzmarkt unter seinem eigenen Namen und der Marke Ostmann. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt erinnert sich der Ehemann:

Damals haben uns alle für verrückt erklärt, als wir ausgerechnet ein Gewürz-Unternehmen gegründet haben.

Stefan Lemcke, Mitgründer von Ankerkraut

Das Unternehmen wuchs – schon im ersten Jahr betrug der Umsatz 70.000 Euro. Aber der Durchbruch gelang erst 2016: Damals traten die beiden in der TV-Show "Die Höhle der Löwen" auf. Das Konzept überzeugte TV-Investor Frank Thelen, der für 300.000 Euro 20 Prozent der Firma übernahm. Danach entwickelte sich Ankerkraut zu einer bekannten Food-Marke.

Die Firma baute Produktion und Sortiment aus und stieg in den stationären Handel ein. Ankerkraut und die Gründer:innen sind bei Social Media sehr aktiv. Die Lemckes wirken nahbar und zeigen zum Beispiel, wie sie mit ihren Gewürzen kochen. Darüber hinaus arbeiten sie mit Influencer:innen zusammen.

2020 verkauften Anne und Stefan Lemcke 20 Prozent der Firma an den Finanzinvestor EMZ – für rund zehn Millionen Euro. Das machte die Eheleute zu Millionär:innen.

2022 übernimmt der Lebensmittelgigant Nestlé die Mehrheit an Ankerkraut. Welchen Anteil genau und zu welchem Kaufpreis, wurde nicht öffentlich gemacht. Branchenexpert:innen gehen von einem dreistelligen Millionenbetrag aus. Laut "Der Aktionär" besaß Nestlé seitdem 85 Prozent von Ankerkraut. Den Rest hielten die Lemckes und das Management. EMZ und Frank Thelen schieden nach diesem Deal aus der Firma aus.

Vier Jahre später, im Arpil 2026, kauften Anne und Stefan Lemcke ihre Unternehmensanteile zurück. Ziel sei, die Marke wieder unabhängig weiterzuentwickeln und dabei besonders an ihre ursprüngliche Identität und die unternehmerischen Wurzeln anzuknüpfen. In Anbetracht einer veränderten Marktlage seien beide Seiten überzeugt, dass diese Entscheidung der Marke zusätzlichen unternehmerischen Spielraum verschaffe, um die künftige Entwicklung des Unternehmens noch flexibler und schneller voranzutreiben.

Warum war die Übernahme von Ankerkraut durch Nestlé so umstritten?

Die Übernahme von Ankerkraut durch Nestlé sorgte 2022 für heftige Kritik und einen Shitstorm auf Social Media. Der Besitzerwechsel verschob das bisherige Image deutlich: Viele sahen die Firma zuvor als unabhängiges, modernes Start-up mit sympathischen Besitzer:innen. Ankerkraut setzt auf Natürlichkeit, transparente Zutaten und eine Verbindung zur Community.

Mit der Beteiligung von Nestlé änderte sich die Wahrnehmung. Es ging dabei nicht nur um den Bruch zwischen dem vorherigen Start-up und der Zugehörigkeit zu einem globalen Großkonzern mit gewaltiger Marktmacht.

Als Skandal empfanden manche Ankerkraut-Kund:innen den Kauf ausgerechnet durch den Schweizer Lebensmittelkonzern, der seit Jahrzehnten wegen seiner Geschäftspraktiken in der Kritik steht. Unter anderem geht es dabei um die Ausbeutung weltweiter Wasserressourcen, die Abholzung des Regenwaldes und gentechnisch veränderte Lebensmittel. Zudem gibt es Vorwürfe gegen Nestlé, weil der Konzern in Entwicklungsländern aggressiv Babynahrung vermarktet, die für die Familien teuer ist.

In sozialen Medien äußerten viele Ankerkraut-Käufer:innen nach Bekanntwerden der Übernahme ihre Enttäuschung. Die Debatte drehte sich um Themen wie Glaubwürdigkeit, Markenidentität und unternehmerische Unabhängigkeit. Der Vorwurf: Ankerkraut verliere und verrate seine ursprünglichen Werte. Auch Influencer:innen und Kooperationspartner:innen reagierten teilweise kritisch, einige beendeten Partnerschaften mit der Gewürzfirma.

Auch in den News:

Die Ankerkraut-Gründer Stefan und Anne Lemcke.

Bild: picture alliance / rtn - radio tele nord


Wer sind die Gründer:innen von Ankerkraut und wie kamen sie auf die Idee?

Die Idee zu Ankerkraut hatte Stefan Lemcke: Er wuchs in Tansania auf und kam dort in Kontakt mit der Vielfalt an Gewürzen. Darum wollte er ein Start-up ins Leben rufen, bei dem er eigene Gewürze mischt, und zwar ohne Rieselhilfen und andere Zusatzstoffe. Die Gründung war für ihn ein Herzensprojekt, wie er dem "Hamburger Abendblatt" erzählte:

Ich bin da ohne Businessplan rangegangen, sondern nur mit Herz. Ich hatte einfach total Lust auf das Produkt.

Stefan Lemcke, Mitgründer von Ankerkraut

Seine Frau war zunächst zurückhaltend: Die beiden Mittdreißiger waren erfolgreich in ihren Berufen, hatten gerade ein Haus vor den Toren von Hamburg gebaut und erwarteten ihr zweites Kind. Aber ihr Mann überzeugte sie schnell von seinem Plan, und sie stieg in die Firma ein. Jahre später war er skeptisch, was den TV-Auftritt bei "Die Höhle der Löwen" anging, doch sie stimmte ihn um.

Was sie während der Gründung nicht wusste, war, dass er für das Start-up seinen sicheren Job als Online-Marketing-Manager aufgegeben hatte – das erfuhr sie erst später. Dann zog auch sie sich von ihrer Arbeitsstelle als PR-Managerin in der Musikindustrie zurück und konzentrierte sich auf Ankerkraut.

Dass das Unternehmen so erfolgreich sein wird, hätten beide "nie gedacht", sagte Anne Lemcke gegenüber dem "Hamburger Abendblatt":

Wir wollten unsere Familie davon ernähren, und hätten uns vorstellen können, zwei, drei Mitarbeiter zu haben.

Anne Lemcke, Mitgründerin von Ankerkraut

Was machen die Ankerkraut-Gründer:innen heute?

Die Ankerkraut-Gründer:innen Anne und Stefan Lemcke treten heute vor allem als Investor:innen für junge Start-ups auf, insbesondere im Food- und Konsumgüterbereich. Unter anderem sind sie wiederholt in der TV-Show "Die Höhle der Löwen" zu sehen.

Gleichzeitig inszenieren sie sich selbst als Unternehmermarke: Über soziale Medien geben sie Einblicke in ihren Alltag und nutzen ihre Reichweite gezielt für eigene Projekte. Die Lemckes leben mit ihren beiden Kindern in Hamburg.

FAQ: Ankerkraut

Die Gründer:innen von Ankerkraut, Anne und Stefan Lemcke, sind durch den Aufbau und Verkauf ihres Unternehmens zu Multi-Millionär:innen geworden. Genaue Summen sind nicht öffentlich bekannt. Der Verkauf an Nestlé wird jedoch auf einen dreistelligen Millionenbetrag für die Firma geschätzt. Damit zählen die beiden heute zu den wohlhabenden deutschen Start-up-Gründer:innen. Wie viel sie für den Rückkauf ihrer Anteile zahlten, ist nicht bekannt.

Anne und Stefan Lemcke wohnen mit ihren Kindern in Hamburg. Die Ankerkraut-Gründer:innen zogen während der Corona-Pandemie vorübergehend nach Mallorca, kehrten aber wie geplant zurück.

Über den genauen Kaufpreis, den Nestlé für Ankerkraut bezahlt hat, wurden keine Zahlen genannt. Bei der Übernahme der Mehrheit an dem Hamburger Gewürzhändler im April 2022 teilten die Unternehmen mit, dass Nestlé die Anteile der bisherigen Investoren - EMZ Partners, Freigeist Capital und Knälmann Ventures - sowie Teile der Management-Anteile übernommen habe, jedoch wurden keine finanziellen Details veröffentlicht.
Auch beim Rückkauf der Unternehmensanteile durch die Gründer Anne und Stefan Lemcke im April 2026, nach vier Jahren unter dem Dach von Nestlé, wurde über die finanziellen Details der Transaktion Stillschweigen vereinbart


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

Webseite von Ankerkraut

Hamburger Abendblatt: "Ankerkraut: Von der Lüge am Anfang bis zur 'Höhle der Löwen'"

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