Neuer Oberbürgermeister in Kitzingen

Wahlerfolg dank Social Media? Wie es das Rennen ums Rathaus verändert

Veröffentlicht:

von Josefine Enke

17:30 SAT.1 Bayern

War Social Media wahlentscheidend? Enis Tiz wird OB in Kitzingen

Videoclip • 01:31 Min • Ab 12


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Der eine künftige Rathauschef zeigt Backflips auf dem Mountainbike, der andere reagiert in Echtzeit auf rassistische Online-Kommentare. Hängt Erfolg bei Kommunalwahlen künftig von Instagram ab?

Botschaften spielerisch rüberbringen

Facebook? Instagram? Seit gerade mal neun Monaten ist Enis Tiz dort mit eigenem Profil unterwegs. "Man muss schnell lernen", sagt der 31-Jährige. Und er hat gelernt. Etwa die Sprache für Spots in sozialen Medien oder wie Videos sein müssen, die Aufmerksamkeit generieren. Aufmerksamkeit, die ihm half, als Politik-Neuling das Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters im unterfränkischen Kitzingen für sich zu entscheiden.

"Nicht spielen, nicht inszenieren, nicht ins Extreme abrutschen, aber Botschaften spielerisch und auch freundlich und locker rüberbringen, dass Jung und Alt es verstehen", erklärt Tiz. "Ich habe es geschafft, ich bin jetzt durch Social Media eine Stimme." Und er hat dadurch wichtige Stimmen bekommen: Mit 55,3 Prozent gewann er, für viele überraschend, gegen CSU-Amtsinhaber Stefan Güntner.

Das Rezept: Kaum Budget, aber Bock

Seine Follower – "1,8 Millionen Menschen haben in den letzten 30 Tagen mein Profil angesehen" – nimmt Tiz mit zum Yoga, zum Tanzkurs, zum Körbe werfen auf den Basketball-Platz. Er fährt mit einem Mountainbike steile Treppen im nicht barrierefreien Bahnhof der knapp 25.000 Einwohner zählenden Stadt am Main hinab, eine Kamera begleitet ihn.

Tiz, von den Freien Wählern und der Wählervereinigung FBW Kitzingen unterstützt, zeigt sich mit Händlern, der Landrätin, tourt mit einem Kleinbus durch Ortsteile oder besucht Senioren im Pflegeheim. Stets dabei: ein Team aus Freunden und Verwandten, das ihn in Szene setzt. Kaum Budget, aber Bock.

Das Wichtigste: "Es ist nicht gespielt"

Tiz ist nicht der einzige junge Herausforderer mit auffallender Social-Media-Präsenz, der sich bei den Stichwahlen in Bayern durchsetzen konnte. Abuzar Erdogan, der für die SPD in Rosenheim der CSU das Oberbürgermeisteramt abjagte, sammelte auf Instagram Tausende Follower mehr als der Amtsinhaber – und letztlich auch mehr Stimmen. Echtzeit-Reaktionen auf rassistische Online-Kommentare, Videos beim Radeln und an den Orten, die in der Stadtpolitik diskutiert werden. Locker und authentisch sollte es sein.

"Es ist nicht gespielt", versichert auch sein künftiger Amtskollege Tiz. "Wir hatten von Anfang an einen Drei-Punkte-Plan. Im August habe ich gesagt: Bis Dezember kennt man mich, ab Dezember spricht man über mich und kurz vor der Wahl gehen wir viral. Und die drei Punkte haben funktioniert." Dazu die Regeln: "Es ist keine Hetze, kein Gegenschießen, kein Negativ. Es ist ein Miteinander, und es ist echt."

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Erfolg auf Social Media: Eine Frage des Alters?

Johannes Steup, der an der Universität der Bundeswehr München zu politischem Wettbewerb mit Fokus auf sozialen Medien forscht, hält diese Art Wahlkampf inzwischen für essenziell: "Man kann die Wahl auf Social Media nicht gewinnen, aber man kann sie dort verlieren." Auch beim Rennen um Rathäuser könne man diese Kommunikationskanäle nicht mehr ignorieren.

Doch ob Insta und Co. gut bespielt werden, hängt laut Steup aktuell meist von den einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten ab. Da seien jüngere Menschen oft im Vorteil: "Das sind Menschen, die im Vergleich schon über einen großen Teil ihres Lebens mit Social Media vertraut sind. Für die kommt das viel natürlicher. Gerade wenn man einen großen Altersunterschied der Kandidaten wie zuletzt in München hat, sieht man das."

Für Erdogan, 32 Jahre alt, war das ebenfalls ein Erfolgsfaktor. "Ich benutze Instagram seit vielen Jahren auch als Stadtrat. Eine klare Strategie für die Wahl haben wir dann im Januar entwickelt", sagt der künftige Rathauschef von Rosenheim. Hilfe habe er von seinem überwiegend jungen Team in der SPD vor Ort bekommen: "Es ist nicht so, dass wir eine krasse Agentur dafür hatten."

Viel Aufwand bei verhältnismäßig wenig Reichweite

Doch der Aufwand sei groß gewesen, sagt Erdogan. "Für einen Flyer braucht man zwei, drei Stunden, dann ist der fertig." Die Produktion der zahlreichen Videos – inzwischen zählt Instagram 251 Beiträge – die oft mehrere Durchgänge benötigten, sei viel aufwendiger gewesen.

"Es bringt nichts, acht Wochen vor der Wahl einen Account aufzumachen. Der hat dann bis zur Wahl ein paar Hundert Follower", sagt auch Forscher Steup. "Das braucht Zeit, da etwas aufzubauen und Reichweite zu generieren." Die absoluten Zahlen seien dabei gar nicht so wichtig: "Da wird man jetzt keine 45.000 Follower haben, aber Stichwahlen werden auch mal mit 22 Stimmen entschieden."

Umso wichtiger sei es, dass Parteien sich auch auf Ebene von Stadt- und Kreisverbänden jetzt schon Gedanken zum nächsten Kommunalwahlkampf machten: "Da muss man sich als Partei fragen: Muss ich das Budget für meine Plakate kürzen und stattdessen in einen Social-Media-Beauftragten investieren?", sagt Steup. "Da würde ich jetzt auch nicht vier, fünf Jahre warten."

Söder sieht Handlungsbedarf bei CSU-Analyse

Zumindest bei der CSU ist nach den teils schmerzhaften Niederlagen in den Stichwahlen offenbar ein gewisser Nachholbedarf erkannt. "Dort, wo Social Media gut bedient wurde, waren Kandidaten auch erfolgreicher", erklärt Parteichef und Ministerpräsident Markus Söder nach einer ersten Wahlanalyse.

Ein Parteisprecher sagt, man sehe in der Zentrale trotz Professionalisierung in dem Bereich "weiterhin Potenzial, insbesondere bei kleineren Verbänden". Mit Schulungen wolle man Kandidatinnen und Kandidaten vor Ort unterstützen.

Wahlkampf werde auch digital geführt, sagt Grünen-Parteichefin Gisela Sengl. "Der Fokus hat sich in den letzten Jahren mehr Richtung Social Media verlagert: Rund zwei Drittel des Medien-Budgets (65 Prozent) des Landesverbands wird für Social Media genutzt." Sie erwarte, dass sich dieser Trend fortsetzen werde. Plakate blieben aber nach wie vor essenziell.

Wahlsieg ohne Social Media? Wohl kaum

Der neue Kitzinger OB Enis Tiz führt seinen Erfolg "zu 80 Prozent" auf Social Media zurück. Er habe auch an klassischen Veranstaltungen teilgenommen, mit Flyern geworben, mit Bürgern gesprochen. Aber dabei sei er auch oft gefilmt worden, sagt der bisherige Bauamtsleiter im Landratsamt Kitzingen.

Und was wird mit seinem Amtsantritt am 1. Mai nun anders? "Es gibt einen Social-Media-Auftritt der Stadt, aber der wird jetzt anders werden, weil mir das nicht so gefällt", kündigt der 31-Jährige an. Künftig sollen die Kitzinger dabei sein, wenn ihr OB für Wohnungsbau, Stadtentwicklung oder Wirtschaftsförderung unterwegs ist. "In den nächsten sechs Jahren hat jeder das Gefühl, dass ich ein Nachbar von ihm bin. (...) Wer jetzt noch denkt, dass es ohne Social Media geht, der wird sich bei den nächsten Wahlen umschauen."

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Verwendete Quelle:

Nachrichtenagentur dpa


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