Brüchiges Bündnis
"Strategie des Scheiterns": Trittin und ZDF-Korrespondent Röller kritisieren bei Lanz Trumps Grönland-Kurs
Veröffentlicht:
von Claudia ScheeleJürgen Trittin (Grüne) bei Markus Lanz im ZDF.
Bild: teutopress
In Davos bekräftigt US-Präsident Donald Trump seine Besitzansprüche auf Grönland – und rudert kurz darauf wieder zurück. ZDF-Korrespondent Ulf Röller sieht das transatlantische Vertrauen am Ende, Grünen-Politiker Jürgen Trittin spricht von einer "Strategie des Scheiterns".
Das Wichtigste in Kürze
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos bekräftigt Donald Trump US-Ansprüche auf Grönland, kündigt Verhandlungen an – und nimmt wenige Stunden später geplante Strafzölle gegen Europa zurück.
ZDF-Korrespondent Ulf Röller sieht in Trumps schnellen Kurswechseln ein massives Glaubwürdigkeitsproblem und spricht von einem faktischen Ende des transatlantischen Verhältnisses.
Grünen-Politiker Jürgen Trittin fordert, gegenüber Trump im Worst Case zu denken, die "Appeasement"-Politik Europas zu beenden und selbstbewusster rote Linien gegenüber den USA zu ziehen.
US-Präsident Donald Trump hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos nach erneut Anspruch auf die zu Dänemark gehörende Insel Grönland erhoben. Er forderte sofortige Verhandlungen über einen möglichen Erwerb durch die USA, betonte aber zugleich, er wolle Grönland nicht mit Gewalt einnehmen. Nur wenige Stunden später folgte der nächste Kurswechsel: Strafzölle gegen Deutschland und andere europäische Länder zum 1. Februar sollen nun doch nicht kommen. Stattdessen verkündete Trump auf seiner Plattform Truth Social, er habe mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte einen Rahmen für eine zukünftige Vereinbarung über Grönland beschlossen.
In der ZDF-Sendung "Markus Lanz" wurde dieser Schwenk noch am Mittwochabend (21. Januar) diskutiert. Zugeschaltet aus Davos war Ulf Röller, Leiter des ZDF‑Studios Brüssel, im Studio saß unter anderem der Grünen-Politiker und frühere Bundesminister Jürgen Trittin. Beide sahen in Trumps Verhalten ein Problem – nicht nur für die Debatte um Grönland, sondern für das gesamte Verhältnis zwischen Europa und den USA.
Röller: "Mit dieser Unverlässlichkeit ist das transatlantische Verhältnis beendet"
Röller erinnerte daran, dass Trump in Davos "vor der gesamten Weltelite" erklärt habe: "Wir brauchen Grönland. Kein anderes Land kann die Sicherheit von Grönland garantieren." Nur wenige Stunden später spreche derselbe Präsident plötzlich von einem möglichen Rahmenvertrag mit der NATO – für Röller "das Gegenteil von dem, was er (kurz zuvor) gesagt hat".
Der ZDF-Korrespondent sprach Trump jede Berechenbarkeit ab. Wörtlich sagte er, "mit dieser absoluten Unverlässlichkeit ist quasi das transatlantische Verhältnis (…) beendet". Aus seiner Sicht wurde in Davos deutlich, dass die Nachkriegsordnung, wie Europa sie aus Jahrzehnten enger Partnerschaft mit den USA kenne, nicht mehr gilt. Das habe "allen hier in Davos" die Augen geöffnet, so Röller.
Zweifel an Sicherheitsgarantien – auch für die Ukraine
Besonders kritisch bewertet Röller Trumps Glaubwürdigkeit bei Sicherheitsfragen. Hintergrund ist ein für Donnerstag (22. Januar) angekündigtes Treffen zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Röller fragt: "Wie will denn Selenskyj, aber auch die Europäer, ansatzweise einem Präsidenten glauben, dass er bereit ist, Sicherheitsgarantien zu erfüllen, wenn dieser innerhalb von wenigen Stunden komplett seine Meinung ändert?"
Für Europa habe dieses Verhalten "große Konsequenzen", so Röller. Es gehe um mehr Eigenständigkeit, um die Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen und auch darum, "was jeder Bürger jetzt zusätzlich leisten muss". Dahinter steht die Sorge, dass Europa sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass die USA im Ernstfall automatisch militärisch und politisch einspringen.
Trittin fordert Worst-Case-Denken gegenüber Trump
Auch Trittin hält ein militärisches Eingreifen der USA in Grönland zwar kurzfristig für unwahrscheinlich, warnt aber davor, Trump zu unterschätzen. Man müsse "aufhören, gegenüber Trump immer den schönsten Fall anzunehmen, sondern (…) mitdenken, was als Worst-Case eintreten kann", sagte der Grünen-Politiker bei "Markus Lanz". Das sei ein klarer Bruch mit der bisherigen Linie der Bundesregierung und teilweise auch der EU-Kommission, die häufig versucht habe, Konflikte mit Washington zu entschärfen.
Trittin betonte, es gehe nicht darum, zu behaupten, ein militärischer Angriff auf Grönland stehe unmittelbar bevor. Aber das Risiko müsse "mitgedacht" werden – und Europa müsse seine Politik entsprechend ausrichten. Dazu gehört aus seiner Sicht eine klarere Abgrenzung gegenüber Washington, wenn europäische Interessen berührt sind.
"Appeasement (…) ist eine Strategie des Scheiterns gewesen"
Besonders hart ging Trittin mit der bisherigen Europa-Politik gegenüber den USA ins Gericht. Er sagte: "Ich stimme ausdrücklich zu, dass die Politik des Appeasements, die versucht zu beschwichtigen, nicht zu Rechtssicherheit geführt hat, sondern zu höheren Zöllen, zu Nachforderungen. Diese Strategie (…) ist eine Strategie des Scheiterns gewesen." Dieses Scheitern werde jetzt im Streit um Grönland offen sichtbar.
Gleichzeitig sieht Trittin in der Krise eine Chance: Europa sei nun gezwungen, "eine rote Linie zu ziehen und dagegenzuhalten". Dass Trumps Kehrtwende bei den Strafzöllen unmittelbar nach Kritik und Gegenreaktionen aus Europa erfolgt sei, wertet er als Beleg dafür, dass ein selbstbewussteres Auftreten Wirkung zeigen kann. Langfristig, so die Botschaft der Runde bei "Markus Lanz", wird Europa aber nicht darum herumkommen, seine eigene Sicherheits- und Außenpolitik unabhängiger von der Tageslaune im Weißen Haus zu gestalten.
Verwendete Quellen:
ZDFheute: "Jürgen Trittin bei "Lanz": "Strategie des Scheiterns""
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