Wachsender Druck
Premier Starmer bangt um sein Amt: Wer ist der mögliche Herausforderer aus Manchester?
Aktualisiert:
von dpa:newstime
Briten-Premier Starmer unter Druck (12. Mai)
Videoclip • 22 Sek • Ab 12
Der britische Premierminister Keir Starmer steht mit dem Rücken zur Wand. Ein Ministerrücktritt, zerstrittene Genossen und ein möglicher Rivale aus Manchester – droht das Ende seiner Ära?
Das Wichtigste in Kürze
Nach dem Wahldebakel bei den Kommunal- und Regionalwahlen trat Starmers Gesundheitsminister Streeting aus Protest zurück.
Aus den eigenen Reihen droht nun eine Herausforderung.
Ob sich Starmer an der Macht halten kann, hängt davon ab, ob weitere Minister die Seiten wechseln.
Für den britischen Premierminister Keir Starmer wird es eng. Seit Monaten wächst der Druck auf den Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei – und nun ist er so groß wie selten zuvor. Der Premier lehnt einen Rücktritt zwar beharrlich ab. Und ob er gestürzt werden kann, ist ungewiss. Doch die Krise spitzt sich zu. Und Namen möglicher Nachfolger:innen kursieren.
Eine Woche nach dem verheerenden Ergebnis bei den Kommunal- und Regionalwahlen trat Gesundheitsminister Wes Streeting aus Protest gegen den Premier zurück. Die größte Gefahr für Starmer könnte indes von seinem innerparteilichen Rivalen Andy Burnham ausgehen, der als Herausforderer des wankenden Parteichefs gehandelt wird. Der Bürgermeister von Manchester kündigte an, den Sprung ins Parlament zu wagen. Ein Parteifreund hatte zuvor angekündigt, sein Mandat im Wahlkreis Makerfield nahe Manchester niederzulegen, um Burnham den Weg zu ebnen.
Auch in den News:
War es das für Starmer?
Erwartet wurde, dass Streeting mit seinem Rücktritt den Premier direkt um den Parteivorsitz herausfordern wird, doch das geschah zunächst nicht – und dann kam die Nachricht von der möglichen Rückkehr Burnhams ins Parlament.
Noch scheint sich Starmer erfolgreich an sein Amt zu klammern. Doch sollten weitere Minister:innen zurücktreten, könnte das schwierig werden.
Als mögliche Gefahr für ihn gelten Innenministerin Shabana Mahmood und Energieminister Ed Miliband, die sich Medienberichten zufolge für einen vorzeitigen Abtritt des Premiers ausgesprochen haben sollen. Sollte die Innenministerin ihren Hut nehmen, würde das wohl das Ende der Ära Starmer bedeuten.
Starmers "großes, dickes Problem" sei, dass er wegen mangelnden Rückhalts in seiner Fraktion keine Regierungsarbeit machen könne, analysierte Sky-News-Reporter Sam Coates. "Das kann nicht mehr lange so weitergehen." Die am Mittwoch (13. Mai) zur Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments vorgestellten Gesetzesvorhaben seien nicht umsetzbar ohne die Unterstützung seiner Fraktion. Starmer stehe zunehmend einer "Zombie-Regierung" vor.
Warum der "König des Nordens" so gefährlich für Starmer ist
Schon seit Monaten gilt Burnham als Liebling des moderat-linken Parteiflügels. Als Bürgermeister von Manchester hat sich der 56-Jährige den Ruf eines bodenständigen Machers erworben. Im Gegensatz zu Starmer wird er als mutiger Visionär gesehen. Burnham verließ das Parlament vor knapp zehn Jahren nach einem gescheiterten Versuch, an die Parteispitze zu gelangen. Nun drängt er zurück.
Beim vergangenen Labour-Parteitag im September 2025 – Starmer stand damals schon in der Kritik – war der inzwischen als "König des Nordens" bekannte Politiker der heimliche Star.
Der Weg von Manchester nach London ist allerdings nicht einfach: Für die Nachwahl muss Burnham erst einmal als Kandidat zugelassen werden. Anfang des Jahres wurde ihm dieses Vorhaben bei einer Nachwahl vom Labour-Führungskreis verwehrt. Und dann müsste die Wahl noch gewonnen werden. In Makerfield schnitt bei der vergangenen Wahl 2024 auch die rechtspopulistische Partei Reform UK von Brexit-Befürworter Nigel Farage stark ab – ein riskantes Spiel also.
Burnham die Kandidatur erneut zu verweigern, wäre kein kluger Schachzug der Labour-Spitze. Schließlich hatten viele die Rückkehr des Bürgermeisters nach Westminster gefordert – und den Groll weiterer Abgeordneter auf sich zu ziehen, kann sich Starmer nicht leisten. Nach Informationen britischer Medien will Starmer nicht versuchen, Burnham an seinem Vorhaben zu hindern.
Langer Weg zur Wahl der neuen Parteispitze
Um Starmer herauszufordern, benötigen Kandidat:innen die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten, derzeit sind das 81. Ist dies gegeben, folgt eine Urabstimmung unter den Mitgliedern und weiteren Wahlberechtigten. Als aktueller Vorsitzender steht Starmer automatisch zur Wahl. In diesem Prozess können sich auch weitere Kandidat:innen mit 81 Unterstützer:innen aus der Fraktion bewerben.
Neben Streeting und möglicherweise nun auch Burnham hat sich überraschend auch Ex-Vizeregierungschefin Angela Rayner ins Spiel gebracht. Die 46-Jährige vom linken Parteiflügel war im September vergangenen Jahres wegen einer Steueraffäre zurückgetreten. Diese Sache ist nun abgehakt.
Innerhalb weniger Tage wäre eine Führungswahl jedenfalls nicht erledigt. Vielmehr könnte sich dieser Prozess über Wochen oder gar Monate ziehen.
Epstein-Affäre setzt Streeting indirekt unter Druck
Streeting wäre mit 43 Jahren ein recht junger Parteichef und Premierminister – als unbeschriebenes Blatt würde er das Amt allerdings nicht antreten.
Abgeordneter in Westminster ist Streeting seit 2015. Innerhalb der Labour-Partei wird er im Gegensatz zu Burnham dem rechten Flügel zugeordnet, im linken Lager gilt er als geradezu verhasst. Zudem hatte er ein enges Verhältnis zum Labour-Veteranen Peter Mandelson, der wiederum wegen seines engen Verhältnisses zu Jeffrey Epstein in den Sog des Missbrauchsskandals um den gestorbenen Sexualstraftäter geriet.
Offen ist die Frage, inwieweit Streeting und seine Anhänger:innen die mögliche Rückkehr Burnhams einkalkuliert hatten.
Kein ungewöhnliches Polit-Drama
Auf diese Frage gäbe es von vielen Brit:innen vermutlich nur ein kurzes Auflachen als Antwort. Seit dem Brexit-Referendum geben sich britische Regierungschefs die Klinke der berühmten schwarzen Tür am Regierungssitz in der Downing Street Nummer 10 in die Hand. Mit Starmer gab es in den vergangenen zehn Jahren bereits sechs Premierminister – so viele wie in den 35 Jahren davor.
Im Wahlkampf vor dem überwältigenden Sieg mit seiner Labour-Partei im Sommer 2024 hatte Starmer seine Wähler:innen auch mit dem Versprechen überzeugt, dem ständigen Polit-Drama in Westminster ein Ende zu setzen. Doch nun läuft er selbst Gefahr, primär mit dem Drama um seine Partei in Erinnerung zu bleiben.
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