BBC-Recherchen
Putins Schattenflotte fährt weiter unbehelligt durch den Ärmelkanal
Veröffentlicht:
von Joachim VonderthannNach BBC-Recherchen passieren Tanker der russischen Schattenflotte weiterhin weitgehend unbehelligt den Ärmelkanal.
Bild: -/Etat-Major des Armées/AP/dpa
Der ukrainische Präsident Selenskyj hat erst am Donnerstag in Davos ein konsequenteres Vorgehen Europas gegen die russische Schattenflotte gefordert. Während Frankreich handelt, schauen die Briten nach BBC-Recherchen meist nur zu.
Das Wichtigste in Kürze
Tanker der russischen Schattenflotte umgehen Sanktionen und durchqueren weiterhin den Ärmelkanal.
Trotz rechtlicher Möglichkeiten unternimmt Großbritannien bisher keine eigenständigen Maßnahmen zur Beschlagnahmung.
Die Schattenflotte sichert Russlands wirtschaftliche Grundlage und finanziert den Krieg gegen die Ukraine.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat Russland eine Strategie entwickelt, um westliche Sanktionen gegen seine Ölexporte zu umgehen. Mithilfe einer sogenannten Schattenflotte, bestehend aus alternden Tankern mit undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen, transportiert der Kreml weiterhin Rohöl im Wert von Milliarden US-Dollar. Doch allein im Januar durchquerten 42 sanktionierte Schiffe den Ärmelkanal, wie BBC berichtet. Dabei kommen verschiedene Täuschungsstrategien zum Einsatz, darunter das Abschalten von Ortungssignalen und das Fahren unter falscher Flagge.
Getarnte Russen-Tanker passieren Ärmelkanal
Ein prominentes Beispiel ist der Tanker "Sofos", der bereits im Mai 2025 vom britischen Außenministerium sanktioniert wurde. Trotz dieser Maßnahme passierte das Schiff den Ärmelkanal und wurde in der Nähe von St. Petersburg gesichtet. Schiffsverfolgungsdaten des Rechercheteams BBC Verify zeigen, dass die "Sofos" mehrfach Öl aus Wladimir Putins Russland geladen hat, bevor sie ihre Route Richtung Venezuela fortsetzte und ihr Signal absichtlich abschaltete. Ähnlich agieren andere Schiffe der Schattenflotte, wie die "Nasledie", die unter wechselnden Identitäten und Flaggen operiert.
Briten dürften handeln - tun es aber nicht
Die britische Regierung erhielt Anfang Januar rechtliche Zusicherungen, dass solche Tanker gemäß internationalen Gesetzen festgehalten werden können. Dennoch fehlt bisher ein entschlossenes Vorgehen. Während Frankreich und die USA bereits Maßnahmen ergriffen haben, war es Großbritannien bislang nicht eigenständig möglich, Schiffe zu beschlagnahmen – trotz klarer rechtlicher Grundlagen.
Dame Emily Thornberry, die Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des Parlaments, kritisierte die Regierung von Premier Keir Starmer scharf: "Es reicht nicht aus, Sanktionen auf dem Papier zu verhängen – wir müssen sicherstellen, dass sie konsequent umgesetzt werden." Auch der liberaldemokratische Abgeordnete Mike Martin äußerte sich enttäuscht über die Zögerlichkeit. "Es ist nicht schwierig, zwölf Meilen vor Dover Stärke zu demonstrieren", sagte der frühere Offizier der britischen Armee der BBC.
Putins Schattenflotte wichtig für Krieg gegen Ukraine
Die Schattenflotte spielt eine entscheidende Rolle für Russlands (Kriegs-)Wirtschaft. Laut dem Center for Strategic and International Studies (CSIS) transportieren diese Schiffe jährlich Öl im Wert von bis zu 100 Milliarden US-Dollar. Im Dezember 2025 wurden dem BBC-Bericht zufolge 68 % des gesamten russischen Rohöls auf sanktionierten Tankern verschifft. Diese Einnahmen tragen direkt zur Finanzierung des Kriegs in der Ukraine bei und sichern dem Kreml eine wirtschaftliche Basis.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bei seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am Donnerstag (22. Januar) die europäischen Staaten zu einem entschiedeneren Vorgehen gegen Putins Schattenflotte aufgefordert. Europa müsse sich das Vorgehen von US-Präsident Donald Trump bei venezolanischem Öl als Vorbild nehmen.
Selenskyj kritisiert Europäer - Macron reagiert
Aus Paris kam am Freitag direkt eine Antwort. Die französische Marine hat einen aus Russland kommenden Öltanker angehalten und überprüft. Das Schiff werde verdächtigt, unter falscher Flagge zu fahren, und sei mit internationalen Sanktionen belegt, teilte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf X mit.
Der Einsatz erfolgte Macron zufolge im Mittelmeer und in Absprache mit mehreren Verbündeten. "Die Aktivitäten der Schattenflotte tragen zur Finanzierung des Angriffskriegs gegen die Ukraine bei." Bereits im Oktober hatte Frankreich ein Schiff aufgebracht, das verdächtigt wurde, zur russischen Schattenflotte zu gehören. "Genau diese Entschlossenheit ist erforderlich, um sicherzustellen, dass russisches Öl nicht länger Russlands Krieg finanziert", bedankte sich Selenskyj bei Macron.
Verwendete Quellen:
BBC: "Dozens of sanctioned Russian tankers navigate Channel despite UK vow of 'assertive' action"
Nachrichtenagentur dpa
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