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Nord-Stream-Anschläge: Mutmaßlicher Drahtzieher steht vor Gericht

Veröffentlicht:

von Damian Rausch

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Anklage nach Nordstream-Sabotage

Videoclip • 23 Sek • Ab 12


Vier Jahre nach den Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines beginnt in Hamburg der Prozess gegen einen mutmaßlichen Drahtzieher. Serhij K. soll eine zentrale Rolle bei der Sabotageaktion gespielt haben. Ihm werden mehrere schwere Straftaten vorgeworfen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Ukrainer Serhij K. muss sich wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an den Nord-Stream-Anschlägen vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht verantworten.

  • Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass K. zu einer Gruppe gehörte, die im September 2022 Sprengsätze an den Pipelines in der Ostsee anbrachte.

  • Die Anklage wirft ihm unter anderem ein Kriegsverbrechen sowie das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken vor.

Vier Jahre nach den Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines beginnt in Hamburg die juristische Aufarbeitung eines der spektakulärsten Sabotagefälle der vergangenen Jahrzehnte. Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht muss sich von diesem Mittwoch an der ukrainische Staatsangehörige Serhij K. verantworten. Die Bundesanwaltschaft hält ihn für einen der zentralen Beteiligten an der Aktion.

Bild: Gas tritt nach den Explosionen an der Nord-Stream-Pipeline an die Oberfläche der Ostsee.


Die Explosionen in der Ostsee

Am 26. September 2022 erschütterten mehrere Explosionen die Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm. Drei von insgesamt vier Strängen der Pipelines Nord Stream 1 und 2 wurden beschädigt, vier Lecks entstanden.

Zu diesem Zeitpunkt lieferte Nord Stream 1 allerdings bereits kein russisches Gas mehr nach Deutschland. Russland hatte die Lieferungen wenige Wochen zuvor eingestellt und dies mit technischen Problemen begründet. Nord Stream 2 war zwar fertiggestellt, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine aber nie in Betrieb genommen worden.

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Ermittler rekonstruieren Fahrt mit der "Andromeda"

Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft soll Serhij K. Teil einer siebenköpfigen Gruppe gewesen sein. Dpa zufolge gingen die Ermittler:innen davon aus, dass sich K. spätestens am 8. September 2022 gemeinsam mit einem Schiffsführer, einem Sprengstoffexperten und vier Tiefseetauchern in Wiek auf Rügen an Bord der Segeljacht "Andromeda" begab. Das Schiff war zuvor über einen Mittelsmann gechartert worden.

Die Gruppe soll anschließend zu den Pipelines gefahren sein und bei Tauchgängen mehrere Sprengsätze mit Zeitzündern in rund 80 Metern Tiefe angebracht haben. Nach Angaben der Ermittler handelte es sich um leistungsfähigen Sprengstoff, wie er auch im militärischen Bereich eingesetzt wird.

Welche Rolle soll Serhij K. gespielt haben?

Die Bundesanwaltschaft sieht in dem heute 50-Jährigen nicht lediglich einen Helfer. Er soll damals Offizier einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte gewesen sein und eine führende Rolle bei der Operation gespielt haben.

K. wurde Ende August 2025 während eines Familienurlaubs an der italienischen Adriaküste auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls festgenommen. Nach einem monatelangen juristischen Tauziehen wurde er am 27. November nach Deutschland überstellt und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Der Deutschlandfunk berichtet zum Prozessauftakt unter Berufung auf die Ermittlungen zudem, die Tat sei gemeinsam mit weiteren ukrainischen Militärangehörigen im Auftrag staatlicher ukrainischer Stellen geplant worden. Die ukrainische Regierung weist eine Beteiligung an den Anschlägen zurück.

Anklage wegen mutmaßlichen Kriegsverbrechens

Die Vorwürfe gegen Serhij K. wiegen schwer. Ihm wird unter anderem ein Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Konkret geht es um den Einsatz verbotener Methoden der Kriegsführung durch einen Angriff auf zivile Objekte. Hinzu kommen der Vorwurf des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, der Zerstörung von Bauwerken und der Störung öffentlicher Betriebe.

Das Hanseatische Oberlandesgericht hatte die Anklage Anfang September zur Hauptverhandlung zugelassen. Nach vorläufiger Bewertung des Staatsschutzsenats besteht gegen K. ein hinreichender Tatverdacht als Mittäter. Zunächst sind 16 Verhandlungstage bis zum 17. Dezember vorgesehen. Im Januar und Februar 2027 soll der Prozess fortgesetzt werden.


Weiterer Verdächtiger in Haft

Serhij K. ist inzwischen nicht mehr der einzige mutmaßliche Beteiligte, der gefasst wurde. Dpa zufolge wurde am 19. August ein weiterer Ukrainer in der kroatischen Küstenstadt Pula festgenommen. Wolodymyr Z. soll nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft einer der Taucher gewesen sein, die die Sprengladungen an den Leitungen befestigten.

Milliardenprojekt mit politischer Vorgeschichte

Nord Stream 1 verbindet Russland über die Ostsee mit Deutschland. Die beiden jeweils 1.224 Kilometer langen Leitungsstränge konnten zusammen bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren. Die Investitionskosten lagen nach Unternehmensangaben bei rund 7,4 Milliarden Euro.

Nord Stream 2 verläuft weitgehend parallel und kostete weitere 9,5 Milliarden Euro. Die Pipeline wurde 2021 fertiggestellt, ging jedoch nie regulär in Betrieb. Die Bundesregierung stoppte das Genehmigungsverfahren im Februar 2022 angesichts der sich zuspitzenden Lage kurz vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine.


Nord-Stream-Unternehmen dürfen nicht als Nebenkläger auftreten

Auch die Frage, welche Rolle die Betreiberunternehmen im Prozess spielen dürfen, wurde bereits entschieden. Die Nord Stream AG und die Nord Stream 2 AG wollten sich dem Verfahren als Nebenkläger anschließen. Das Hanseatische Oberlandesgericht lehnte dies jedoch ab.

Nach Angaben des Gerichts fehlt es an einer besonderen Schutzbedürftigkeit aufgrund schwerer wirtschaftlicher Folgen. Zwar dürften die Reparaturen jeweils einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag kosten. Angesichts der ursprünglichen Investitionen von insgesamt knapp 17 Milliarden Euro sei jedoch nicht von einem wirtschaftlichen Totalschaden auszugehen.

Zudem stellt das Gericht klar, dass der Prozess nicht den gesamten politischen und geopolitischen Nord-Stream-Komplex aufarbeiten soll. Im Mittelpunkt steht vielmehr die konkrete Frage, ob und in welchem Umfang Serhij K. für die Anschläge strafrechtlich verantwortlich ist.


Verwendete Quellen:

Deutsche Presse-Agentur

Deutschlandfunk: "Prozess um Anschläge auf Nord-Stream-Pipeline beginnt"

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