Kommentar
Wahl in Sachsen-Anhalt: Blaue und blinde Flecken
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von Barbara Scherle:newstime
Sachsen-Anhalt: AfD vor der Macht?
Videoclip • 02:38 Min • Ab 12
Sachsen-Anhalt hat gewählt. Das Ergebnis: eine Zäsur. Doch nicht nur politisch lassen sich Lehren ziehen. Ein Kommentar von Barbara Scherle, Chefin vom Dienst im :newstime-Hauptstadtstudio in Berlin.
Eine vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei steht kurz davor, den ersten AfD-Ministerpräsidenten zu stellen, wenn das BSW die Steigbügel hält - wovon aktuell auszugehen ist.
Es ist eine Zäsur. Darüber sind sich alle Lager einig. Die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Wahl bieten Lehren für die Politik, aber auch für uns Medienvertreter. Politik wird zunehmend von starken Gefühlen bestimmt statt von Fakten und Überzeugungen. Verhandelt wird die Frage: Wem schenkt man in komplexen, schwierigen Zeiten sein Vertrauen? Wer überzeugt, offenbar mehr mit lauten, populistischen Versprechungen und Attacken als mit klugen, fundierten Argumenten und Plänen?
Auch in den News:
Siegmund bedankt sich - auch für ein umstrittenes "Spiegel"-Cover
Politische Debatten werden nicht nur im Netz geführt, sondern auf Marktplätzen in der Provinz. Von dort haben sich offenbar nicht nur die etablierten Parteien verabschiedet, sondern auch viele traditionelle Medienhäuser - und das aus mehreren Gründen: aus ökonomischen und vielleicht auch aus Bequemlichkeit und im schlimmsten Fall Arroganz.
Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, füllte diese Lücke mit einer Erzählung: Das Land stünde am Abgrund. Damit holte er offenbar auch Wähler:innen an die Urnen, die seit Jahren daran nicht mehr dachten, ihre Stimme abzugeben.
Siegmund dankte bei seinem ersten Auftritt in Berlin am Montag (7. September) nach der Wahl auch für die Unterstützung der Hauptstadtpresse und meinte giftig und verschmitzt als Gag markiert, dass er noch nicht sagen möchte, wie viel die Partei für das umstrittene "Spiegel"-Cover bezahlt hätte. Dort wurde er prominent als gefährlichster Mann Deutschlands betitelt.
Welche Verantwortung trägt Berichterstattung?
Siegmund, der öfter mal Lacher platziert, die im Halse stecken bleiben, provoziert auch eine Frage an diesem Montag mitten in der Bundespressekonferenz.
Eine Antwort darauf wird womöglich auch noch in den nächsten Wochen gesucht: Welche Verantwortung und auch welche blinden Flecken gibt es bei den journalistischen Beobachtern für die Themen, die vielleicht nicht das urbane Leser- und Zuschauerpublikum beschäftigen, sondern die Menschen in den ländlichen Regionen südlich von Magdeburg?
Wie zum Beispiel im Landkreis Mansfeld-Südharz. Dort holt die AfD etwa jede zweite Stimme mit rund 52 Prozent, in den Gemeinden Plötzkau und Schnaudertal erreicht sie sogar mehr als 60 Prozent.
Kanzler Merz auch persönlich betroffen
Spätestens jetzt sind hier die Kameras und internationalen Presseaugen auf diese kleinen Orte gerichtet, und auf den Marktplätzen stellen sie dort die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Übermorgen zieht der Tross weiter und die Sorgen, Nöte und wohl auch die Wut auf Berlin bleiben. Ob diese Enttäuschung verschwindet, wenn demnächst in Magdeburg die AfD die Regierungsgeschäfte womöglich lenkt, wird sich zeigen.
"Dieses Wahlergebnis wird Auswirkungen haben", sagte Bundeskanzler Merz am Montagnachmittag. "Es macht etwas mit uns und auch mit mir persönlich", so Merz weiter. In knapp zwei Wochen wird wieder abgestimmt, dann in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die Zeit bringt keine Schonfrist, aber vielleicht Zeit für tiefe Analysen: Inwieweit blinde Flecken zu blauen Landkarten führen.
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