Ukraine-Krieg

Droht die nächste Versorgungskrise? Der Seekrieg im Schwarzen Meer eskaliert

Veröffentlicht:

von Damian Rausch

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Insider: Putin will Ukraine-Krieg ausweiten

Videoclip • 01:10 Min • Ab 12


Die Kämpfe im Schwarzen Meer nehmen weiter zu. Angriffe auf Schiffe und Hafenanlagen beeinträchtigen den Warenverkehr, Reedereien meiden ukrainische Häfen und die Sorge vor steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen wächst. Experten warnen vor weltweiten Folgen für Handel und Versorgung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Ukraine und Russland greifen zunehmend Schiffe und Hafenanlagen im Schwarzen Meer an und verschärfen damit den Konflikt auf See.

  • Mehrere Reedereien haben ihre Verbindungen in die Region eingeschränkt oder ausgesetzt, wodurch wichtige Exportwege zusätzlich unter Druck geraten.

  • Eine länger anhaltende Blockade könnte den weltweiten Handel mit Getreide und Erdöl beeinträchtigen und vor allem importabhängige Staaten belasten.

Wie entwickelte sich die Eskalation?

Die ukrainischen Drohnentruppen greifen seit dem 6. Juli gezielt Schiffe an, die russisch kontrollierte Häfen im Asowschen Meer und im Schwarzen Meer anlaufen. Neben Öltankern der sogenannten Schattenflotte wurden auch Frachter attackiert, die unter anderem Getreide aus den besetzten Gebieten transportieren. Nach ukrainischen Angaben soll so außerdem die Treibstoffversorgung der annektierten Krim über den Seeweg erschwert werden, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.

Die Ukraine beziffert die Zahl der beschädigten Schiffe und Wasserfahrzeuge seit Beginn der Angriffe auf 196. Davon seien 126 im Asowschen Meer und weitere 70 im Schwarzen Meer getroffen worden. Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hatte bereits im Juni erklärt, das Leben auf der Krim werde zur "Hölle". Mit Drohnen- und Raketenangriffen sowie Attacken auf Versorgungsschiffe will Kiew die von Russland annektierte Halbinsel zunehmend isolieren.

Wie reagierte Russland?

Russland intensivierte daraufhin seine Angriffe auf die Hafenregion um Odessa. Kiew zufolge wurden mehr als 30 Schiffe beschossen, die sich auf dem Weg in die Häfen der Region befanden oder diese gerade anliefen beziehungsweise verließen. Etwa ein Dutzend Menschen kam dabei ums Leben. Nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums werden ukrainische Häfen seit der Nacht zum 11. Juli täglich angegriffen. Moskau beansprucht dabei Treffer gegen zahlreiche Wasserfahrzeuge und Hafenanlagen und wirft der Ukraine vor, Waffenlieferungen mithilfe ziviler Schiffe zu verschleiern.

Welche Auswirkungen haben die Angriffe bislang?

Die Folgen der Angriffe sind inzwischen auch in der Handelsschifffahrt deutlich spürbar. Wie Reuters berichtet, stellte der dänische Logistikkonzern Maersk seine Verbindungen über den Fischereihafen von Tschornomorsk am Dienstag vorerst ein. Betroffene Schiffe werden stattdessen in den rumänischen Hafen Constanța umgeleitet, der Weitertransport der Waren soll auf dem Landweg erfolgen. Als Grund nannte das Unternehmen die verschärfte Sicherheitslage infolge der russischen Angriffe.

Die ukrainische Regierung hatte zunächst betont, dass die Schwarzmeerhäfen im Raum Odessa weiter in Betrieb seien. Wenig später erklärte der geschäftsführende Außenminister Andrij Sybiha jedoch auf X, am Mittwoch habe "kein einziges Schiff den ukrainischen Seekorridor im Schwarzen Meer passiert – und das gerade zur Hochsaison der Ernte". Russland gefährde damit die weltweite Ernährungssicherheit.

Auch Agrarminister Taras Wyssozkyj bestätigte, dass viele Reedereien ukrainische Seehäfen wegen des hohen Risikos derzeit meiden. Gleichzeitig verschärfte Russland nach Medienberichten die Sicherheitsvorgaben für die eigene Schifffahrt. Demnach dürfen Schiffe die Zufahrten zu den Häfen Asow und Kawkas nur noch an Liegeplätzen nutzen, die durch Flugabwehr geschützt sind.

Wie steht es um den ukrainischen Getreidekorridor?

Die ukrainischen Schwarzmeerhäfen waren zu Beginn des russischen Angriffskriegs zunächst blockiert. Erst ein zwischen beiden Seiten vereinbarter Getreidekorridor ermöglichte wieder Exporte über das Schwarze Meer. Nachdem Russland die Vereinbarung nicht verlängerte, etablierte Kiew nach eigenen Angaben einen eigenen sicheren Seeweg zu den Häfen rund um Odessa. Seit August 2023 hätten mehr als 8.000 Schiffe den Korridor genutzt. Insgesamt seien über 200 Millionen Tonnen Fracht abgefertigt worden, davon mehr als die Hälfte landwirtschaftliche Erzeugnisse.

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Welche Folgen hätte eine Blockade der Häfen?

Eine weitgehende Blockade der Schifffahrt im Schwarzen Meer hätte voraussichtlich spürbare Folgen für die Weltmärkte. Betroffen wären nicht nur ukrainische, sondern auch russische Exporte. Rund ein Viertel der russischen Getreideausfuhren wird über das Asowsche Meer abgewickelt, heißt es der dpa zufolge. Gemeinsam stehen Russland und die Ukraine für etwa 25 bis 30 Prozent der weltweiten Weizenexporte, beim Mais liegt ihr Anteil bei rund elf Prozent.

Auch der Energiemarkt könnte unter einer weiteren Eskalation leiden. Nach ukrainischen Angriffen auf ein Erdölterminal im russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk kamen Exporte von kasachischem Rohöl über diesen Hafen zeitweise zum Erliegen. Da alternative Transportwege nur begrenzt verfügbar und deutlich teurer sind, könnte sich das weltweite Ölangebot weiter verknappen.

Zusätzlichen Druck erzeugt die ohnehin angespannte Lage auf wichtigen Handelsrouten. Vor dem Hintergrund der Unsicherheit rund um die Straße von Hormus steigen auch die Sorgen vor neuen Lieferengpässen im Schwarzen Meer. An der Rohstoffbörse in Chicago notieren Weizenpreise bereits rund 30 Prozent über dem Niveau des Vorjahres, Mais verteuerte sich im gleichen Zeitraum um etwa zehn Prozent.

Besonders hart träfen dauerhaft steigende Lebensmittelpreise viele Importländer in Nordafrika und dem Nahen Osten, die einen großen Teil ihres Getreides aus Russland und der Ukraine beziehen. Bereits 2022 hatten mehrere afrikanische Staaten sowie Länder wie Brasilien und Indonesien diplomatische Initiativen gestartet, um auf ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hinzuwirken.


Wie lässt sich die Lage entschärfen?

Ein Ende des seit 2022 andauernden Krieges ist derzeit nicht absehbar. Damit bleibt auch eine nachhaltige Lösung für die zunehmenden Spannungen im Schwarzen Meer vorerst außer Reichweite. Die Türkei versucht weiterhin, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Bei seinem Besuch in Kiew in der vergangenen Woche sprach sich Außenminister Hakan Fidan erneut für ein Moratorium bei Angriffen im Schwarzen Meer aus. "Gezielte Angriffe auf Häfen, Tanker und Fischereifahrzeuge, die das Leben von Zivilisten gefährden, sind nicht hinnehmbar", sagte er. Nach eigenen Angaben habe er diese Position bereits zuvor bei Gesprächen in Moskau vertreten.

Auch die USA setzen ihre Bemühungen um eine diplomatische Lösung fort. Für Dienstag wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Washington erwartet. Dort dürfte der Krieg ebenso auf der Agenda stehen wie mögliche Schritte zur Eindämmung der jüngsten Eskalation im Schwarzen Meer.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

Nachrichtenagentur Reuters

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