Neun Tote

Zehn Jahre nach OEZ-Terror: Eltern eines Opfers erheben schweren Vorwurf gegen Behörden

Veröffentlicht:

von Emre Bölükbasi

:newstime

OEZ-Anschlag: Ihr Sohn wurde damals getötet

Videoclip • 02:00 Min • Ab 12


Zehn Jahre nach dem rechtsextremen Terroranschlag am Münchner Olympia-Einkaufszentrum trauert Familie Kılıç noch immer um ihren Sohn. Sie werfen den Behörden vor, jahrelang die Wahrheit verschleiert zu haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zehn Jahre nach dem Anschlag am Münchner OEZ trauert Familie Kılıç noch immer um ihren Sohn Selçuk.

  • Die Eltern werfen Behörden vor, die rassistische Tat jahrelang nicht beim Namen genannt zu haben.

  • Ihre Forderung: Die neun Opfer dürfen niemals vergessen werden.

Ein Sommerabend, Schüsse, Panik, Sirenen – und am Ende neun Tote. Was am 22. Juli 2016 am Olympia-Einkaufszentrum in München geschah, hat das Leben von Yasemin und Engin Kılıç bis heute nicht losgelassen. Gegenüber :newstime schildern die Eltern zehn Jahre nach dem Tod ihres Sohnes Selçuk, wie tief die Wunden noch immer sitzen – und wie wenig Vertrauen sie in die Aufklärung der Tat haben.

"Ohne die Bilder fühle ich mich sehr leer"

An jenem Abend konnte Vater Engin seinen Sohn plötzlich nicht mehr erreichen. Er machte sich selbst auf den Weg zum Tatort, passierte Absperrungen – und fand dort seinen Sohn. "Ich habe gleich eine Leiche gesehen. Und gleichzeitig konnte ich den Handy-Klingelton von meinem Sohn hören. Und dann habe ich ihn auch an seiner Hand erkannt", erinnert er sich. Ausgerechnet an diesem Tag hätte Selçuk seine Abschlussfeier der 9. Klasse gefeiert. Ihm stand bereits eine Ausbildung als Oberflächenbeschichter bevor.

Mutter Yasemin bewahrt bis heute jede Erinnerung an ihren Sohn auf – Geburtstagskerzen, Eintrittskarten, kleine Alltagsdinge, verstaut in einem eigenen Schrank. "Es tut mir sehr weh, wenn ich ihn hier auch überall anschaue. Oder auch diese T-Shirts hier trage. Aber ohne die Bilder fühle ich mich sehr leer in diesem Haus", sagt sie.

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Massive Kritik an Behörden

Neben der Trauer treibt die Familie vor allem eines um: das jahrelange Ringen um die richtige Einordnung der Tat. Wie die Eltern berichten, ist öffentlich lange von einem Amoklauf die Rede gewesen, während Hinweise auf ein rassistisches Motiv von Ermittler:innen kaum beachtet worden seien.

Erst drei Jahre und drei Monate nach dem Anschlag hätten die Behörde die Tat offiziell als rechtsextremistischen, rassistischen Anschlag eingestuft – erst danach sei auch die Inschrift an der Gedenkstätte entsprechend geändert worden.

Massive Kritik äußern die Eltern zudem am Polizeieinsatz selbst. "Es waren 2.350 Polizisten am OEZ. Was haben sie gemacht? Wo war der Täter? Wie konnte sich der Täter verstecken? Er hat mit der Polizei Katz und Maus gespielt", fragt Yasemin. Ihr Mann berichtet, wie er am Tatort selbst von Beamt:innen angeschrien, zu Boden gedrückt und in Handschellen abgeführt worden sei, als er nur nach seinem Sohn gesucht habe. Kurz darauf sei er wieder freigelassen worden.

Bei all dem Schmerz bleibt vor allem die Erinnerung an einen geliebten Sohn. "Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Er war ein sehr wunderschönes Kind, war sportlich, sehr hübsch, gepflegt", sagt seine Mutter. Fünfzehn gemeinsame Jahre seien ihnen geblieben – Jahre, die der Familie bis heute jeden Tag fehlten.


Rassistische Motivation war Ursache der Tat

Der Anschlag am OEZ gilt als einer der schwersten rechtsextrem motivierten Gewaltakte der jüngeren deutschen Geschichte. Ein 18-jähriger Rechtsextremist erschoss damals neun Menschen – acht Jugendliche und eine 45-jährige Frau – bevor er sich selbst tötete. Der Täter soll sich in rechtsextremen Online-Chats mit Namen wie "Amoklauf", "Anti-Refugee-Club" oder "Fuck Turkey" bewegt und ein eigenes Manifest verfasst haben. Die Tat fiel exakt auf den fünften Jahrestag des Massakers von Anders Behring Breivik in Norwegen.

Während das Bundesamt für Justiz die Tat bereits 2018 als extremistisch einstufte, erklärten die Ermittlungsbehörden sie offiziell erst im Oktober 2019 zum rechtsextremistisch motivierten Terroranschlag – ein Zeitraum, den Angehörige und Initiativen von Beginn an scharf kritisierten.

Zusätzlich belastet die Familie, dass am Tatort inzwischen wieder ein gut besuchtes Schnellrestaurant betrieben wird. "Ich verstehe es nicht, wie man dort auf den Tischen und Bänken, wo das alles passiert ist, noch essen kann", sagt Yasemin – für sie ein Beleg dafür, dass der Gesellschaft bis heute das Bewusstsein für die Tragweite der Tat fehle.

Zum zehnten Jahrestag ist nun ein zentrales Gedenken mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geplant, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ordnete Trauerbeflaggung an allen staatlichen Gebäuden im Freistaat an. Für Familie Kılıç zählt dabei vor allem eines: dass ihr Sohn und die acht weiteren Opfer, die sie "Engel" nennen, niemals in Vergessenheit geraten.

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt und vor der Veröffentlichung von der Redaktion sorgfältig geprüft.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

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