Neue Doku
OEZ-Anschlag in München: "Phantom-Tatorte", rechter Terror und nachhallende Schüsse
Veröffentlicht:
von Christopher Schmitt:newstime
So arbeitet die Polizei in Deutschland
Videoclip • 01:46 Min • Ab 12
Der rassistische Terroranschlag am OEZ in München jährt sich zum zehnten Mal. In einer neuen Doku geben Augenzeug:innen und Einsatzkräfte Einblicke in ihre bedrückende Ausnahmesituation.
Das Wichtigste in Kürze
Am Mittwoch (22. Juli) jährt sich der rassistische und rechtsextreme Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum in München zum zehnten Mal.
In einer neuen ZDF-Doku schildern Überlebende, Augenzeug:innen und Einsatzkräfte erschütternde Eindrücke von diesem verhängnisvollen Abend.
In vielen Teilen der Stadt wurden damals sogenannte "Phantom-Tatorte" gemeldet, die Lage war extrem unübersichtlich.
"Dann habe ich den Terroristen gesehen, keine zwei Meter von mir entfernt." Hüseyin Bayri hat an diesem 22. Juli 2016 gerade noch mit einem angeschossenen jungen Mann gesprochen, als der von rassistischem Hass getriebene Attentäter am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) die Waffe auf ihn selbst richtet. Er habe in den Lauf hineingeschaut, erinnert sich Bayri in der ersten Folge der ZDF-Dokumentation "22.. Juli. Die Schüsse von München" (Freitag, 24. Juli, ab 1:15 Uhr, ZDFinfo, FSK16). Dann habe er gedacht: "Hüseyin, jetzt ist es mit dir soweit." Er hört ein Klicken, dann wird ihm schwarz vor Augen.
Als Hüseyin aufwacht, wird er von der Polizei angeschrien, seine Hose ist voller Blut. Er berichtet, wie er seine Hose herunter- und sein Oberteil hochzieht – er ist unverletzt. "Dann habe ich erst festgestellt, dass es das Blut vom Guiliano ist." Vor seiner Ohnmacht hatte Hüseyin sich neben den von drei Schüssen getroffenen Guiliano Kollmann geschmissen. "Ich habe versucht, mit den Händen die Einschusswunden zuzudrücken, dass er nicht mehr Blut verliert. In dem Moment habe ich mir gewünscht, dass ich drei Hände hab", berichtet Hüseyin von den dramatischen Momenten. Er habe mit Guiliano geredet, ihm Fragen gestellt, ihn "gewatscht", dass er "ja nicht seine Augen zumachen soll".
Auch in den News:
Hüseyin überlebt diesen schwarzen Sommertag der Münchner Geschichte, um in der erschütternden Doku, die zehn Jahre nach den tödlichen Schüssen erscheint, von den Geschehnissen zu erzählen. Guiliano Kollmann überlebt ihn nicht und stirbt noch am Tatort. Der 19-Jährige ist eines von insgesamt neun Opfern des rechtsextremen Anschlags am OEZ. Hüseyin Bayri wünsche sich seiner eigenen Aussage nach bis heute, ihn selbst hätten Kugeln getroffen und der junge Mann überlebt.
Polizei-Sprecher: "Diffuse Informationslage"
In der ersten Folge, "Eine Stadt in Panik", der vierteiligen Reihe geht es nicht nur um die traumatischen Erlebnisse der Anwesenden, sondern auch um das Chaos in der Stadt und den Einsatz von Behörden und Einsatzkräften in einer schwer zu durchdringenden Lage. Terroranschläge werden von insgesamt 73 verschiedenen Orten in und um die Stadt gemeldet. Handy-Videos und Tweets befeuern Spekulationen im Netz und sorgen für Verunsicherung.
"Wir hatten eine sehr diffuse Informations- und Auskunftslage vom Tatort selber", berichtet Marcus da Gloria Martins, damals Pressesprecher des Polizeipräsidiums München, in der Doku. Man müsse sich die Lage wie ein Puzzle mit 1.000 Teilen vorstellen. "Dummerweise sind alle Teile weiß und von außen schmeißt Ihnen auch noch jemand Teile rein, die gar nicht zum Puzzle gehören", beschreibt da Gloria Martins die diffuse Lage am Abend.
Insgesamt waren an dem Abend 2.300 Beamt:innen im Einsatz. Der damalige Polizeipräsident der Stadt kann sich nicht an ein vergleichbar großes Aufgebot erinnern. Es herrschte Ausnahmezustand.
Bürgermeister und Polizei-Chefs weilen am Tegernsee
Als um 18:03 Uhr die ersten Tweets zum OEZ-Anschlag online gehen, befinden sich die polizeilichen Führungskräfte der bayerischen Landeshauptstadt etwa 50 Kilometer südlich – am Tegernsee. Dort fand der jährliche Informationsaustausch statt, auch der damalige Oberbürgermeister Dieter Reiter war dabei. "Da waren wir gerade kurz vorm Grillen", so der SPD-Politiker. Dann ging es Schlag auf Schlag: Innerhalb von fünf Minuten seien alle in den Autos gewesen und auf schnellstem Weg Richtung Stadt gefahren.
Auch für den Oberbürgermeister war es eine "bedrückende Atmosphäre. Wir haben aus allen Stadtteilen Schüsse gemeldet bekommen", berichtet er. Lange sei unklar gewesen, ob es sich um einen oder mehrere Täter gehandelt habe. Um 21:30 Uhr tritt Polizeisprecher Gloria Martins vor die Presse und spricht von "bis zu drei Tätern" – daraus werden in verschiedenen Medienberichten schnell drei Täter.
Wenn jemand "O-E-Z" ausspricht, hört sie Schüsse
Am Ende war es ein 18-Jähriger, dessen Tat trotz bekannter Gesinnung erst im Jahr 2019 vom Landeskriminalamt als "Politisch motivierte Kriminalität – rechts" eingestuft wurde. In der vierten Folge der Doku-Reihe werden Verbindungen zu rechtsextremistischen Netzwerken geprüft.
Bei dem Terroranschlag starben Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ. Insbesondere für die Angehörigen und Überlebenden bleiben viele Fragen offen. Bei einer Demonstration haben sie unter anderem einen Untersuchungsausschuss im bayerischen Landtag gefordert.
Eine damalige Kriminalbeamtin der Spurensicherung berichtet, die Handys der toten Jugendlichen hätten in dem McDonald's, in den sie gebracht wurden, durchgeklingelt. Auch für die Einsatzkräfte und Augenzeug:innen ist dieser Tag immer präsent, nicht nur am Mittwoch, an dem sich dieser 22. Juli zum zehnten Mal jährt. "Wenn man die Buchstaben ausspricht: O-E-Z. Dann höre ich diese Schüsse", sagt Birgit Schober, damals im Einkaufszentrum vor Ort, in der Dokumentation mit Tränen in den Augen.
Verwendete Quellen:
ZDF.de: "22. Juli – Die Schüsse von München. Eine Stadt in Panik"
ZDF-Presseportal: "ZDFinfo-Dokureihe über das Münchner Attentat vor zehn Jahren"
Nachrichtenagentur dpa
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