Neue Studie
"Weltuntergangsgletscher“ Thwaites schmilzt offenbar schneller als gedacht
Veröffentlicht:
von Joachim Vonderthann:newstime
Starke Gletscherschmelze in der Schweiz (1. Oktober)
Videoclip • 27 Sek • Ab 12
Eine neue Studie zeichnet ein alarmierendes Bild vom Thwaites-Gletscher in der Westantarktis. Demnach könnte der Eisriese bis zum Jahr 2100 deutlich mehr zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen als bisherige Berechnungen vermuten ließen.
Das Wichtigste in Kürze
Der Thwaites-Gletscher verliert Eis, weil warmes Meerwasser kilometerweit unter seinen Rand fließen und ihn von unten schmelzen kann.
Ein unterseeischer Höhenzug bremst den Gletscher derzeit noch, doch er könnte sich laut neuen Modellrechnungen künftig davon lösen.
Die Auswirkungen könnten dramatisch sein.
Der Thwaites-Gletscher gehört zu den größten Sorgenkindern der Klimaforschung. Er liegt in der Westantarktis und wird oft "Weltuntergangsgletscher" genannt. Der dramatische Name erklärt sich dadurch, dass sein vollständiges Abschmelzen den globalen Meeresspiegel rechnerisch um rund 65 Zentimeter anheben könnte. Davon ist die Welt zwar weit entfernt, doch der Gletscher zieht sich seit Jahren deutlich zurück.
Eine neue Studie, über die auch der "Merkur" berichtet, zeigt nun: Bisherige Modelle könnten die Dynamik des Thwaites-Gletschers unterschätzt haben. Die Forschenden betrachten dabei genauer, was am Übergang vom aufliegenden Eis zum schwimmenden Eisschelf passiert. Dort kann relativ warmes Meerwasser unter das Eis fließen und es von unten abschmelzen.
Auch in den News:
"Weltuntergangsgletscher": Neue Studie bereitet Sorgen
Viele bisherige Berechnungen behandelten den Übergang zwischen fest auf dem Untergrund liegendem und schwimmendem Eis wie eine klare Linie. Die neue Studie, veröffentlicht auf nature.com, beschreibt ihn hingegen als mehrere Kilometer breiten Bereich. Bei Ebbe und Flut hebt sich das Eis dort teilweise an. Meerwasser kann dann weiter unter den Gletscher dringen und sein Eis von unten schmelzen.
Die Forschenden verglichen ihr Modell mit Satellitenmessungen aus fast drei Jahrzehnten. Sie untersuchten, wie schnell der Gletscher zurückweicht, dünner wird und ins Meer fließt. Besonders gut passte das Modell zu den Beobachtungen, wenn die Bereiche mit eindringendem Meerwasser zwei bis fünf Kilometer breit waren. Ohne diese Prozesse konnten die bisherigen Veränderungen deutlich schlechter erklärt werden.
Ein unterseeischer Rücken hält den Gletscher noch auf
Der Thwaites-Gletscher wird derzeit durch einen unter Wasser liegenden Höhenzug, den Mouginot-Rücken, teilweise gebremst. Er wirkt wie eine natürliche Barriere. Doch die Modellrechnungen zeigen: Wenn das warme Wasser weiter unter das Eis eindringt, könnte sich der Gletscher von diesem Rücken lösen und schneller zurückziehen.
Wann das geschieht, ist offen. In einzelnen Modellrechnungen mit besonders weitreichenden Meerwasser-Einströmungen wäre ein Lösen bereits ab 2038 möglich. Bei schmaleren Bereichen geschieht es später oder möglicherweise erst nach dem Jahr 2100. Die Studie liefert also keine feste Vorhersage für einen konkreten Zeitpunkt, sondern beschreibt ein wachsendes Risiko.
Bis zu drei Zentimeter mehr Meeresspiegel
Unter den Annahmen der Studie könnte der Thwaites-Gletscher bis zum Jahr 2100 bis zu rund drei Zentimeter zum weltweiten Anstieg des Meeresspiegels beitragen. Das wäre etwa doppelt so viel wie der Mittelwert früherer Vergleichsrechnungen. Die Projektion geht zunächst von gleichbleibenden Klimabedingungen aus. Sie berücksichtigt also keine zusätzliche Erwärmung des Ozeans.
Steigt die Temperatur des Meerwassers künftig um 0,5 bis 0,7 Grad, könnte der Eisverlust der Studie zufolge nochmals um etwa 15 Prozent zunehmen. Laut "Merkur" sind die Ergebnisse deshalb ein Warnsignal. Für Menschen an Küsten seien schon wenige zusätzliche Zentimeter relevant: Sie könnten Sturmfluten und Überschwemmungen verschärfen. Für Studien-Mitautor Eric Rignot deuten die Ergebnisse demnach auf ein größeres Risiko für Küstenüberflutungen in den kommenden Jahrzehnten hin.
Verwendete Quellen:
Nature.com: "Sea-level contribution from Thwaites Glacier doubles in an observation-constrained ice-sheet model"
Merkur: "'Weltuntergangsgletscher' in der Antarktis: Neue Studie stellt bisherige Modelle infrage"
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