Das Rätsel von Tschernobyl
Überleben in der Todeszone: Schwarzer Pilz trotzt Strahlung in Tschernobyl
Veröffentlicht:
von Benedikt RammerIn der Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl gedeiht ein rätselhafter Pilz.
Bild: Kyodo News
Fast 40 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl gedeiht ein faszinierender schwarzer Pilz mitten in der Sperrzone. Forscher:innen rätseln, ob er Strahlung zur Energiegewinnung nutzt – ein biologisches Rätsel ohne Lösung.
Das Wichtigste in Kürze
Ein schwarzer Pilz namens Cladosporium sphaerospermum gedeiht in der radioaktiv verseuchten Sperrzone von Tschernobyl.
Forscher:innen vermuten, dass sein Pigment Melanin ihn befähigt, Strahlung ähnlich wie Sonnenlicht zu nutzen – bewiesen ist dies jedoch nicht.
Der Pilz zeigte auch im Weltall außergewöhnliche Fähigkeiten und schützte Sensoren vor kosmischer Strahlung.
Die Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl ist seit der Explosion von Block 4 im Jahr 1986 menschenleer. Doch ausgerechnet dort, wo radioaktive Strahlung das Leben unmöglich macht, gedeiht eine seltsame Lebensform: Ein schwarzer Pilz namens Cladosporium sphaerospermum hat sich an den Innenwänden eines der am stärksten verstrahlten Gebäude der Welt angesiedelt und zeigt erstaunliche Eigenschaften. Davon berichtet die "Bild"-Zeitung.
Der Pilz und die Strahlung
Während die radioaktive Strahlung für Menschen und Tiere tödlich ist, scheint sie dem Pilz zu helfen. Forscher:innen vermuten, dass sein dunkles Pigment Melanin ihn in die Lage versetzt, die Strahlung ähnlich wie Pflanzen Sonnenlicht zur Energiegewinnung zu nutzen – eine mögliche Form der sogenannten Radiosynthese. "Der Pilz wächst besser in der Nähe von Strahlung", berichten Wissenschaftler:innen laut "Bild", doch wie genau dieser Prozess funktioniert, bleibt unklar.
Bereits Ende der 1990er Jahre fiel Cladosporium sphaerospermum erstmals auf. Die Mikrobiologin Nelli Zhdanova und ihr Team entdeckten ihn zusammen mit 37 weiteren Pilzarten in der Umgebung des zerstörten Reaktors. Besonders auffällig war die hohe Konzentration an Melanin im Pilz sowie seine Fähigkeit, unter extremen Bedingungen zu überleben. Weitere Experimente bestätigten: Statt durch ionisierende Strahlung geschädigt zu werden, wuchs C. sphaerospermum sogar besser als zuvor. In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 zeigten Wissenschaftler:innen, dass sich das Melanin des Pilzes unter Strahlung chemisch verändert. Dies könnte auf einen Mechanismus hinweisen, der mit der Photosynthese vergleichbar ist.
Dennoch konnte bis heute nicht bewiesen werden, dass der Pilz tatsächlich Strahlung als Energiequelle nutzt. Die Radiopharmakologin Ekaterina Dadachova und der Immunologe Arturo Casadevall betonten laut "Bild": "Ionisierende Strahlung schädigt normalerweise Moleküle und DNA – doch dieser Pilz scheint immun zu sein."
Der schwarze Überlebenskünstler im All
Auch außerhalb der Erde zeigt Cladosporium sphaerospermum seine außergewöhnlichen Fähigkeiten: 2022 wurde der Pilz auf die Außenhülle der Internationalen Raumstation ISS geschickt, wo er kosmischer Strahlung ausgesetzt war. Die Wissenschaftler:innen stellten fest, dass er die darunterliegenden Sensoren vor Strahlung abschirmte – ein faszinierender Hinweis auf mögliche Anwendungen in der Raumfahrt.
Trotz zahlreicher Experimente bleibt das Geheimnis um den schwarzen Pilz ungelöst. Ob er tatsächlich Strahlung in verwertbare Energie umwandeln kann oder einfach nur extrem widerstandsfähig ist, bleibt weiterhin ein Rätsel für die Forschung.
Verwendete Quellen:
"Bild"-Zeitung: "Unheimlicher Tschernobyl-Pilz frisst Radioaktivität"
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