In 33 Fällen
Abrechnungsbetrug bei AOK Hessen: Oma und Enkel sollen Krankenkasse abgezockt haben
Veröffentlicht:
von Fabia Söllner:newstime
AOK warnt vor Arzneimittel-Kostenlawine
Videoclip • 04:47 Min • Ab 12
Abgerechnete Leistungen ohne Gegenleistung, manipulierte Rezepte und doppelt kassierte Behandlungen: Der Betrug zulasten der AOK Hessen nimmt zu. Besonders anfällig ist dabei ein Bereich der Pflege.
Das Wichtigste in Kürze
Die AOK Hessen verzeichnet so viele Betrugsverdachtsfälle wie noch nie.
Besonders häufig wird bei der Pflegeversicherung und häuslichen Pflege betrogen.
Gefälschte Rezepte, Luftabrechnungen und Doppelabrechnungen zählen zu den häufigsten Betrugsmaschen.
Die AOK Hessen registriert so viele Verdachtsfälle von Abrechnungsbetrug wie noch nie. Besonders häufig treten Unregelmäßigkeiten in der Pflegeversicherung und der häuslichen Krankenpflege auf.
Laut dem aktuellen Tätigkeitsbericht bleiben die Betrugsmaschen weitgehend dieselben: Abgerechnet werden unter anderem Leistungen, die nie erbracht wurden, doppelte Leistungen oder gefälschte Rezepte. Neu ist vor allem die deutlich gestiegene Zahl der Verdachtsfälle.
Auch andere Krankenkassen beobachten diesen Trend. Bei der Techniker Krankenkasse nimmt die Zahl der Hinweise ebenfalls zu, während die Höhe des entstandenen Schadens weitgehend stabil bleibt.
Mehr Anzeigen sorgen für mehr Forderungen
Die Zahl der Verdachtsfälle hat in den vergangenen zwei Jahren einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben der AOK Hessen gingen 2024 und 2025 insgesamt 1.232 Hinweise auf mögliches Fehlverhalten im Gesundheitswesen ein – rund zehn Prozent mehr als im vorherigen Berichtszeitraum.
Auch die Zahl der Strafanzeigen stieg deutlich auf 195 Fälle. Der durch nachgewiesene Betrugsfälle entstandene Schaden beläuft sich laut Krankenkasse auf rund 4,8 Millionen Euro und liegt damit deutlich über dem Wert der beiden Vorjahre.
Pflegerin und Enkel begehen Betrug
Besonders häufig kommt es laut AOK Hessen beim sogenannten Verhinderungspflege-Budget zu Betrugsfällen. Die Leistung soll pflegende Angehörige entlasten, wenn sie vorübergehend vertreten werden. Weil die Beantragung bewusst unkompliziert ist, wird sie jedoch immer wieder missbraucht. Nach Angaben der Krankenkasse wurden Leistungen in zahlreichen Fällen abgerechnet, obwohl sie nie erbracht wurden.
Ein besonders schwerer Fall betraf eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes. Sie soll in 33 Fällen Verhinderungspflege abgerechnet haben, ohne die Einsätze tatsächlich durchgeführt zu haben. Dabei nutzte sie ihre beruflichen Kontakte zu Pflegebedürftigen aus. Auch ihr Enkel, der ebenfalls bei dem Pflegedienst beschäftigt war, soll an dem Betrug beteiligt gewesen sein. Die AOK fordert rund 72.000 Euro zurück. Die Frau wurde inzwischen zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und verlor ihre Arbeitsstelle.
Auch in den News:
Weitere Betrugsfälle aufgedeckt
Auch bei der Versorgung mit Verbandmitteln deckte die AOK Hessen einen größeren Betrugsfall auf. Ein bundesweit tätiges Unternehmen soll blanko unterschriebene Rezepte nachträglich selbst ausgefüllt und damit Bestellungen abgerechnet haben. Aufgefallen war die Masche, weil Verordnungen aus verschiedenen Arztpraxen ein identisches Druckbild aufwiesen. Allein für das Jahr 2025 fordert die Krankenkasse in diesem Fall rund 857.000 Euro zurück.
In einem weiteren Fall steht ein Physiotherapeut im Verdacht, Behandlungen lediglich auf dem Papier abgerechnet zu haben. Nach Angaben der AOK waren die Unterschriften der Versicherten auf insgesamt 44 Verordnungen gefälscht. Die Krankenkasse verlangt deshalb knapp 12.000 Euro zurück.
So arbeiten die Detektive der AOK
Mehr als die Hälfte der Verdachtsmeldungen stammte aus externen Quellen. Von den insgesamt 1.232 Hinweisen gingen 703 über Bürgerinnen und Bürger oder das anonyme Online-Meldeportal der AOK Hessen ein. Nach Angaben der Krankenkasse sind solche Hinweise entscheidend, um Abrechnungsbetrug aufzudecken. Ohne Unterstützung von außen seien viele Fälle kaum zu erkennen.
Künftig könnte auch Künstliche Intelligenz dabei helfen, Auffälligkeiten in Abrechnungen schneller zu identifizieren. Bislang setzt die AOK Hessen jedoch vor allem auf die Erfahrung ihres zehnköpfigen Ermittlerteams. Immer wieder würden etwa Leistungen für bereits verstorbene Versicherte abgerechnet.
Bestätigt sich ein Verdacht, wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Ermittlungen gelten jedoch oft als aufwendig, weil jeder einzelne Betrugsfall nachgewiesen werden muss. Verurteilungen seien deshalb ein wichtiges Signal, dass Abrechnungsbetrug Konsequenzen haben kann.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
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