Konflikt mit der Volksrepublik

Wie Taiwan sich auf einen Krieg mit China vorbereitet

Veröffentlicht:

von Sven Hauberg

:newstime

Jahrhunderttaifun trifft auf China und Taiwan (11. Juli)

Videoclip • 01:19 Min • Ab 12


Taiwan bereitet seine Bevölkerung und seine Armee auf einen möglichen Krieg mit China vor. Dabei setzt die Insel nicht nur auf Raketen und Kampfjets, sondern zunehmend auf Drohnen, Luftschutzräume und zivile Widerstandsfähigkeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die chinesischen Drohungen in Richtung Taiwan werden immer aggressiver.

  • Der Inselstaat rüstet sich deshalb für einen möglichen Angriff.

  • Investiert wird ins Militär, aber auch in die Sensibilisierung der Bevölkerung.

In Taiwan ist der Weg zum nächsten Luftschutzraum meist nicht weit. Überall im Land verweisen blau-rot-gelbe Schilder auf Eingänge zu U-Bahn-Stationen, auf Tiefgaragen und öffentlich zugängliche Kellerräume. Rund 90.000 solcher Schutzräume gibt es in Taiwan, bei einem chinesischen Angriff sollen sie Schutz bieten vor Raketen oder Drohnen.

Ob und wann China den Inselstaat angreift, weiß zwar niemand. Aber ganz Taiwan will vorbereitet sein auf diesen Tag X. Regelmäßig wird in Taiwan deshalb im Rahmen der jährlichen "Han Kuang"-Militärmanöver nicht nur die Armee, sondern auch die Bevölkerung für einen möglichen Angriff sensibilisiert.

Bei der diesjährigen Übung Mitte August gingen im ganzen Land die Luftschutzsirenen los, die Menschen wurden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. In einigen Regionen wurde das mobile Internet gedrosselt, um einen möglichen Kommunikationsausfall bei einem Angriff zu simulieren. Und in Neu-Taipeh besuchte Taiwans Präsident Lai Ching-te die Tiefgarage eines Krankenhauses, die in eine Notaufnahme umgewandelt worden war.

Nicht nur der Staat, auch private Institutionen bereiten die Taiwaner:innen auf den Ernstfall vor. Etwa die Kuma Academy, die Erste-Hilfe-Kurse anbietet, oder Schulungen zum Umgang mit Desinformation. Seit Kurzem steht auch die Steuerung von Drohnen auf dem Lehrplan der Akademie.

Auch in den News:

"Grauzonen-Eskalationen" gegenüber Taiwan nehmen zu

China betrachtet Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht seit Jahrzehnten damit, sich den Inselstaat einzuverleiben. Nach dem Willen von Staats- und Parteichef Xi Jinping soll das möglichst friedlich geschehen. Doch Xi schließt auch den Einsatz von militärischer Gewalt nicht aus. Er weiß: Eine Vereinigung mit China wünscht sich in Taiwan so gut wie niemand, das zeigen Umfragen seit Jahren. Deshalb zieht Xi die Daumenschrauben an, er erhöht den Druck auf Taiwan und seine Menschen, um sie mürbe zu machen.

Quasi täglich schickt Peking Kriegsschiffe und Kampfjets in die Nähe der Insel, China überzieht die Insel mit Cyberangriffen und Desinformationskampagnen. Auch auf diese psychologische Kriegsführung sollen die Menschen mit den jährlichen Militärübungen vorbereitet werden. Expert:innen sprechen von "Grauzonen"-Aktivitäten – gemeint sind Angriffe unterhalb der Schwelle eines Krieges.

"Gezielte Grauzonen-Eskalationen wachsen bereits jetzt stark und werden noch weiter zunehmen", sagte die Ostasien-Expertin May-Britt Stumbaum, Leiterin der Denkfabrik Spear Institute, gegenüber :newstime. Pekings Aktivitäten bewegten "sich sehr nahe an einer militärischen Grenze. Man kann sehen, dass Xi Jinping zeitnah eine Lösung herbeiführen möchte".

Mit dem Militärmanöver "Han Kuang" bereitet sich Taiwan auf den Ernstfall vor.

Bild: Kyodo News


Taiwan investiert in Drohnen

Immer wieder genannt wird das Jahr 2027 als Zeitpunkt eines chinesischen Angriffs. Dann wird die chinesische Volksbefreiungsarmee (VBA) 100 Jahre alt. Zum Jubiläum soll das Militär nach dem Willen von Xi Jinping "entscheidende Fortschritte" auf dem Weg zu einer Armee auf Weltklasseniveau gemacht haben.

Vor allem in den USA glauben viele, dass die VBA dann in der Lage sein soll, Taiwan einzunehmen. Auch wenn das nicht automatisch bedeutet, dass Xi dann auch tatsächlich den Befehl dazu gibt, den Inselstaat anzugreifen, beschleunigt die taiwanische Regierung die militärische Aufrüstung.

Vor wenigen Tagen erklärte Präsident Lai, dass das Verteidigungsbudget im kommenden Jahr um 18 Prozent steigen soll, auf 1,1225 Billionen Taiwan-Dollar, umgerechnet rund 30 Milliarden Euro. Damit würde Taiwan erstmals drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Rüstung stecken.

Die taiwanesische Regierung hat die Modernisierung des Militärs zu einem zentralen politischen Ziel erklärt und wiederholt zugesagt, mehr Mittel für die Verteidigung bereitzustellen, darunter auch für die Entwicklung eines in Taiwan hergestellten U-Boots. Die USA, der engste Verbündete Taiwans, machen seit Jahren Druck auf den Inselstaat, mehr Geld in die eigene Verteidigung zu stecken.

Bereits im Mai hatte das von der Opposition kontrollierte Parlament eine Art Sondervermögen für Verteidigung verabschiedet, das allerdings um rund ein Drittel unter dem von der Regierungspartei vorgeschlagenen Betrag lag. Aktuell liegen für die übrige Summe konkurrierende Gesetzesvorschläge vor. Vor allem in den Kauf von Drohnen soll viel Geld fließen. Der Ukraine-Krieg hat auch Taiwan gezeigt, welche entscheidende Rolle den unbemannten Fluggeräten in der modernen Kriegsführung zukommt.

"Wichtig, dass Taiwan so viel in Verteidigung investiert wie möglich"

"Drohnen spielen bei der asymmetrischen Kriegsführung eine entscheidende Rolle", sagte der Militärexperte Sheu Jyh-Shyang vom Institute for National Defense and Security Research in Taipeh gegenüber :newstime. "Man verwendet günstige Waffen, um viel teurere Systeme auszuschalten." US-amerikanische Militärplaner wollen Taiwan mithilfe einer großen Drohnen-Armee quasi uneinnehmbar machen.

"Hellscape" – "Höllenlandschaft" – heißt eines der Szenarien, die derzeit diskutiert werden. Die Idee dahinter: Sobald sich eine chinesische Invasionsflotte auf den Weg nach Taiwan macht, könnten Tausende unbemannte Fahrzeuge zu Wasser und in der Luft den Vorstoß ausbremsen, indem sie chinesische Schiffe und Flugzeuge angreifen. Bis zum Jahr 2030 soll deshalb die Drohnenproduktion auf 100.000 Stück im Monat hochgefahren werden, so sieht es ein Plan des taiwanischen Wirtschaftsministeriums vor. Aktuell sind es nur rund 15.000 Drohnen.

Geld fließt derzeit aber auch in neue und bessere Raketensysteme: mobile HIMARS-Raketenwerfer, landgestützte Seezielflugkörper oder weitreichende Flugabwehrraketen. Ein chinesischer Angriff soll so aus größerer Entfernung bekämpft werden können. Der Gedanke dahinter: China soll seine Schiffe, Landungstruppen und Versorgungswege nicht ungehindert an Taiwan heranbringen können. Daneben baut Taiwan derzeit ein mehrschichtiges Luftverteidigungssystem auf. All das soll die Insel uneinnehmbar machen.

"Man weiß nicht, wann die chinesische Invasion kommt", sagt Experte Sheu. "Deswegen ist es wichtig, dass Taiwan so viel in die Verteidigung investiert wie möglich."


Verwendete Quellen:

Reuters: "Taiwan proposes boosting 2027 defence spending 18% to a record high"

Reuters: "Taiwan military drills clear streets, slow internet in Taipei"

Taiwanisches Verteidigungsministerium: "All-Out Defense Contingency Handbook"

New York Times: "How a Drone 'Hellscape' Might Stop a Chinese Invasion of Taiwan"

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