Kim Jong-uns Diktatur "reicher als je zuvor"

Warum Nordkorea plötzlich einen Wirtschaftsboom erlebt

Veröffentlicht:

von Sven Hauberg

:newstime

Nordkorea schickt Putin 30.000 Soldaten

Videoclip • 01:18 Min • Ab 12


Neue Wohnungen, mehr Autos, hellere Nächte: In Pjöngjang sind deutliche Zeichen des Wohlstands zu sehen. Doch der Aufschwung hat wenig mit einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik zu tun – und erreicht längst nicht alle Nordkoreaner:innen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nordkoreas Wirtschaft wächst seit wenigen Jahren überraschend stark.

  • Ein Experte nennt dafür drei Hauptgründe: Kooperation mit Russland und China sowie Kryptodiebstahl.

  • Von dem Wirtschaftsboom profitieren allerdings nur kleine Teile der Kim-Diktatur.

Pjöngjang leuchtet neuerdings bei Nacht. Mehr als dreimal so hell wie noch im Jahr 2020 strahlt die nordkoreanische Hauptstadt nach Sonnenuntergang, das zeigt eine aktuelle Auswertung von Satellitenbildern durch das Fachportal "Daily NK". Der Blick aus dem All steht beispielhaft für eine erstaunliche Entwicklung: Ausgerechnet Nordkorea, die abgeschottete Diktatur von Kim Jong-un, erlebt derzeit einen beispiellosen Wirtschaftsboom.

Anders als die meisten anderen Staaten vermeldet Nordkorea keine Kennzahlen zum Wirtschaftswachstum, und zu trauen wäre ihnen ohnehin nicht. Einer Schätzung der Südkoreanischen Zentralbank zufolge wuchs die Wirtschaft im Nachbarland im vergangenen Jahr aber um 3,5 Prozent und damit zum dritten Mal in Folge in dieser Größenordnung. Die Bank stützt sich bei ihrer Schätzung unter anderem auf Handelsdaten und Geheimdienstberichte.

Auch Nordkorea-Expert:innen sehen seit einiger Zeit immer mehr Indizien dafür, dass sich die staatlich gelenkte Wirtschaft des ostasiatischen Landes so schnell entwickelt wie nie zuvor. "Ja, es gibt einen Boom", sagt Lee Sung-yoon, der für das Sejong Institute in Seoul die Entwicklung in Nordkorea beobachtet, im Gespräch mit :newstime. "Nordkorea ist heute reicher als je zuvor."

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Nordkorea verkündet "neue Ära des Wohlstands"

Zu beobachten ist das vor allem in der Hauptstadt. In Pjöngjang ist in den vergangenen Jahren ein regelrechter Bauboom ausgebrochen, vor allem im Zentrum der Stadt entstehen neue Wohnviertel. Im vergangenen Jahr wurden im Stadtteil Hwasong 10.000 neue Wohnungen eingeweiht, von einer "neuen Ära des Wohlstands" war damals in Staatsmedien die Rede.

Auch die wenigen ausländischen Besucher:innen, die in den vergangenen Jahren nach Nordkorea reisen konnten, berichten von neuen Häuserblöcken und von deutlich mehr Verkehr auf den Straßen. Eine Auswertung von Satellitenbildern durch die Nachrichtenagentur Reuters deutet darauf hin, dass es in Pjöngjang neuerdings zu Verkehrsstaus kommt und dass Parkplätze rar werden.

"Ich habe Straßen gesehen, die unglaublich modern aussehen", sagt Zoe Stephens, die für den auf Nordkorea spezialisierten Reiseanbieter Koryo Tours arbeitet und das Land im vergangenen Jahr erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie besuchen konnte. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt Stephens, dass man in vielen Geschäften in der Hauptstadt neuerdings mit Smartphone zahlen kann, Pjöngjang fühle sich mittlerweile "wie eine normale Hauptstadt" an.

Es ist ein erstaunlicher Wandel: Noch vor sechs Jahren, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, hatte Kim Jong-un unter Tränen eingestanden, dass die Wirtschaft seines Landes am Boden liege. Heute rüstet Kim nicht nur weiter massiv auf – zuletzt ließ er zweimal kurz hintereinander ballistische Raketen testen, er stellt neue Zerstörer in Dienst, und auch das Atomprogramm treibt er entschlossen voran –, sondern hat offenbar noch genug Ressourcen, um auch die Wirtschaft zu entwickeln.

NORTH KOREA, PYONGYANG - MAY 14, 2026: Street lamps illuminate the waterfront. Stanislav Varivoda TASS PUBLICATIONxNOTxINxRUSxSUI 92472449

Bild: ITAR-TASS


Zusammenarbeit mit Russland bringt Nordkorea Milliarden

Experte Lee sieht drei Hauptursachen für den Wirtschaftsboom in Nordkorea. "Ein Grund ist, dass das Regime immer besser darin wird, Geld zu stehlen", sagt er. Lee spielt damit auf die großangelegten Cyberangriffe und Kryptodiebstähle an, die Nordkoreas staatlich gelenkter Hackerarmee vorgeworfen werden. "Glaubwürdigen Berichten zufolge hat Nordkorea allein im vergangenen Jahr Kryptowährung in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar gestohlen", sagt Lee.

"Unterstützung aus Russland ist ein weiterer Faktor", so der Experte. Diktator Kim Jong-un und der russische Präsident Wladimir Putin sind in den vergangenen Jahren eng zusammengerückt, Kim unterstützt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit Waffen, Munition und Soldaten. Schätzungen zufolge hat Kim bereits mindestens 15.000 Männer in den Krieg geschickt, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rechnet damit, dass bald bis zu 50.000 weitere nordkoreanische Soldaten folgen könnten. "Im Gegenzug erhält Kim Öl, Lebensmittel und wahrscheinlich auch Devisen sowie Zugang zu neuen Technologien", sagt Nordkorea-Analyst Lee.

Laut einer Schätzung der südkoreanischen Denkfabrik INSS vom März hat Nordkorea bislang bis zu 14,4 Milliarden US-Dollar aus Russland erhalten. Auch der Wirtschaftsdienst Bloomberg schätzt, dass Nordkorea die militärische Unterstützung Russlands zwischen 2022 und 2025 über 14 Milliarden US-Dollar eingebracht habe. Die Südkoreanische Zentralbank glaubt ebenfalls, dass Putin eine entscheidende Rolle beim nordkoreanischen Wirtschaftsboom spielt. "Der Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland war im vergangenen Jahr ein wichtiger Wachstumsmotor für Nordkorea", erklärte einer ihrer Vertreter gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.


China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner

Ein dritter Faktor ist China. "Nordkorea erhält großzügige wirtschaftliche Hilfe aus China, vor allem in diesem Jahr", sagt Lee. Die Volksrepublik ist der wichtigste Handelspartner der Kim-Diktatur, bis zu 90 Prozent des nordkoreanischen Außenhandels werden Schätzungen zufolge mit China abgewickelt. Nordkorea führt einen großen Teil seiner Konsumprodukte aus der Volksrepublik ein, etwa Autos und elektronische Bauteile. In die umgekehrte Richtung gehen zum Beispiel Eisen und Stahl, gefrorener Fisch und vor allem Perücken – einer der Exportschlager der Kim-Diktatur. Internationale Sanktionen, die gegen Nordkorea wegen seines Waffen- und Atomprogramms verhängt worden waren, werden offenbar weitgehend ignoriert.

Bei einem Besuch in Pjöngjang im Juni erklärte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, sein Land wolle die wirtschaftlichen Beziehungen mit Nordkorea sogar noch weiter vertiefen. Im selben Monat stieg der Handel zwischen den beiden Nachbarländern auf den höchsten Wert seit Jahren. Xi ist die neue Nähe zwischen Nordkorea und Russland offenbar ein Dorn im Auge – umso mehr ist er daran interessiert, dass das Kim-Regime weiterhin vor allem von Peking abhängig bleibt.

Experte Lee glaubt, dass das Wachstum in Nordkorea sehr ungleich verteilt ist. "Dem Regime und den Eliten geht es heute viel besser als in der Vergangenheit", sagt er, der Rest des Landes bleibe aber weitgehend abgehängt. Darauf deuten auch die Satellitenbilder hin, die "Daily NK" ausgewertet hat: Außerhalb der Hauptstadt liegt Nordkorea nachts noch immer weitgehend im Dunkeln.

Ganz Nordkorea soll wohlhabender werden

Diktator Kim will allerdings auch das ändern. Auf dem 9. Parteitag seiner alleinregierenden Arbeiterpartei hat er das Ziel ausgegeben, ganz Nordkorea wohlhabender zu machen. Der neue Fünfjahresplan, der die wirtschaftlichen Ziele des Regimes für die Jahre bis 2030 festlegt, legt den Fokus nicht mehr nur auf der Entwicklung und Modernisierung der Schwerindustrie; auch die Lebensumstände der Bevölkerung sollen sich verbessern. Etwa, indem auch außerhalb von Pjöngjang Wohnungen, Krankenhäuser und Schulen gebaut werden.

Bereits vor zwei Jahren hat Kim deshalb das sogenannte "20x10"-Programm gestartet: Innerhalb von zehn Jahren sollen jährlich in 20 Städten oder Landkreisen moderne Fabriken gebaut werden. Hinzu kommen Prestigeprojekte wie etwa ein neues Strandressort nahe der Stadt Wonsan an der Ostküste des Landes. "Kim Jong-un will sich als großer Anführer präsentieren, der sich nicht nur um die Bewohner der Hauptstadt kümmert, sondern um die Menschen im ganzen Land", sagt Experte Lee.

Die Realität ist allerdings eine andere, weite Teile Nordkoreas sind noch immer unterentwickelt. Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sind fast elf Millionen Menschen in dem Land unterernährt, das entspricht mehr als 40 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit dem glitzernden Hauptstadtleben hat ihre Lebenswirklichkeit nichts zu tun.


Verwendete Quellen:

Daily NK: "Satellite images show Pyongyang glowing, outskirts dark"

Bank of Korea: "Gross Domestic Product Estimates for North Korea in 2025"

Bloomberg: "Kim Jong Un Flouted Sanctions to Amass $22 Billion Windfall"

The National Committee on North Korea: "China-DPRK Trade: What Do We Know?"

Stimson Center: "North Korea’s Post-Party Congress Economic Course and Implications for the Korean Peninsula"

NK News: "North Korea has earned up to $14.4B from military deals with Russia: Report"

Reuters: "Even in North Korea, someone’s in your parking spot"

World Food Programme: "Democratic People's Republic of Korea"

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