Geschichte des Keks-Herstellers
Bahlsen: Wie der Leibniz‑Butterkeks das Unternehmen groß machte
Veröffentlicht:
von Claudia FrickelDie Lieblingsmarken der Deutschen
Hinter den Kulissen von Bahlsen: Die Kunst der Leibniz-Keks-Herstellung
Videoclip • 06:39 Min • Ab 6
Hermann Bahlsen erfand den Leibniz‑Keks – und ein neues deutsches Wort gleich mit dazu. Die Süßigkeit legte den Grundstein für den späteren Welterfolg des Unternehmens. Alles zur Bahlsen-Geschichte, der Aufspaltung der Firma und der Rolle in der NS‑Zeit.
Das Wichtigste in Kürze
Das Unternehmen Bahlsen besteht seit 1889 und hat seinen Sitz in Hannover.
Der Keks- und Süßwarenhersteller ist vor allem für Leibniz-Kekse und PiCK UP!-Riegel bekannt.
Der Konzern befindet sich bis heute im Besitz der Familie, wird aber nicht mehr von ihr geleitet.
Das ist die Firma Bahlsen
Die Bahlsen GmbH & Co. KG gehört zu den bekanntesten Keks- und Süßwarenherstellern Deutschlands. Das Unternehmen wurde vor über 135 Jahren gegründet und befindet sich immer noch im Familienbesitz – inzwischen in der vierten Generation.
Besonders bekannt ist der Konzern aus Hannover für den Leibniz-Butterkeks. Dieser war auch das erste Produkt, das Gründer Hermann Bahlsen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte.
Heute gehören über 200 verschiedene Artikel zum Bahlsen-Sortiment – von klassischen Keksen über Waffeln, Riegel, Keksmischungen und Kuchen bis zu saisonalen Spezialitäten. 125.000 Tonnen Gebäck verlassen jedes Jahr die Bänder der Bahlsen-Werke. Das entspricht dem Gewicht von fast zwei Kreuzfahrtschiffen. Darunter sind allein zwei Milliarden Butterkekse.
Die Süßwaren sind in über 80 Ländern zu haben. Mit 2.500 Mitarbeiter:innen erzielte Bahlsen 2024 einen Umsatz von rund 645 Millionen Euro.
Das sind bekannte Marken und Produkte von Bahlsen
Zu Bahlsen gehören mehrere Marken, darunter Bahlsen selbst, Leibniz, PiCK UP! und Rawbite. Das Sortiment umfasst unter anderem diese Produkte:
Leibniz-Kekse
Choco Leibniz
PiCK UP!–Riegel
Messino-Kekse
Ohne-Gleichen-Kekse
Chokini-Gebäck
ABC Russisch Brot
Leibniz Zoo-Kekse
Kipferl
Waffeletten
Hermann Bahlsen gründete das Süßwarenunternehmen – und erfand den Leibniz-Keks.
Bild: Bahlsen
Die Anfänge der Firma Bahlsen: Hermann Bahlsen und der Keks
Hermann Bahlsen kam 1859 in Hannover als Sohn eines Tuchhändlers zur Welt. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er unter anderem als Zuckereinkäufer für eine Firma in London. Dort kam er mit Cakes in Berührung – erst später wurden sie in Deutschland als Kekse bekannt.
1889 kehrte Bahlsen in seine Heimatstadt zurück. Obwohl er keine Fachkenntnisse hatte, übernahm er eine Bäckerei, die mit zehn Angestellten englisches Gebäck herstellte. Seine Firma nannte der neue Inhaber Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen.
Zwei Jahre später brachte Bahlsen sein erstes eigenes Produkt auf den Markt – den Leibniz-Keks (siehe unten). Anders als die Konkurrenz verkaufte er sein Gebäck nicht lose. Stattdessen ließ er es luftdicht in kleinen Tüten verpacken, wodurch sie länger haltbar waren. Dann verkaufte er sie unter anderem als Mahlzeit für Reisende am Bahnhof. Der Slogan lautete: "Was isst die Menschheit unterwegs? - Na selbstverständlich Leibniz-Cakes."
Um die Jahrhundertwende verwendete Bahlsen erstmals die Bezeichnung Keks statt Cakes – und prägte damit ein neues deutsches Wort. Viele Kund:innen hatten den englischen Begriff deutsch ausgesprochen, wodurch Schreibweise und Aussprache nicht zusammenpassten. Das neue Wort setzte sich rasch durch und wurde 1915 in den Duden aufgenommen.
Die Firma wuchs derweil rasant. 1893 hatte sie 100 Mitarbeiter:innen, 1912 waren es knapp 1.000. Sie stellten bald auch andere Süßwaren her, etwa ABC Russisch Brot.
Hermann Bahlsen hatte einige weitere innovative Ideen. Sein Enkel Werner Michael Bahlsen verriet in Interviews später das Motto seines Großvaters:
Immer eine Pferdelänge voraus sein.
Schon 1905 führte Bahlsen das erste Fließband Europas in seiner Fabrik ein. Das war acht Jahre früher, als der US-Autohersteller Ford damit begann – und der gilt als Pionier der Massenproduktion. Zudem richtete Bahlsen einen Laden in seiner Fabrik ein, bei dem Besucher:innen das Gebäck probieren und direkt kaufen konnten. Darum wurde das Gebäude im Volksmund Knusperhaus genannt. Für die Beschäftigten gab es eine Betriebskrankenkasse, was damals fortschrittlich war.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs wollte Bahlsen eine Fabrik- und Wohnstadt mit Schule, Kirche und Theater bauen lassen – TET genannt. Doch mit der Niederlage Deutschlands gab er das visionäre Konzept auf. Das TET-Zeichen ziert aber schon seit 1903 das Bahlsen-Logo: Bahlsen entdeckte es auf einer Ägypten-Reise. Die Hieroglyphe mit der aufgehenden Sonne und der Schlange bedeutet "ewig während" und unterstreicht das Qualitätsversprechen.
Mitarbeitende verpacken 1912 in der Bahlsen-Fabrik Backwaren.
Bild: Bahlsen
Leibniz-Keks – der Butterkeks mit den 52 Zähnen
Hermann Bahlsen nannte seine Butterkekse zuerst Leibniz-Cakes. Benannt hat er sie nach dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) aus Hannover. Damals war es ganz normal, dass Lebensmittel die Namen bekannter Personen erhielten.
Die Kekse hatten durch ihr Design mit den 52 Zähnen einen hohen Wiedererkennungseffekt. Das war Hermann Bahlsen wichtig, nur so hatten sie "das optimale Aussehen", heißt es auf der Leibniz-Webseite. Noch heute zieren die Zähne sowie 15 eingestanzte Punkte das Gebäck.
Die 1891 erfundenen Kekse waren sofort ein Erfolg. Zwei Jahre später reiste der Erfinder nach Chicago zur Weltausstellung, wo sie mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurden. Die Jury befand, dass die Konkurrenz das Gebäck zwar nachmache, den "feinen Butter-Geschmack" habe aber nur das Original.
Die Marke sorgte auch sonst für Aufmerksamkeit: 1898 ließ Bahlsen am Potsdamer Platz eine der ersten großen Leuchtreklamen Deutschlands installieren – ein damals spektakulärer Werbeauftritt.
2013 machte die Leibniz-Süßigkeit weltweite Schlagzeilen: Ein Unbekannter stahl einen goldenen Deko-Keks von der Fassade des Stammhauses. Dann forderte Erpresser "Krümelmonster" Gratiskekse für ein Kinderkrankenhaus und eine Spende an ein Tierheim. Zwei Wochen später war der Keks plötzlich wieder da.
Nach dem Tod des Gründers: Bahlsen wird zum internationalen Unternehmen
Als Hermann Bahlsen 1919 starb, hinterließ er vier elf- bis 17-jährige Söhne. Drei von ihnen, Hans, Werner und Klaus Bahlsen, stiegen später in die Firma ein.
Sie bauten Bahlsen deutlich aus: Mitte der 1950er-Jahre exportierte Bahlsen seine Produkte in mehr als 70 Länder. Ende der 1960er-Jahre hatte das Unternehmen weltweit 11.000 Mitarbeiter:innen. Das Sortiment wuchs in den 1950er-Jahren um Salzstangen, später kamen Chips und Kuchen dazu. Nach und nach übernahm Werner Bahlsen die Führungsrolle allein.
1975 stieg sein ältester Sohn ins Unternehmen ein, Werner Michael Bahlsen. Auch sein Bruder Lorenz begann, in der Firma zu arbeiten. 1985 übergab der Vater die Geschäftsführung an die Söhne.
Bahlsen-Kuchen in einem Supermarkt-Regal.
Bild: Zoonar
Bahlsens unrühmliche Geschichte im Nationalsozialismus
In der Zeit des Nationalsozialismus und vor allem im Zweiten Weltkrieg hatte das Unternehmen zunächst mit knappen Rohstoffen zu kämpfen. Doch dann wurde es als kriegswichtiger Betrieb eingestuft. Danach produzierte es Notverpflegung für das Militär sowie Zwieback und Knäckebrot.
Bahlsen war damit wie viele deutsche Unternehmen in die Strukturen des Regimes eingebunden. Hans, Werner und Klaus Bahlsen traten nach Unternehmensangaben in die NSDAP ein und unterstützten zeitweise die SS finanziell.
Nach heutigen historischen Erkenntnissen setzte Bahlsen zwischen 1943 und 1945 mehr als 800 Zwangsarbeiter:innen ein, vor allem Frauen aus Polen und der Ukraine. Der Einsatz von Zwangsarbeit war in der deutschen Kriegswirtschaft dieser Zeit weit verbreitet und ist heute umfassend dokumentiert. Bahlsen selbst thematisierte das viele Jahre lang nicht.
2019 erntete Verena Bahlsen wegen einer Aussage zu Zwangsarbeiter:innen scharfe Kritik. Sie hatte behauptet, dass die Männer und Frauen "gut behandelt" worden seien und ebenso viel verdient hätten wie die Deutschen.
Das löste eine breite öffentliche Debatte aus. Historiker:innen widersprachen der Bahlsen-Erbin vehement. Sie entschuldigte sich später. In den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen stärker mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und die Geschichte wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Zudem leistete es Entschädigungszahlungen an die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Auch in den News:
Warum sich das Unternehmen in Bahlsen und Lorenz aufspaltete
In den 1990er-Jahren kam es in der Familie Bahlsen zum Bruch. Die Brüder Werner Michael und Lorenz stritten erbittert um die Führung und die strategische Ausrichtung des Konzerns.
Der Konflikt endete 1999 mit der Aufspaltung des Familienunternehmens in zwei separate, voneinander unabhängige Konzerne. Das Snackgeschäft wurde ausgegliedert und von Lorenz Bahlsen übernommen. Es entwickelte sich zur heutigen Lorenz Snack-World, die unter anderem Chips und Salzstangen produziert.
Das klassische Keks- und Süßwarengeschäft blieb bei Werner Michael Bahlsen. Dieser Konzern behielt den Markennamen und konzentrierte sich weiter auf Marken wie Leibniz und andere Gebäckprodukte.
Ein weiterer, kleiner Teil ging als Nordeck Holding an die Söhne der verstorbenen Schwester Andrea Bettina von Nordeck, geborene Bahlsen.
Wem gehört die Firma Bahlsen heute?
Bahlsen ist weiterhin fest in Familienhand: Verena Bahlsen, ihre Geschwister Julia, Andreas und Johannes sowie Vater Werner Bahlsen halten zusammen 95 Prozent der Unternehmensanteile. Wie groß ihr Vermögen ist, ist nicht bekannt. Die Familie Bahlsen taucht aber nicht in der Milliardärsliste des "Forbes"-Magazins auf.
Seit 2023 wird Bahlsen erstmals in der Unternehmensgeschichte vollständig von einem externen Manager geführt: CEO Alexander Kühnen, der nicht aus der Familie stammt. Bereits 2018 wechselte Werner Bahlsen aus der Geschäftsführung in den Verwaltungsrat der Bahlsen Gruppe. 2022 war seine Tochter Verena Bahlsen kurzzeitig ein Teil des damaligen Management-Teams.
Die Familienmitglieder arbeiten heute vor allem im Verwaltungsrat oder in Tochtergesellschaften, während die operative Steuerung vollständig beim Managementteam liegt.
FAQ: Bahlsen
Bahlsen ist ein deutsches Familienunternehmen, das vollständig der Eigentümerfamilie gehört. Knapp 95 Prozent der Anteile sind im Besitz von Werner Michael Bahlsen und seinen Kindern Verena, Julia, Andreas und Johannes Bahlsen.
Früher stellte die Firma Bahlsen süße und salzige Snacks her, also etwa Kekse, Waffeln, Salzstangen und Chips. Doch 1999 wurde das Unternehmen nach einem Familienstreit aufgeteilt. Die salzige Snack-Sparte ging an Lorenz Bahlsen. Sie hieß zuerst Lorenz Bahlsen Snack-World, seit Ende 2025 Lorenz Snacks. Die süße Kekssparte und die Marke Bahlsen bestehen weiterhin, diese übernahm sein Bruder Werner Michael Bahlsen.
Der Hauptsitz von Bahlsen befindet sich im niedersächsischen Hannover. Die Firma produziert ihre Backwaren in mehreren deutschen Werken: Barsinghausen bei Hannover, Varel in Friesland und Berlin. Dazu kommen zwei polnische Standorte.
Verwendete Quellen:
Lorenz Snacks: "Unser Unternehmen während der NS-Zeit"
NDR.de: Hermann Bahlsen: "Mit Keksen auf den Weltmarkt"
Business Insider: "Nach dem Abgang von Verena Bahlsen: Darum wird auch keines ihrer drei Geschwister in dem Keks-Konzern aufsteigen"
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