Ankerkraut-Gründer sprechen erstmals über Nestlé-Rückkauf
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von Joachim VonderthannAnne und Stefan Lemcke, die Gründer des Hamburger Gewürzhändlers Ankerkraut, äußern sich erstmals zu den Beweggründen des Rückkaufs ihrer Unternehmensanteile von Nestlé.
Bild: Nela König/Ankerkraut/dpa
Die Gründer:innen von Ankerkraut, Anne und Stefan Lemcke, haben ihr Gewürzunternehmen nach nur vier Jahren vom Lebensmittelriesen Nestlé zurückgekauft. Im Gespräch mit dem "Hamburger Abendblatt" sprechen sie erstmals über den Neustart.
Das Wichtigste in Kürze
Die Ankerkraut-Gründer:innen Anne und Stefan Lemcke haben ihre Marke nach Verlustjahren vom Konzern Nestlé zurückgekauft
Jetzt haben sie sich im "Hamburger Abendblatt" erstmals über ihre Beweggründe geäußert.
Sie räumen Fehler ein und stehen bei Neustart vor großen Herausforderungen.
Vor einem Monat sorgte diese Unternehmensmeldung für Aufsehen: Das durch die Sendung "Die Höhle der Löwen" bekanntgewordene Hamburger Gewürzunternehmen Ankerkraut verlässt Nestlé und geht wieder eigene Wege. Nach vier Jahren unter dem Dach des weltgrößten Lebensmittelkonzerns kauften die Unternehmensgründer Anne und
Stefan Lemcke ihre Unternehmensanteile zurück.
"Es gab nicht diesen einen Moment. Es war ein Prozess“, sagt Anne Lemcke jetzt im Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" über den Rückkauf. Doch ausschlaggebend war ein Tag im Sommer 2023, an dem Stefan Lemcke einem Manager von Nestlé am Telefon sagte: "Wenn ihr Ankerkraut wieder loswerden wollt, bietet es uns doch an." Geplant war dieser Satz nach eigener Aussage nicht – er war Ausdruck wachsender Unzufriedenheit mit den Plänen, die Nestlé für die Marke hatte.
Die Lemckes, die weiterhin als Minderheitsgesellschafter:innen beteiligt waren, verfolgten die Entwicklung von Ankerkraut nach dem Verkauf aufmerksam. Die Zahlen bereiteten Sorgen: Die Konsumflaute traf das Unternehmen, die Gewinne brachen ein. Seit dem Geschäftsjahr 2022 schrieb Ankerkraut laut "Hamburger Abendblatt" jährlich Verluste von mehr als einer Million Euro. Es ging dem Bericht zufolge um die Zukunft der Gewürzmarke.
Ankerkraut-Rückkauf nach Verlustjahren - über den Preis wird geschwiegen
Im Februar kam die Wende. "Als Nestlé bei uns anrief, kamen die Tränen. Erst stieg die Angst hoch, dann das Glück. Es war ein Wechselbad der Gefühle", erinnert sich Stefan Lemcke im Interview. Einen Monat später saßen die Beteiligten beim Notartermin. Über den Kaufpreis dürfen die Gründer:innen nicht sprechen, das ist vertraglich geregelt. Klar ist laut Bericht aber: Ankerkraut ging wohl günstiger zurück an die Lemckes, als es vier Jahre zuvor den Besitzer gewechselt hatte – damals war von einem dreistelligen Millionenbetrag die Rede, der jedoch nie bestätigt wurde.
Überraschend: Anne und Stefan Lemcke sind nicht mehr alleinige Eigentümer:innen. "Wir haben ein Drittel am Unternehmen", sagt Anne Lemcke. Je ein weiteres Drittel gehört den langjährigen Geschäftsführer:innen Timo Haas und Alexander Schwoch. "Wir wollten uns dafür bedanken, dass sie Ankerkraut durch alle Phasen der Entwicklung mit viel Durchhaltevermögen begleitet haben", so das Ehepaar. Erstmals seit dem Einstieg von Investor Frank Thelen bei "Die Höhle der Löwen" 2016 ist Ankerkraut damit wieder frei von externem Kapital.
"Wir haben gemerkt, dass wir einen Fehler gemacht haben."
Die Geschichte von Ankerkraut begann 2013 in einer Garage in Hamburg-Wilhelmsburg. Damals waren Gewürze noch kein Lifestyle-Produkt. Spätestens mit dem Auftritt bei "Die Höhle der Löwen" 2016 und dem Deal mit Thelen wurden die Lemckes bundesweit bekannt. Mit viel Einsatz wuchs Ankerkraut zum mittelständischen Unternehmen mit 230 Beschäftigten und rund 50 Millionen Euro Umsatz.
Nach einem persönlichen Schicksalsschlag verkauften die Gründer:innen 2020 weitere Anteile. Im Sommer 2022 folgte dann der Einstieg von Nestlé. Den massiven Shitstorm vieler Kund:innen, die Nestlé kritisch sehen, hatten sie nach eigenen Angaben nicht erwartet. Egal ob Twitter, wie X damals noch hieß, Facebook oder Instagram - auf allen Kanälen lehnte eine große Mehrheit der Nutzer den Deal ab. Viele warfen Anne und Stefan Lemcke vor, ihre Werte verraten zu haben. Auch Influencer wandten sich von dem Unternehmen ab.
Vier Jahre später schreiben sie in einem Instagram-Post zum Rückkauf: "Wir haben gemerkt, dass wir einen Fehler gemacht haben." Gemeint sei weniger der Verkauf an sich – von Nestlé hatten sie sich den internationalen Ausbau der Marke erhofft – als vielmehr "die Kommunikation". "Mit dem Wissen, das wir heute haben, würden wir es nicht wieder machen", zitierte das "Hamburger Abendblatt" das Paar.
Ankerkraut-Paar kehrt nach Hamburg zurück - Firma muss sparen
Letztlich waren die Unterschiede zwischen einem Weltkonzern und einer Spezialmanufaktur zu groß. Das ist, als wenn man ein Kreuzfahrtschiff und ein Speedboat zusammenbringt“, beschreibt Anne Lemcke die Konstellation. Der Neustart als unabhängiges Unternehmen ist dennoch riskant. Verbraucher:innen sind nicht mehr ohne weiteres bereit, für eine Gewürzmischung 5,99 Euro zu zahlen. Zusätzlich litt zudem das Image: Eine Kräutermischung fiel bei Öko-Test durch, kurz darauf musste eine andere Produktgruppe zurückgerufen werden.
Die Lemckes leben derzeit mit ihren beiden Kindern auf Mallorca, planen jedoch die Rückkehr nach Deutschland. Ein Besuch von Anne Lemcke bei Ankerkraut in Hamburg, begleitet von einem Instagram-Post, fühlte sich für sie an "wie nach Hause kommen", berichtet sie dem "Hamburger Abendblatt". Künftig wollen die Gründer:innen vor allem als Gesichter der Marke auftreten, Impulse für neue Produkte geben und Kooperationen anstoßen.
Das operative Geschäft mit aktuell rund 160 Beschäftigten verantworten weiter Alexander Schwoch und Timo Haas – nun als gleichberechtigte Gesellschafter. Sie sollen vor allem die Kosten reduzieren. Bei den Filialen wurde bereits angesetzt: Geöffnet sind nur noch die Läden in Hamburg und Bochum. Den Vorwurf, sie würden sich vor der Verantwortung drücken, weisen die Lemckes zurück: "Nein, das haben wir noch nie gemacht", sagen sie. "Wir sind in der strategischen Steuerung."
Auch in den News:
Verwendete Quellen:
Hamburger Abendblatt: "Ankerkraut-Gründer über Nestlé-Deal: "Erst stieg die Angst hoch, dann das Glück"
Nachrichtenagentur dpa
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