Von 2016 bis heute

Von May bis Starmer: Eine Dekade, fünf britische Premierminister, unzählige Niederlagen

Veröffentlicht:

von Marie-Finn Bruker

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Briten-Premier Starmer zieht Reißleine

Videoclip • 03:07 Min • Ab 12


Schon wieder tritt ein britisches Staatsoberhaupt zurück – Keir Starmer ist der fünfte Premier der letzten Dekade, der sein Amt unter Druck und Tränen niederlegt. Für alle, die bei dem großen Verschleiß den Überblick verloren haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • In den letzten zehn Jahren verzeichnet Großbritannien einen auffällig häufigen Wechsel seiner Staatsoberhäupter.

  • Nach dem angekündigten Rücktritt des aktuellen Premierministers Keir Starmer wird nach ihm der bereits sechste Staatschef seit 2016 ins Amt treten.

  • Die Ära der Premierminister:innen seit dem Brexit-Referendum ist gezeichnet von Niederlagen, Misstrauensvoten und Skandalen.

In der Downing Street 10 wechseln die britischen Premierminister:innen wohl öfter als das Wetter in London – nach nicht einmal zwei Jahren im Amt hängte jetzt auch der aktuelle, jetzt Ex-Chef Großbritanniens seinen Job an den Nagel. Damit ist Keir Starmer bereits der fünfte in einer Reihe von Premiers innerhlab von zehn Jahren. Keiner von ihnen blieb lange.

Auch in den News:

Theresa May und der Kampf um den Brexit-Deal

Wenn man die zwölfjährige Theresa May gefragt hätte, was sie später mal werden will, hätte sie wohl schon 1968 mit "Politikerin" geantwortet, wie der Deutschlandfunk berichtet.

Tatsächlich hat May erst im Alter von 40 Jahren ihren ersten Posten als Abgeordnete im Unterhaus, der zweiten Kammer des Parlaments in Großbritannien, ergattert. Später wird sie Innenministerin, bevor sie am 13. Juni 2016 als frisch gebackene Premierministerin ihre Antrittsrede hält. Sie ist die Nachfolgerin von David Cameron, dessen Brexit-Referendum ihm letztendlich das Amt gekostet haben soll.

Der Sommer vor zehn Jahren war eine brisante Zeit auf der britischen Insel. Das Land war politisch geteilt: Während die einen Druck auf einen schnellen "Exit" Großbritanniens ausübten, beharrten die "Remainer" auf dem Bleiben in der Europäischen Union (EU) – so auch May vor ihrer Wahl zur Premierministerin: "Ich glaube, dass wir in der EU bleiben sollten. Das macht uns sicherer, und es macht uns wohlhabender. Und es macht uns einflussreicher, weit über unsere Grenzen hinaus", heißt es im Bericht von Deutschlandfunk.

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Bild: imago images / i Images


Dann die Kehrtwende. Denn als Premierministerin fährt May einen neuen Kurs. "Brexit heißt Brexit. Das Land hat dafür gestimmt, die EU zu verlassen, und es ist die Pflicht von Regierung und Parlament, genau das zu tun."

Doch so einfach war die Sache nicht. Bereits ein gutes Jahr später hat sich abgezeichnet, dass der Brexit länger als erhofft dauert und zu einer milliardenteuren Entscheidung werden sollte. Auch bei Theresa May ist die Luft raus: Die Premierministerin sei vermehrt fast schon roboterhaft und mit hölzerner Stimme aufgetreten, Medien spotteten über sie als "Maybot".

Dreimal wurde Mays Brexit-Vertrag abgelehnt, zweimal unterzog sie sich einem Misstrauensvotum – und regierte weiter. Knapp drei Jahre nach ihrer Wahl zur Premierministerin kündigt Theresa May unter Tränen ihren Rücktritt an, bevor sie ihren Platz am 24. Juli 2019 für den Nachfolger Boris Johnson räumt.

Aus "Maybot" wird "Clown" – die Skandale um Boris Johnson

Boris Johnson heißt eigentlich Alexander, genauer gesagt, Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Der konservative Politiker wird erst Bürgermeister von London, später Außenminister. Schon zu dieser Zeit soll er zu den sogenannten Brexit-"Hardlinern" gehört und einen klaren Bruch mit der EU befürwortet haben. 2019 wird er, mitten im Brexit-Chaos, zum Premierminister ernannt.

Nach monatelangen Verhandlungen schaffte Johnson im Dezember 2020 das einst scheinbar Unmögliche: Er unterzeichnet den Brexit-Deal – Großbritannien verlässt nach fast 47 Jahren die Europäische Union.

Sein Vorhaben soll der neue Premier mit viel Nachdruck durchgeboxt haben, wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet. Er sei bereit gewesen, den umstrittenen Deal auch ohne Abkommen mit der EU durchzusetzen.

Doch der Brexit-Deal bleibt nicht die einzige Tat, mit der Johnson für Schlagzeilen sorgt. So wurde der Ex-Premierminister mit seinen zahlreichen feuchtfröhlichen Feiern während der Corona-Pandemie als Party-Löwe bekannt. Wegen seiner eigenen Geburtstagsfeier musste Johnson sogar eine Geldstrafe bezahlen und sei "T-Online" zufolge damit der erste in seinem Amt, der erwiesenermaßen das Gesetz gebrochen habe. All die wilden Geschichten machten Johnson zum medialen "Clown".

Im Sommer 2022 eskalierte die Lage durch einen Skandal um Johnsons Parteikollegen Chris Pincher, den Johnson in ein wichtiges Fraktionsamt gehoben hatte – wohl in dem Wissen über die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Pincher, die erst später öffentlich wurden. Daraufhin riefen mehrere seiner Kolleg:innen den Premierminister zum Rücktritt auf. Johnson lehnte ab, überstand ein Misstrauensvotum seiner Fraktion, bevor er am 7. Juli 2022, knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt, seinen Rückzug bekannt gab,

Liz Truss bricht Rekorde als kürzeste Premierministerin

Johnsons Nachfolgerin schaffte es nicht einmal auf 50 Tage im Amt. Dem "Handelsblatt" zufolge sei es die kürzeste Zeit im Regierungsposten, die es in Großbritannien je gegeben habe.

Als Chefin der Konservativen Partei wird Liz Truss am 5. September 2022 zur Premierministerin gewählt. Innerhalb der ersten zwei Tage im Amt wird Truss' Zeit vom Tod der Queen am 8. September überschattet – ein Omen für das wirtschaftliche Fiasko, was daraufhin folgte.

Gemeinsam mit ihrem Finanzminister Kwasi Kwarteng kündigte die neue, nun bereits dritte Premierministerin der letzten Dekade weitreichende Steuererleichterungen ohne Gegenfinanzierung an. Die Märkte brachen ein, und noch in derselben Woche verlor Truss zwei ihrer wichtigsten Minister.

Als Premierministerin blieb Liz Truss nicht einmal 50 Tage im Amt.

Bild: IMAGO/i Images


Liz Truss habe "ein Loch in die britischen Staatsfinanzen" gerissen und "jeden einzelnen Arbeitnehmer dafür bezahlen" lassen, wütete Wirtschaftsminister Peter Kyle über seine Chefin.

Am 20. Oktober 2022 war Truss genau 45 Tage im Amt, als sie ihren Rücktritt ankündigte: Sie könne unter den aktuellen Bedingungen ihre Vision des radikalen Wirtschaftswachstums nicht mehr umsetzen. Zu diesem Zeitpunkt hatten Umfragen zufolge ganze 80 Prozent der Brit:innen eine negative Meinung zu der Staatschefin. Damit ist Truss ein weiterer Teil der Reihe ihrer bereits gescheiterten Vorgänger.

Rishi Sunak liebt Cola, ist jung – und reich

Rishi Sunak ist mit 42 Jahren der jüngste Premierminister seit 200 Jahren, als er am 25. Oktober 2022 seinen Posten antritt. Wie man es von jungen Leuten erwartet, hat der neue Regierungschef eine Schwäche für Cola – und Geldverdienen. Auch aufgrund seines Reichtums geht Sunak in die Geschichte britischer Abgeordneter ein. Als vierter Premier innerhalb von sechs Jahren stellt sich die große Frage: Kann er die Ära der gescheiterten Premiers beenden?

Sunak steht vor großen Herausforderungen im Land. Zuerst machte er sich zum Ziel, Migrant:innen von der Überfahrt über den Ärmelkanal nach Großbritannien abzuhalten, allerdings vergeblich. Schon hier lag seine Conservative Party in Umfragen hinter der Labour-Partei.

Bei den Parlamentswahlen am Anfang Juli 2024 kam es noch härter: Die Konservativen unter Sunak erlitten eine historische Niederlage mit 120 von 650 Mandaten. Der Paukenschlag für Sunak: Auch er tritt daraufhin zurück. Bei seinem Abschied richtet er sich an seine Wähler:innen: Er entschuldige sich und wolle Verantwortung für seine Niederlage übernehmen.

Versuch's mal weniger konservativ: Keir Starmer

Mit Keir Starmer küren die Brit:innen den ersten Labour-Premierminister nach 14 Jahren konservativer Regierung. Vielleicht bringt der Fünfte im Bunde innerhalb der letzten zehn Jahre endlich Aufschwung in die Downing Street Nummer 10, den offiziellen Amts- und Wohnsitz des jeweiligen britischen Regierungschefs.

Der ehemalige Menschenrechtsanwalt trägt sogar ein Adelsprädikat: "Sir" Starmer wird aufgrund seiner Verdienste um das Justizsystem mit dem ritterlichen Ehrentitel betraut. Doch weder das Sir-Sein noch der deutliche Sieg seiner Partei bei seiner Wahl sollte dem heute 63-Jährigen helfen.

Etliche von Starmers Gesetzesvorhaben scheiterten an Widerstand – und das aus den eigenen Reihen. Auch seine Regierung durchlebte Monate von Krisen und miserablen Umfragewerten. Mehrere Minister:innen kehrten ihrem Chef den Rücken, über 100 seiner Labour-Kolleg:innen forderten den Rücktritt.

2025 ernannte Starmer Peter Mandelson als engen Freund des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein zum britischen Botschafter in den USA, was dem Premier ebenfalls so gar nicht zugute kam.

Am Montag (22. Juni) erklärte das Staatsoberhaupt schließlich mit brüchiger Stimme seinen Rücktritt: "Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es darum, das Land, das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen." Starmer wird bis zur Wahl eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin im Amt bleiben.

Nach dieser Chaos-Dekade mögen sich so manche fragen, wer das gezeichnete Amt des britischen Premiers in Zukunft übernehmen will. Ein Mann gilt als aktueller Favorit: Andy Burnham, aus dem moderat-linken Spektrum der Labour-Partei. Ob Burnham die drei Jahre seiner Vorgänger:innen knackt, bleibt ungewiss.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

Deutschlandfunk: "Die Chronik eines Scheiterns"

Deutschlandfunk: "Last Woman Standing"

Spiegel: "Premierministerin von Brexits Gnaden"

T-Online: "Ein Jahr nach ihrem Rücktritt: Was macht eigentlich Theresa May?"

T-Online: "Boris Johnson: Vom Aufstieg bis zum Fall"

T-Online: "Ein Mann steht schon bereit"

The Guardian: "The making of the Maybot: a year of mindless slogans, U-turns and denials"

Frankfurter Rundschau: "Boris Johnson: "Ich werde König der Welt" – Aufstieg und Fall des ehemaligen britischen Premierministers"

Die Presse. "45 turbulente Tage: Chronologie der Amtszeit von Liz Truss"

Handelsblatt: "Die Chronik eines Machtverfalls"

Rheinische Post: "Sir oder Dame: Von der Queen geadelt"

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