Kommentar

Meme statt Klartext zu Antisemitismus? Interview von Linken-Kandidatin steht sinnbildlich für ihre Partei

Aktualisiert:

von Christopher Schmitt

:newstime

Wahlsieg für CDU in Rheinland-Pfalz (23. März)

Videoclip • 01:32 Min • Ab 12


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Fatales Signal: Die rheinland-pfälzische Spitzenkandidatin der Linken nutzt ein Interview für die Imitation eines Internet-Memes – nach einer Frage zur Antisemitismus-Debatte. Ein Kommentar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach den Hochrechnungen zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz nutzte Linken-Spitzenkandidatin Rebecca Ruppert ein Interview zur Imitation eines Internet-Hits.

  • Das Problem: Eine Nachfrage zur Antisemitismus-Debatte innerhalb der Partei ist der denkbar schlechteste Anlass, ein Meme nachzustellen.

  • Ruppert stellte zur Schau, dass sie sich der Brisanz des Themas nicht bewusst ist, dafür ein Erfolgsrezept ihrer Partei verinnerlicht hat.

Die Linke hat ein Antisemitismus-Problem – und offenbar ist sich die rheinland-pfälzische Spitzenkandidatin Rebecca Ruppert der Ernsthaftigkeit dieses Umstands nicht bewusst. Ein Kommentar von Christopher Schmitt.

Nie holte die Linke ein besseres Ergebnis in Rheinland-Pfalz als bei den Wahlen am vergangenen Sonntag (22. März), allerdings reichten die 4,4 Prozent nicht für den Einzug in den Mainzer Landtag.

Als Ruppert im ARD-Interview gefragt wurde, ob die Antisemitismus-Debatte innerhalb ihrer Partei sie auf den letzten Metern noch Stimmen gekostet habe, antwortete sie zunächst mit: "Hilfreich war’s sicher nicht" – und zitierte dann ein populäres Internet-Meme.

"Aber, ja, kann man sich hinterher immer fragen, woran‘s gelegen hat. Ich mein, woran hat’s gelegen? Fragt man sich hinterher immer, woran’s gelegen hat", druckste Ruppert vermeintlich um eine klare Aussage herum, warum es schließlich nicht gereicht hat.

Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Hommage an Torsten Knippertz, Schauspieler, Moderator und Stadionsprecher von Borussia Mönchengladbach. Sein Interview am Spielfeldrand in der Rolle eines verschwitzten Fußballspielers, der einfach nicht zum Punkt kommt, wurde zum Internet-Hit.

Politiker fühlen sich wie am Spielfeldrand

Offenbar wurde Rebecca Ruppert von einer naheliegenden Sport-Analogie zu ihrer Meme-Imitation inspiriert. Denn sicher, eine fundierte Analyse unmittelbar nach einer ernüchternden Hochrechnung abzugeben, ist ähnlich undankbar, wie sich nach einem verlorenen Fußballspiel den ewig gleichen Reporterfragen zu stellen: "Geben Sie ihrem Nebenmann eine Mitschuld an dem Gegentor?", "Erreicht der Trainer noch die Mannschaft?" und natürlich: "Woran hat es gelegen?"

Um diese Fragen nicht wahrheitsgemäß beantworten zu müssen, erhalten Profi-Fußballer in der Regel Medientraining – ebenso wie Berufspolitiker:innen. Um Geschlossenheit zu demonstrieren, vermeidet der geschulte Kicker in diesem Fall Schuldzuweisungen.

Anstatt den innerparteilichen Antisemitismus mit Blick Richtung Niedersachsen klar zu benennen und zu verurteilen, wird die Debatte darum mit "hilfreich war’s sicher nicht" abmoderiert: Meme statt Klartext. Schließlich wird auch am Spielfeldrand die Einheit der Mannschaft in schwierigen Phasen demonstriert. Da präsentiert man sich als "ein Team und kommt da nur gemeinsam raus".

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Hauptsache Klicks generieren?

Vielleicht wollte Ruppert den Journalist:innen also einfach den Spiegel vorhalten. Ihr Meme-Interview hat jedoch neben der haarsträubenden Kommunikation zu einem sensiblen Thema noch eine zweite Ebene. Wie keine andere Partei, abgesehen von der AfD, versteht es die Linke, insbesondere im Bundestag, knackige Statements auf Social Media zu verwerten. Unter anderem aufgrund dieser Reichweite ist die Partei bei jungen Menschen so beliebt.

In Rheinland-Pfalz holte sie 16 Prozent der Stimmen bei den unter 25-Jährigen. Auch die "Woran hat es gelegen"-Imitation machte in den sozialen Medien die Runde, brachte Klicks und Aufmerksamkeit. Dass für die höchstwahrscheinlich nicht spontan entstandene Idee ausgerechnet eine Frage zum Thema Antisemitismus herhalten musste, lässt Fragen nach der Glaubwürdigkeit im Umgang mit dem heißen Eisen aufkommen.

Auch in den News:

Besser spät als nie? Parteivorstand reagiert

Denn weiter kleben die Vorwürfe, die am Selbstbild der Linken kratzen, an der Bundespartei. Dabei versuchten die Vorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken lange, die sich immer wieder am Nahostkonflikt entflammende Debatte kleinzuhalten. Nachdem Schwerdtner vor kurzem bei Markus Lanz noch der Antisemitismus-Begriff in Bezug auf den Landtags-Beschluss aus Niedersachsen zur Ablehnung des "real existierenden Zionismus" nicht über die Lippen kam, hat der geschäftsführende Vorstand nun einen klarer formulierten Antrag für den Bundesparteitag im Juni verabschiedet.

"Die Linke stellt sich gegen jede Form von Antisemitismus", zitiert die "Tagesschau" aus dem ihr vorliegenden Papier – das würde Israel-bezogenen Antisemitismus einschließen. Eine vermeintliche Selbstverständlichkeit für eine progressive Partei, wenn man weiter an emanzipatorischen Werten festhalten möchte. Die Kritik an denjenigen, die das Problem ansprechen – etwa Gregor Gysi oder Bodo Ramelow – zeigt jedoch, dass einige in der Partei das anders sehen. Gut möglich, dass der Antrag bei den sich als "antizionistisch" verstehenden Teilen der Partei für Zündstoff sorgen könnte. Und beim nächsten Streit fragt man sich wieder, woran es gelegen hat.


Verwendete Quellen:

Spiegel: "'Woran hat’s gelegen?' Linken-Spitzenkandidatin klingt auffällig nach Internethit"

tagesschau: "Linke will gegen Antisemitismus in der Partei vorgehen"

Nachrichtenagentur dpa

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