Markus Lanz
"Kollektive Erinnerung an die Härten": Ex-Ministerpräsidentin Marin erklärt Verteidigungsbereitschaft Finnlands
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Sanna Marin
Bild: Ex-Ministerpräsidentin Marin zu Gast bei Markus Lanz
Finnlands frühere Ministerpräsidentin Sanna Marin erklärte bei "Markus Lanz", warum ihr Land heute so konsequent auf Sicherheit setzt und weshalb viele Menschen bereit sind, im Ernstfall Verantwortung zu übernehmen. Daraufhin debattierte die Runde auch über die Lehren für Europa.
Das Wichtigste in Kürze
Sanna Marin betont Finnlands klare Ausrichtung auf Sicherheit und Eigenverantwortung der Bevölkerung.
Expertinnen warnen: Moderne Kriege zeigen Schwächen klassischer Verteidigung, Europa hat wenig Zeit.
Finnland gilt als Vorbild für Resilienz durch Vorbereitung, Reserven und gesellschaftliches Sicherheitsbewusstsein.
Der Ukraine-Krieg zieht sich weiter hin, doch ausgerechnet das angegriffene Land liefert inzwischen Know-how im Bereich der Drohnenabwehrsysteme, das auch im Nahost-Konflikt gefragt ist. Für Militärexpertin Claudia Major ein Hinweis darauf, wie sehr moderne Konflikte klassische Verteidigung herausfordern.
Bei "Markus Lanz" sagte sie am Donnerstagabend: "Was der Irankrieg zeigt, ist die enorme Verwundbarkeit von den traditionellen militärischen Ausrüstungen, unsere industrielle Langsamkeit, Abhängigkeit." Politologin Florence Gaub leitete daraus den Blick nach Deutschland ab.
Sie betonte, dass derzeit mit Tempo an der "Verteidigungsreform in Deutschland" gearbeitet werde. Gleichzeitig warnte sie, dass Europa nicht ewig Zeit habe. Gaub formulierte es drastisch: "Wir haben ein Verwundbarkeitsfenster, was ganz ehrlich von der Ukraine für uns noch so weit es geht zugemacht wird. (...) Weil solange Russland in der Ukraine gebunden ist, hat es nicht die Kapazitäten, uns so anzugreifen, wie es die Ukraine angegriffen hat. Sobald der Krieg vorbei ist, haben wir ein Problem."
Ex-Ministerpräsidentin Sanna Marin: "Wir haben Land und Leben verloren"
Für Lanz war das der Punkt, an dem die Frage unausweichlich wurde: Wie realistisch wäre ein russischer Angriff auf Europa? Claudia Major antwortete ohne Umschweife: "Russland agiert imperial, das heißt, die wollen ihren Machtbereich ausweiten und sie agieren revisionistisch, also sie wollen Regeln verändern."
Im Anschluss lenkte Lanz den Fokus auf Finnland - ein Land, das in Europa oft als Beispiel dafür gilt, wie man sich auf Krisen vorbereitet. Major erklärte, dass Resilienz dort nicht als Schlagwort verstanden werde, sondern als Prinzip im Alltag: "Es gibt eine gute Ausstattung mit Bunkern. Die Streitkräfte haben einen sehr starken Reservepool. Bei den einfachsten Sachen wird diese Resilienz, also diese Widerstandsfähigkeit, schon mitgedacht."
Entscheidend sei aber auch die Mentalität, die dahinterstehe: In Finnland gebe es "dieses Bewusstsein: im Endeffekt sind wir für unsere Sicherheit selbst verantwortlich", so Major. Ex-Ministerpräsidentin Sanna Marin verwies auf die Erfahrungen, die das Land bis heute prägen: "Wir haben noch die kollektive Erinnerung an die Härten, die wir durchgemacht haben, aufgrund der Kriege gegen die Sowjetunion. Wir haben Land und Leben verloren und es gibt sehr viele traurige Geschichten in jeder finnischen Familie." Deswegen sei die Bereitschaft, "dem Land zu dienen und das Land zu verteidigen, sehr groß."
Sanna Marin beklagt fehlende Unterstützung der Ukraine
Marin machte zugleich deutlich, dass Abschottung keine Lösung sei. Finnland sei "nicht sicher", erst recht nicht "ohne den Rest von Europa". Entsprechend wichtig seien die NATO und die weitere Unterstützung der Ukraine. Denn aus Sicht der Ex-Ministerpräsidentin kämpfe das Land am Ende nicht nur für sich selbst, sondern "für ganz Europa".
Die heutige Strategieberaterin äußerte deshalb die scharfe Kritik: "Europa hat keine Vision, wohin dieser Krieg führen soll, wo er endet." Ihre Forderung: "Es ist wichtig, der Wahrheit des Krieges ins Gesicht zu schauen und der Ukraine genau das zu geben, was sie verzweifelt braucht. (...) Wir können etwas tun. Wir müssen nicht nur dasitzen und warten."
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