Lula und Bolsonaro-Sohn in der Präsidentschaftswahl

Brasilien vor der Richtungswahl: Warum das Ergebnis uns alle betrifft

Veröffentlicht:

von Deborah Ferreira Rebel

:newstime

Spannende Stichwahl in Brasilien (5. Oktober)

Videoclip • 29 Sek • Ab 12


Am Sonntag entscheidet Brasilien in einer extrem knappen Stichwahl zwischen Lula und Flávio Bolsonaro über seinen politischen Kurs – mit Folgen weit über die Landesgrenzen hinaus.

Das Wichtigste in Kürze

  • Lula und Flávio Bolsonaro stehen für sehr unterschiedliche politische und außenpolitische Richtungen.

  • Ein Wahlsieg Bolsonaros könnte den Rechtsruck in Lateinamerika verstärken und Brasilien näher an die USA rücken.

  • Auch für Deutschland und Europa ist die Wahl relevant - wegen Handel, Rohstoffen, Großmächten, Big Tech und der Frage nach strategischer Eigenständigkeit.

Am Sonntag (25. Oktober) wählen die Brasilianer:innen einen neuen Präsidenten. Selten war eine Stichwahl so offen: In aktuellen Umfragen liegen Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro praktisch gleichauf. Es ist die erste Wahl, seit ich wählen darf, bei der ich wirklich nicht sagen kann, wie sie ausgehen wird.

Politische Polarisierung gehört in Brasilien seit Jahren zu jeder Wahl: auf der Straße, in sozialen Netzwerken und am Mittagstisch. Lange hielt ich das für ein sehr brasilianisches Phänomen. Seit ich zum Studium nach Deutschland gezogen bin, erkenne ich viele dieser Konflikte aber auch hier wieder, in anderer Form, aber mit ähnlichen Fragen.

Denn bei dieser Wahl treffen Themen aufeinander, die auch Deutschland und Europa beschäftigen: Donald Trumps Außenpolitik, der Umgang mit China, die Macht amerikanischer Tech-Konzerne, strategische Rohstoffe und die Frage nach wirtschaftlicher und politischer Souveränität. Was in Brasilien entschieden wird, betrifft auch uns.

Zwei Kandidaten, zwei politische Richtungen

Beide Kandidaten tragen Namen, die die brasilianische Politik seit Jahren prägen. Politisch könnten sie jedoch kaum unterschiedlicher sein. Gerade dieser Gegensatz macht die Wahl besonders polarisiert.

Lula begrüßt Wähler:innen während des Wahlkampfs 2026.

Bild: IMAGO/Fotoarena


Lula: vom Metallarbeiter zum langjährigen Präsidenten

Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva strebt eine vierte, nicht zusammenhängende Amtszeit an. Der Sohn einer armen Familie aus dem Nordosten Brasiliens arbeitete zunächst als Metallarbeiter, engagierte sich in der Gewerkschaftsbewegung und fand darüber seinen Weg in die Politik. Seit 2002 wurde er dreimal zum Präsidenten gewählt, aktuell regiert er seit 2023.

Lulas Regierungen stehen vor allem für eine starke Sozialpolitik. Staatliche Transferprogramme für einkommensschwache Familien, reale Erhöhungen des Mindestlohns und Investitionen in den Bildungszugang trugen dazu bei, Armut und Hunger deutlich zu reduzieren. Brasilien verließ 2014 erstmals die sogenannte Hungerkarte der Vereinten Nationen und 2025 erneut. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei 5,3 Prozent, dem niedrigsten Wert für diesen Zeitraum seit Beginn der aktuellen Statistik. Diese Bilanz macht Lula insbesondere bei einkommensschwächeren und älteren Wähler:innen bis heute sehr populär.

Gleichzeitig bleibt Lula eine polarisierende Figur. Während seiner politischen Karriere gerieten seine Partei und sein Umfeld immer wieder in Korruptionsskandale. Lula selbst wurde wegen Korruption verurteilt und 2018 inhaftiert. Nach 580 Tagen kam er 2019 frei. 2021 hob das Oberste Gericht seine Verurteilungen auf, weil das Gericht in Curitiba für die Verfahren nicht zuständig gewesen war.

Besonders brisant: Der damalige Richter, der Lula verurteilte, wurde nach Jair Bolsonaros Wahlsieg 2018 dessen Justizminister. Später stellte der UN-Menschenrechtsausschuss Verstöße gegen Lulas Recht auf ein unabhängiges und unparteiisches Verfahren fest. Trotzdem prägen die damaligen Vorwürfe sein öffentliches Bild bis heute stark.

Dass ein Politiker, der Brasilien über Jahrzehnte geprägt hat, die Gesellschaft spaltet, ist kaum überraschend. Bei Lula sind die Gefühle jedoch besonders ausgeprägt: Viele verehren ihn, andere können ihn kaum ausstehen.

Auch in den News:

Flávio Bolsonaro spricht vor Wähler:innen während seiner Wahlkampagne.

Bild: IMAGO/Sports Press Photo


Flávio Bolsonaro: der Erbe des Bolsonarismus

Über Flávio Bolsonaro ist in Deutschland deutlich weniger bekannt – außer seinem Nachnamen. Er ist der älteste Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro und blickt selbst auf eine lange politische Karriere als Abgeordneter und Senator zurück. Politisch gilt er als Erbe des Bolsonarismus.

Flávio Bolsonaro versucht, sich moderater zu präsentieren als sein Vater, übernimmt aber viele Grundzüge seiner Politik: gesellschaftlichen und christlichen Konservatismus, eine marktwirtschaftliche Wirtschaftspolitik, Steuersenkungen, eine liberale Waffenpolitik, einen harten Sparkurs und eine besonders ausgeprägte Anti-Links-Rhetorik. Anders als Lula war Flávio bislang nie Präsident, weshalb es eine vergleichbare Regierungsbilanz bei ihm nicht gibt; dennoch hoffen seine Wähler:innen auf einen neuen politischen Kurs für das Land.

Auch die Familie Bolsonaro ist trotz ihres langjährigen Anti-Korruptions-Diskurses nicht frei von Kontroversen. Jair Bolsonaro verbüßt derzeit eine 27-jährige Haftstrafe wegen eines Putschplans nach seiner Wahlniederlage 2022 – ein brasilianisches Pendant zum "Sturm aufs Kapitol" in den USA. Brasiliens Oberstes Gericht sah es als erwiesen an, dass Bolsonaro versucht hatte, die demokratische Machtübergabe an Lula zu verhindern. Im Wahlkampf hat Flávio zudem angekündigt, sich im Falle eines Sieges für eine Amnestie seines Vaters einzusetzen.

Auch Flávio selbst war mehrfach Gegenstand von Ermittlungen und Korruptionsvorwürfen. Besonders bekannt wurde der Verdacht, Mitarbeitergehälter in seinem damaligen Abgeordnetenbüro teilweise zurückgefordert und umgeleitet zu haben. Die damalige Anklage wurde nach der Annullierung wichtiger Beweismittel archiviert; die Staatsanwaltschaft versuchte später, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Aktuell wird Flávio außerdem wegen mutmaßlicher Korruption und Geldwäsche untersucht. Verurteilt wurde er deswegen bislang nicht.


Lateinamerika rückt nach rechts

Ein Wahlsieg Flávio Bolsonaros hätte deshalb nicht nur innenpolitische Folgen. Er würde auch den Rechtsruck in Lateinamerika weiter festigen. Länder wie Argentinien, Kolumbien und Peru haben zuletzt konservative bis weit rechts stehende Regierungen gewählt, von denen sich mehrere deutlich an Donald Trump und die USA angenähert haben. Würde mit Brasilien auch das größte Land Lateinamerikas diesen Kurs einschlagen, wäre das ein starkes Signal für eine politische Neuordnung der Region.

Wie geht es außenpolitisch weiter?

Ein weiterer zentraler Unterschied zwischen Lula und Bolsonaro liegt in ihrem Verhältnis zu den USA. Flávio Bolsonaro und sein Vater Jair haben ihre politische Nähe zu Donald Trump immer wieder offen gezeigt und setzen auf engere Beziehungen zu Washington – unter anderem mit dem Argument, dadurch mehr US-Investitionen nach Brasilien zu holen.

Wie politisch aufgeladen dieses Verhältnis inzwischen ist, zeigte sich im Juli 2025. Damals kündigte Trump Zölle von 50 Prozent auf zahlreiche brasilianische Produkte an und verwies dabei ausdrücklich auf das Strafverfahren gegen Jair Bolsonaro, das er als "Hexenjagd" bezeichnete. Die Maßnahme wurde später für einige wichtige Exportgüter teilweise abgeschwächt. Lula wertete den Schritt als unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Brasiliens. Die Justizverfahren gegen Jair Bolsonaro liefen dennoch weiter.

Damit wird eine Frage sichtbar, die weit über Brasilien hinausgeht: Wo endet legitime Außenpolitik – und wo beginnt politischer Druck auf einen souveränen Staat?

Souveränität und Strategie

Diese Frage stellt sich auch deshalb, weil die USA Lateinamerika wieder deutlich stärker als strategischen Raum betrachten. In ihrer aktuellen Sicherheitsstrategie spricht die Trump-Regierung ausdrücklich davon, die amerikanische "preeminence" in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und den Einfluss außerkontinentaler Konkurrenten auf strategische Infrastruktur, Lieferketten und Ressourcen zurückzudrängen. Besonders im Blick steht dabei China.

Brasilien pflegt dagegen seit Jahren enge Wirtschaftsbeziehungen zu China, seinem größten Handelspartner, und versucht zugleich, mit den USA und Europa zusammenzuarbeiten. Unter Lula gehört diese außenpolitische Balance ausdrücklich zur Strategie: möglichst enge Beziehungen zu mehreren Machtzentren, ohne sich eindeutig einem davon unterzuordnen.

Auch wirtschaftlich ist Brasilien strategisch interessant. Das Land verfügt über eine der weltweit größten Reserven an Seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen, die unter anderem für Halbleiter, Batterien und die Rüstungsindustrie wichtig sind. Für die USA, die ihre Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten reduzieren wollen, gewinnt Brasilien damit zusätzlich an Bedeutung.

Eine weitere Debatte betrifft amerikanische Tech-Konzerne. Im aktuellen Wahlkampf wurden technische Einschränkungen bei Konten und Werbeanzeigen von Lula bekannt, während Plattformen zugleich Inhalte und Kanäle von Flávio Bolsonaro empfahlen.

Metas unabhängiges Oversight Board kritisierte wiederholte Fehler bei der Durchsetzung der eigenen Regeln und sprach ausdrücklich von technischen Einschränkungen, die einen brasilianischen Präsidentschaftskandidaten getroffen hätten. Meta selbst weist den Vorwurf politischer Bevorzugung zurück und führt die Vorfälle auf technische Fehler und die Anwendung brasilianischer Regeln zurück. Bislang gibt es keinen Nachweis einer gezielten Wahlmanipulation.

Auch hier stellt sich damit eine Souveränitätsfrage: Wie weit kann ein Staat seinen politischen Raum selbst regulieren, wenn ein großer Teil der öffentlichen Debatte auf Plattformen stattfindet, die ausländischen Konzernen gehören?


Warum Europa auf Brasilien schauen sollte

Brasilien steht damit vor Fragen, die auch Europa beschäftigen: Wie viel strategische Eigenständigkeit ist gegenüber den USA möglich? Wie lässt sich wirtschaftliche Abhängigkeit von China begrenzen, ohne wichtige Handelsbeziehungen aufzugeben? Und wie stark können Staaten globale Tech-Konzerne regulieren? Die Präsidentschaftswahl entscheidet diese Fragen nicht allein – sie wird aber wesentlich mitbestimmen, welchen außenpolitischen Kurs Brasilien in den kommenden Jahren einschlägt.

Mit Flávio Bolsonaro wäre eine deutlichere Annäherung an die USA zu erwarten, verbunden mit der Frage, wie groß der politische und wirtschaftliche Spielraum Brasiliens dabei bleiben würde. Lula hingegen verspricht mehr außenpolitische Eigenständigkeit und einen stärker selbstbestimmten Kurs, allerdings mit den wirtschaftlichen und diplomatischen Herausforderungen, die damit einhergehen.

Was Brasilien am Sonntag entscheidet, ist deshalb auch eine Frage, die Europa kennt: Wie viel eigener Handlungsspielraum bleibt in einer Welt, die zunehmend von Großmächten und globalen Konzernen geprägt wird?


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

folha.uol.br: "Datafolha: Flávio Bolsonaro e Lula empatam com 50% dos votos válidos cada um"

fao.com: "UN World Hunger Map"

ibge.gov.br: "Desemprego"

cnnbrasil.com.br: "Trump anuncia tarifa de 50% para Brasil"

g1.globo.com: "Empresa dos EUA avança na compra de mineradora brasileira de terras raras com apoio bilionário do governo"

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