Bernd Raffelhüschen
Bei "Sarah Tacke": Finanzexperte verurteilt Erbschaftsteuer als "Witzsteuer"
Veröffentlicht:
von Marko Schlichting:newstime
Klingbeil knickt ein: Steuerpläne gestoppt
Videoclip • 01:01 Min • Ab 12
Die Erbschaftsteuer sorgt in Deutschland seit Jahren für Diskussionen. Auch in der ZDF-Talkshow mit Sarah Tacke ging es am Donnerstagabend um die Frage, warum manche Erben Steuern zahlen müssen und andere nicht. Dabei wurde auch über soziale Ungleichheit und Chancengleichheit diskutiert.
Streit bei "Sarah Tacke" um die Erbschaftssteuer
Es ist kompliziert, das Erbrecht. Das muss auch ZDF-Moderatorin und Juristin Sarah Tacke am Donnerstagabend feststellen. Sie will mit ihren Gästen über die Erbschaftssteuer diskutieren und darüber, warum Unternehmenserb:innen unter bestimmten Voraussetzungen von der Steuer ausgenommen sind. Das sei ungerecht, sagen viele. Im Oktober berät das Bundesverfassungsgericht erneut über das Thema.
Eine klare Position hat Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen. Er findet die Erbschaftsteuer grundsätzlich nicht gut und will sie abschaffen. Stattdessen will er die Einkommenssteuer um anderthalb oder zwei Prozent erhöhen. Eine "Witzsteuer", so nennt er die Erbschaftsteuer. Denn am Ende komme für den Staat dabei kaum etwas herum.
Finanzwissenschaftler und Ökonom, Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, übte bei "Sarah Tacke" scharfe Kritik an der Erbschaftssteuer.
Bild: ZDF
Finanzwissenschaftler Raffelhüschen: "Eine Witzsteuer"
"Die Erbschaftsteuer ist ein unglaublich administrativer Gewaltakt. Sie schafft Bürokratie ohne Ende. Sie müssen immer dann, wenn Sie nicht Erträge, also Einkommen besteuern, sondern wenn Sie Werte besteuern, eine Wertbestimmung vornehmen. Sie müssen sagen, wie viel ist das Unternehmen wert, das Grundstück und so weiter, und sobald Sie Bewertungen haben, haben Sie natürlich Ärger mit dem Zensiten. Denn der findet, dass die Bewertung zu hoch ist und dadurch kommen wir natürlich immer zu wahnsinnigen Streitigkeiten."
Andrea Thoma-Böck ist Unternehmerin in dritter Generation und will, dass ihre 120 Mitarbeiter:innen ihre Jobs behalten. Darum sollen ihre Kinder einmal erben, wenn sie wollen - jedoch möglichst steuerfrei. "Das ist ja alles schon versteuertes Geld", gibt sie zu bedenken, "Und vor allem auf Anlagevermögen noch Erbschaftsteuern zu zahlen, damit belastet man die nachfolgenden Generationen." Man habe bereits Nachfolgeprobleme in Deutschland, so Thoma-Böck: "Seit 2018 haben wir im Prinzip eine Wirtschaftskrise oder kein Wachstum. Wenn ich es den Erben jetzt noch so schwer mache, dann sagen einfach viele, ich möchte das gar nicht übernehmen."
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"Das ist doch dramatisch, denn dann ist der Aufstieg schon verweigert"
Gegen wirtschaftlichen Aufstieg habe sie nichts. Den verhindere aber der Staat, kritisiert die Unternehmerin, die auch CSU-Mitglied ist. "Warum kriegt es der Staat nicht hin, dass wir wirklich Bildung ermöglichen und für alle die gleichen Chancen? Und warum kann nicht jedes Grundschulkind lesen? Das ist doch dramatisch, denn dann ist der Aufstieg schon verweigert."
Die Schuld allein dem Staat zuzuschieben, lehnt Kevin Kühnert ab. Der ehemalige SPD-Generalsekretär, der heute Bereichsleiter Steuern bei Finanzwende e.V. ist, kritisiert die Spanne zwischen Arm und Reich und weist darauf hin: Menschen aus armen Familien würden nicht so leicht in der Gesellschaft aufsteigen wie solche, die viel Geld haben. Etwa durch Erbschaft oder weil sie aus Akademikerfamilien kommen.
Natalya Nepomnyashcha ist dagegen ein Beispiel für sozialen Aufstieg. Sie lebte früher von Hartz IV und in einem sozialen Brennpunkt. Ohne Abitur studierte sie Internationale Beziehungen in Großbritannien. Heute arbeitet sie in einer internationalen Unternehmensberatung und ist Gründerin des "Netzwerk Chancen", einer Organisation, die wirtschaftlich benachteiligten Erwachsenen beim Aufstieg hilft. Sie fordert: "Wir brauchen mehr soziale Aufsteiger in einflussreichen Positionen mit Verantwortung, sowohl in Politik als auch in Wirtschaft und Gesellschaft."
Natalya Nepomnyashcha fordert Chancengleichheit "unabhängig der Herkunft"
In Deutschland gebe es keine Chancengleichheit. Nur wenige stiegen auf, kritisiert sie. "Das liegt sicherlich nicht daran, dass sie nicht talentiert sind. Wir haben ja grundsätzlich oft die Erzählung, dass die, die arm sind, das nicht verdient haben, vielleicht nicht genug dafür gearbeitet haben. Aber das ist in meinen Augen etwas, das überhaupt nicht stimmt. Sehr viele arbeiten sehr hart, hatten aber einfach irgendwo Pech." Das "Netzwerk Chancen" biete genau diesen Menschen verschiedene Karriereprogramme an.
"Wir bieten Workshops an, Coachings, Mentoring, haben über 4.000 Mitglieder und unterstützen sie dabei, eine Karriere zu machen. Egal, ob sie studieren möchten - wir haben auch Nichtakademiker bei uns, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es darum geht, dass jeder Mensch seine Talente erkennt, seine Stärken erkennt und sie ergreifen kann, unabhängig der Herkunft", so Nepomnyashcha.
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