Wissenschaft
Unsichtbare Krise an den Küsten: Trinkwasser wird knapper
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von Claudia Scheele:newstime
Giftige Rückstände bedrohen Millionen
Videoclip • 01:36 Min • Ab 12
Messdaten aus 480.000 Brunnen zeigen: In vielen Küstenregionen sinken Grundwasserspiegel – und der Schutz vor eindringendem Meerwasser wird schwächer.
Das Wichtigste in Kürze
Auswertungen von rund 480.000 Messstellen zeigen: In etwa einem Fünftel der weltweiten Küstenzonen steigen oder sinken Grundwasserspiegel deutlich, besonders oft in trockenen Regionen und bei tiefen Grundwasserständen.
Besonders gefährdet sind Gebiete mit flachem Land‑Meer‑Gefälle und wenig Nachschub durch Regen – dort kann Meerwasser leichter in die Süßwasserleiter eindringen und Trinkwasser, Landwirtschaft und Ökosysteme versalzen.
Die meisten heute kritischen Küstenabschnitte bleiben laut Prognose auch im nächsten Jahrzehnt problematisch.
Küstennahes Grundwasser ist für fast drei Milliarden Menschen eine zentrale Trinkwasserquelle. Doch eine neue Studie in "Nature" zeigt, wie verletzlich diese Ressource ist: In vielen Regionen sinken die Grundwasserspiegel oder die Druckverhältnisse kippen so, dass Meerwasser leichter ins Landesinnere eindringen kann.
Ein internationales Team hat dafür rund 480.000 Messstellen in Küstennähe ausgewertet. Die Daten reichen von 1990 bis 2024 und decken Böden bis 100 Kilometer von der Küste entfernt ab. Erstmals entsteht so ein globales Bild, wie sich Küstengrundwasserstände verändern und wo das Risiko der Versalzung besonders hoch ist.
Wo Meerwasser die Oberhand gewinnt
Entscheidend für die Gefahr der sogenannten Meerwasserintrusion ist das Gefälle zwischen Land und Meer: Fließt Grundwasser mit genügend Druck Richtung Ozean, hält es das Salzwasser zurück. Wird dieses Gefälle flach oder kehrt sich um, kann Meerwasser den Süßwasserkeil unter der Küste verdrängen.
Die Forscher:innen nutzten die gemessenen Grundwasserstände, um dieses Land‑Meer‑Gefälle zu berechnen und mit Klimadaten zu verknüpfen. Besonders gefährdet sind demnach Küsten, an denen die Unterschiede im Wasserspiegel sehr gering sind und das Klima eher trocken ist – also wenig Niederschlag zur Neubildung von Grundwasser liefert.
Solche Konstellationen fanden sie etwa an Teilen der US‑Ost‑ und Golfküste, in Mittelamerika, rund um das Mittelmeer, bei Kapstadt, in Teilen Indiens und im Osten Australiens. In diesen "Hotspots" reichen schon kleine Veränderungen, um den natürlichen Schutzschild gegen Salzwasser zu schwächen.
Sinkende Spiegel in trockenen, ländlichen Regionen
Die Auswertung der Trends zeigt: In 21 bis 28 Prozent der untersuchten Küstenflächen lassen sich über Zeiträume von neun bis 19 Jahren klare Anstiege oder Rückgänge von mehr als 0,1 Meter pro Jahr erkennen. Weltweit sind steigende und fallende Wasserstände ungefähr gleich häufig – doch gerade in trockenen Regionen mit tiefen Grundwasserständen häufen sich die Abwärtsbewegungen.
Besonders auffällig: In ländlichen Gegenden treten signifikante Trends etwas häufiger auf als in Städten, und ein größerer Teil davon zeigt nach unten. Das deutet darauf hin, dass intensive Bewässerungslandwirtschaft und unregulierter Wasserentzug im Hinterland Küstengrundwasser zusätzlich unter Druck setzen – auch wenn die Studie bewusst keine direkten Schuldigen benennt.
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Hotspots bleiben – und neue kommen hinzu
Die Forscher:innen haben außerdem berechnet, wie sich die Lage in den kommenden zehn Jahren entwickeln könnte, wenn die beobachteten Trends anhalten. In über 93 Prozent der bereits heute salzgefährdeten Küstenabschnitte bleiben die kritischen Bedingungen bestehen. In 3,5 Prozent der Gebiete entstehen neu gefährdete Zonen, nur in gut drei Prozent verbessert sich die Situation so, dass der Druck des Süßwassers Richtung Meer wieder zunimmt.
Die Autor:innen betonen, dass ihre Kennzahlen vor allem ein Frühwarnsystem sind. Sie zeigen, wo genauer hingeschaut werden muss – durch dichtere Messnetze, Salzmessungen, strengere Entnahme-Regeln und eine bessere Planung von Landwirtschaft, Wasserwerken und Stadtentwicklung in Küstennähe.
Denn wenn Meerwasser einmal weit in einen Grundwasserleiter eingedrungen ist, lässt sich das Rad kaum zurückdrehen. Trinkwasser wird ungenießbar, Böden versalzen, Ökosysteme verändern sich. Die Studie macht deutlich, dass sich steigender Meeresspiegel, zunehmende Trockenheit und wachsender Wasserbedarf genau dort treffen, wo der Spielraum der Natur besonders klein ist: im schmalen Übergang zwischen Land und Meer.
Verwendete Quellen:
nature water: "Coastal groundwater-level trends reveal global susceptibility to seawater intrusion"
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